Das Aufstiegsfoto ist bereits im Kasten. Der Beleg lag am Wochenende im Stadionheft des 1. FC Union zum Abschlusstest gegen den englischen Erstligisten Crystal Palace. Auf dem Poster zu sehen: ein Team im kollektiven Jubel, die Arme hochgerissen, der Kapitän am Megafon. Doch dann haben die Unioner bei ebendiesem Spiel einen Fehler gemacht. Schon wieder haben sie ihre Generalprobe gegen einen hoch dotierten europäischen Verein gewonnen. In der Vergangenheit verloren sie in der anschließenden Euphorie gleich zu Saisonbeginn wichtige Zähler, so zuverlässig, wie die Nacht auf den Tag folgt. Eines ist in diesem Jahr allerdings eine Woche vor dem Auftakt gegen Düsseldorf anders und schürt die Hoffnung, dass die Sonne gerade erst aufgeht.

Energie aus Überzeugung

Auffällig beim 2:0 gegen den Klub aus London war die Überzeugung, mit der die Mannschaft alle vorhandene Energie einsetzte. Beispielhaft dafür war ausgerechnet einer, der in diesem Jahr ein Alter erreicht hat, in dem Fußballern gerne eine einsetzende Senilität nachgesagt wird. Sören Brandy trat auf wie ein Nachwuchsspieler, der den Coach allein durch pure Einsatzbereitschaft davon überzeugt, ihm eine Chance zu geben. Der 30-Jährige hat gemerkt, dass er einiges investieren muss, um dabei zu sein. Und das will der Angreifer unbedingt. Denn die Spieler – und das ist der auf dem Rasen sichtbare Unterschied − glauben daran, dass Norbert Düwels Spielphilosophie zum Erfolg führt. Sie haben ihren Trainer ein Jahr nach dessen Amtsübernahme als Fachkraft akzeptiert.

Zu dieser psychologischen Dimension kommt die fußballerische Weiterentwicklung. 2014 beim 2:1 gegen den FC Sevilla wurden die Anweisungen des neuen Coaches nur befolgt – pflichtbewusst und mechanisch. Jetzt kommt Leben ins System. Gegen Crystal Palace sah man nicht mehr gelehrsame Schüler, die brav vorgemalte Schablonen ausfüllen, sondern selbstständige Teammitglieder, die auf Basis des Gelernten ein grünes Rechteck über 90 Minuten mit eigener Intuition füllen. Selbstverständlich geschah das in der Generalprobe nicht von Beginn an mit meisterhaften Strichen. Die Spieler des Zehntplatzierten der Premier League waren athletischer, ihre Spielanlage wirkte schneller und selbstverständlicher. Düwel bemängelte zudem den anfänglichen Respekt seiner Fußballer in der Zweikampfführung.

Stabil dank Kessel

Nicht zu übersehen war jedoch die vom ihm gepredigte Zielstrebigkeit. Am eindrucksvollsten wurde sie von Steven Skrzybski vorgeführt, einem 22-Jährigen also, der sich bis dato als Autor des Chef d’Œuvre „Hundert unmögliche Arten, eine todsichere Torchance zu vergeben“ empfohlen hatte. Zwei Minuten nach seiner Einwechslung bekam er vom sowohl in der Abwehr wie auch später im Mittelfeld überzeugenden Christopher Trimmel den Ball in den Lauf serviert. Drei Kontakte, Tor (57.). Später profitierte er vom nachsetzenden Kenny Prince Redondo. Hacke, Drehung, wieder Tor (89.).

Es bildet sich eine Formation heraus, in der auch bei wechselnder Besetzung jeder weiß, was zu tun ist. Und wenn ein Team als Ganzes funktioniert, kann jeder Einzelne seine Stärken besser ausspielen. Damir Kreilach etwa bringt sein feines Passgefühl auf der neuen, offensiveren Position noch eindrucksvoller zur Geltung, weil er nicht mehr durch die Defensivarbeit eingeengt wird. Diese übernimmt der abgeklärte Zugang Stephan Fürstner, und die Dreier-Verteidigungsreihe dahinter erledigt ihre Aufgaben ordentlich. Auch weil Benjamin Kessel, der neue Mann in der Abwehrmitte, die gedankliche Schnelligkeit mitbringt, entstehende Gefahren vorab zu erkennen, zudem das physische Tempo, um sie zu vereiteln.

Eine bedeutsame Lektion

Letztes Jahr hat der Erfolg gegen den ziemlich müden Europa-League-Sieger aus Spanien die Umstellungsschwierigkeiten überblendet. Dieses Mal war der Gegner ausreichend gut, um Union eine bedeutsame Lektion beizubringen: „Wir haben gemerkt, dass gar nichts zu holen ist, wenn wir nur mit 90 Prozent in die Zweikämpfe gehen“, sagte Skrzybski. Ob er in neun Monaten mit seinen Kollegen genauso gut gelaunt vor dem Fotoapparat posieren wird wie vor dem Saisonauftakt, ist trotzdem nicht garantiert. Es gibt eine Handvoll anderer Vereine, die sich ebenfalls weiterentwickeln. Sicher aber ist, dass sich die Union-Fans auf ansehnlichen Fußball freuen können.