BerlinTao Geoghegan Hart hat den Giro d’Italia gewonnen. Das ist wieder einmal so eine Geschichte, wie sie im Sport gern erzählt wird. Zumal im Radsport, der sich in unschöner Regelmäßigkeit mit dem Thema Doping konfrontiert sieht, zwar mittlerweile Fortschritte erkennen lässt, aber ebenso oft Rückschläge hinnehmen muss.

Die Geschichte von Harts Triumph ist so ein Fortschritt, bis zum Beweis des Gegenteils jedenfalls. Der Profi vom Team Ineos Grenadiers ist 25 Jahre alt, in London geboren, legte auf der Bahn einen für Briten im Radsport typischen Karrierestart hin, wechselte 2017 zum Team Sky, trat nun beim Giro 2020 als Helfer an und verließ die große Rundfahrt nach drei Wochen als Sieger. Auf Platz zwei der Gesamtwertung kam Jai Hindley, 24.

Verdächtige Protagonisten im Hintergrunde

Bei der Tour de France setzte sich unlängst Tadej Pogacar durch, seinerzeit 21 Jahre alt. Kämpferischster Fahrer in Frankreich war der Schweizer Marc Hirschi, 22. Lennard Kämna aus Deutschland gewann eine Etappe. Bei den Klassikern fuhren Mathieu van der Poel, 25, aus den Niederlangen und der Belgier Wout van Aert, 26, ganz vorne um die Wette.

Altgediente Kräfte verabschieden sich dagegen etappenweise. Zum Teil sind es hochverdächtige Protagonisten des vergangenen Jahrzehnts wie Christopher Froome, den seit seinem ersten Gesamtsieg bei der Tour de France 2013 Gerüchte und Indizien begleiteten, dass er nicht immer ganz sauber unterwegs war.

Ein Generationswechsel vollzieht sich momentan. Das ist ein normaler Vorgang, wird im Radsport jedoch immer von der Hoffnung begleitet, dass damit ein Mentalitätswechsel einhergeht. Bei Fahrern ohne einschlägiger Vorgeschichte erscheint das plausibel, bei den im Hintergrund tätigen Verantwortlichen erfordert dies schon einen starken Glauben an das Gute im Menschen und an seine Wandlungsfähigkeit.

Chef von Harts Rennstall ist Sir David Brailsford. Er war schon der Teameigner, als sich Christopher Froome und zuvor Bradley Wiggins bei ihren Tour-Siegen Zweifeln gegenübersahen. Unter anderem wegen zweifelhafter Lieferungen von Medikamenten in die Firmenzentrale in Manchester.

Auch in der Mannschaft des Slowenen Pogacar arbeitet belastetes Begleitpersonal: der Schweizer Mauro Gianetti etwa oder Matxin Fernandez. Ein Mentalitätswechsel sei ihnen zu wünschen als Moderatoren des Generationswechsels. Denn es ist die wohl wichtigste Aufgabe im Kampf gegen Doping, nicht nur im Radsport, die Weitergabe schlechter Verhaltensmuster zu unterbinden, die Kette schädlicher Traditionen zu durchbrechen.

Harts Gesamtsieg bei der 103. Italien-Rundfahrt gilt dem Radsport als sensationell. Dieses Prädikat wird dieser Sieg sich redlich verdient haben, wenn er als saubere Leistung dauerhaft Bestand hat.