Fast hatte man den Eindruck, dass Israel Gonzalez der ganze Trubel etwas zu viel gewesen ist, er vielleicht lieber auch mal kurz für sich gewesen wäre. Das Protokoll nach dem Gewinn eines Titels aber sieht solche Auszeiten, von denen er als Trainer während des Spiels normalerweise fünf zur Verfügung hat, nicht vor. In den Momenten des Jubels, dem Überstreifen der angefertigten T-Shirts, dem abermaligen Jubeln inklusive zahlreicher Umarmungen aller über den Weg laufenden Gratulanten gibt es keinen Moment der Ruhe, des Innehaltens oder Sackenlassens der zurückliegenden Monate, Wochen, Tage, Stunden und Minuten. Erst recht nicht, wenn die Scheinwerfer nur gefühlte Augenblicke nach dem 96:81-Sieg in Spiel vier der Finalserie gegen Bayern München schon wieder auf einen gerichtet sind. Wenn man als Trainer jedem Spieler, Betreuer und Verantwortlichen des Vereins eine Medaille um den Hals hängen soll.

Die Siegerehrung der Bundesliga muss in dieser Form weiterbestehen

Wenngleich man an dieser Stelle sagen muss, dass die Siegerehrung die schönste Errungenschaft der Basketball-Bundesliga seit Ausbruch der Corona-Pandemie ist und niemals abgeschafft werden darf. Diese Zeremonie schafft solch innige Momente, wenn der Trainer jedem ein paar schöne Wörter ins Ohr flüstert, er allen tief in die Augen schaut und sie herzlich umarmt, wie es eine Medaillenübergabe eines Offiziellen oder Außenstehenden niemals schaffen kann.

Imago/Camera4+
Albas Trainer Israel Gonzalez (r.) umarmte nach dem Spiel natürlich auch Sportdirektor Himar Ojeda.

Als am frühen Sonntagabend noch eine Medaille auf dem kleinen Kissen lag, Gonzalez sie von Alba Berlins Kapitän Luke Sikma und Geschäftsführer Marco Baldi umgehängt bekam und anschließend von ihnen zum restlichen Team getragen wurde, wirkte die Szenerie unangenehm für den Spanier. Der Ruhm dieser elften deutschen Meisterschaft, seiner ersten als Cheftrainer, gebührte nicht nur ihm, sondern dem gesamten Team, wie Gonzalez mit ausgebreiteten Armen vor der Mannschaft stehend zum Ausdruck brachte. Eine Mannschaft, die man sich in seinem ersten Jahr als Cheftrainer nicht geschlossener wünschen kann, als sie sich auch in dieser Saison präsentierte. Am liebsten hätte Gonzalez jeden noch einmal umarmt.

Es wird oft über Teamgeist gesprochen, bei Alba Berlin wird er seit ein paar Jahren intensiv gelebt. „Die Jungs lieben sich ja“, sagte ein erfüllter Marco Baldi, wie er sich selbst nach dem Spiel beschrieb. Seit September des vergangenen Jahres waren die Spieler in drei verschiedenen Wettbewerben lange und sehr intensiv zusammen und trotzdem „suchen sie sich selbst in ihrer Freizeit und das wird heute noch weitergehen. Die können sehr gut feiern, weil sie sich mögen. Die mögen sich auch, weil sie sich auf dem Spielfeld gegenseitig vertrauen. Und jeder spürt, dass er davon auch persönlich profitieren kann. Das bedeutet sehr viel.“

Baldi selbst hat als Geschäftsführer alle elf Meisterschaften und elf Pokalsiege seines Vereins erlebt. Die sieben Meistertitel zwischen 1997 und 2003 etwa. Dass Alba Berlin am Sonntag in München die dritte Meisterschaft in Folge feierte, ist nicht weniger hoch zu bewerten, denn „wir haben heute einen ganz anderen Wettbewerb“, so Baldi, „der Wettbewerb ist viel intensiver, viel hochklassiger. Damals war die Ausgeglichenheit in der Spitze nicht so groß, da konnte man mit einer ganz großen Qualität beherrschend sein.“

City-Press/Moritz Eden
Bei der späten Ankunft in der Nacht zu Montag ließen sich Trainer Israel Gonzalez und Geschäftsführer Marco Baldi (v. l.) von wartenden Fans bejubeln.

Diese Rolle schien eigentlich dem FC Bayern München, dem Finalgegner der Berliner, zugedacht zu sein. 2018 und 2019 hatte man gegen Alba die Meisterschaft gewonnen, verfügt seitdem über den deutlich höchsten Etat aller Bundesligavereine und deshalb über die qualitativ besten sowie erfahrensten Spieler. Aber: Von den vergangenen sechs zu vergebenen Titeln auf nationaler Ebene konnten die Münchner im BBL-Pokal der Vorsaison nur einen gewinnen, die restlichen fünf gingen an Berlin. Man brauche mehr als den höchsten Etat und die besten Spieler, müsse heute mit Kreativität, Können und Wissen viel mehr zusammenbringen als vor 20 Jahren, so Baldi.

Alba Berlin kann geringere Qualität gegenüber Bayern München ausgleichen

Er und Sportdirektor Himar Ojeda haben seit 2016 eine Kultur, eine Philosophie im Verein geschaffen, die eine geringere Spielerqualität und einen geringeren Etat gegenüber den Bayern ausgleichen kann. Bei der Kaderzusammensetzung haben sie nicht auf teure fertig ausgebildete und erfahrene, sondern auf junge und entwicklungsfähige Spieler, aber dabei auch auf etwas mehr Risiko gesetzt. Ganz besonderer Wert aber wurde auf die Charaktere und deren Kompatibilität zueinander gelegt. Genau das ist zur größten Stärke der Mannschaft geworden. „Wir haben eine großartige Teamchemie und lieben, was wir tun. Die Spieler genießen das und arbeiten jeden Tag sehr hart“, sagte Israel Gonzalez in einem zum Protokoll gehörenden Interview nach dem Spiel. Etwas Zeit zum Nachdenken bekam er erst, als es mit der Mannschaft am Sonntagabend im Zug zurück nach Berlin ging. Verarbeiten wird er die vergangenen Monate aber erst, wenn er auch die letzten zur Meisterschaft gehörenden Feierlichkeiten geschafft hat und er sich eine Auszeit nehmen kann.