Fortwährend Weltklasse: die Bob-Piloten aus der DDR.
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BerlinNur drei Monate nach der deutschen Wiedervereinigung gingen die Bobsportler im Februar 1991 im Eiskanal von Altenberg erstmals gemeinsam auf WM-Medaillenjagd. Und wie. Mit dem „Wessi“ Christoph Langen auf der Bremse holte Topfavorit Wolfgang Hoppe Viererbob-Gold, Harald Czudaj hinter dem Schweizer Gustav Weder Bronze. „Mit meinem Idol Wolfgang Hoppe Weltmeister zu werden als Anschieber auf der Bremse war unglaublich, als erste gesamtdeutsche Mannschaft, da ist ein Traum wahr geworden“, sagt Langen, der dann 2010 seinem damaligen Cheftrainer Raimund Bethge im Amt folgte.

Der im Sommer nach dem Wende-Herbst neu ins Amt berufene Bundestrainer Bethge hatte zahlreiche Weichen neu zu stellen. „Wir hatten in jedem Nationalteam 30 bis 40 Kaderathleten, die wir insgesamt auf 36 runterkürzen mussten“, erinnert sich der Erfolgscoach.

Mit Rudi Lochner und Anschieber Markus Zimmermann hatte er zudem die schnellsten Starter der Welt in seinen Reihen. Die Zusammenlegung von Ost und West war sofort erfolgreich. Die beiden Bayern gewannen auf der ostdeutschen Bahn 1991 WM-Gold - auch weil sie einen Bob aus Oberhof fuhren, der direkt auf die Bahnverhältnisse in Altenberg abgestimmt war, verriet Bethge fast 30 Jahre später.

Dabei stand „die WM sogar auf der Kippe. Wir haben es Präsident Klaus Kotter und Generalsekretär Günter Gscheidlinger zu verdanken, beide hatten sich für die WM stark gemacht“, sagt Bethge. Immerhin befand sich der Bergbau im Erzgebirge in einer Krise, es fehlte an Hotels und Unterkünften in der strukturschwachen Grenzregion zu Tschechien.

Der Präsident des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland (BSD) rettete nicht nur die WM, er setzte auch frühzeitig auf Bethge als Bundestrainer. Ein genialer Schachzug. Die deutschen Bobteams fuhren in den zwei Jahrzehnten unter seiner Ägide bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften 52-mal Gold, 36-mal Silber und 38-mal Bronze ein.

Die Eisschlange im Kohlgrund zwischen Oberbärenburg und Hirschsprung gilt heute noch als die anspruchsvollste der Welt. Damals war sie grenzwertig. Im Vorfeld gab es zwei tödliche Unfälle. „Ich würde die Bahn nicht als äußerst gefährlich einschätzen, man braucht aber ein gewisses Niveau, das ist vorausgesetzt, wenn man hier ordentlich runterkommen will“, sagte Harald Czudaj damals. Diese Aussage hat auch immer noch Bestand. Selbst Zweierbob-Rekordweltmeister und Doppel-Olympiasieger Francesco Friedrich rutschte auf seiner Heimbahn schon mehrmals auf der Seite liegend in die Zielkurve.

Hoppe, der zu den erfolgreichsten Piloten der Welt gehörte, erinnert sich an die schwierige Bauphase. „Es war ein Hochsicherheitsgebiet, wir durften nur mit Passierschein drauf“, sagt der Athlet vom ASK Vorwärts Oberhof und schüttelt schon beim ersten Anblick der Betonröhre den Kopf: „Wir versuchten den Konstrukteuren zu vermitteln, dass die Kurven, die im Rohbau standen, so nicht funktionieren können.“

Die erste Bahn war eine Fehlkonstruktion und wurde in 17 Kurven weggesprengt. Dann baute die Stasi die Bahn für zig Millionen DDR-Mark nochmal neu. 1987 wurde sie dann vor tausenden Zuschauern mit dem Aero-Cup eröffnet. „Ein riesiges Erlebnis in den heiligen Sportstätten der DDR zu fahren, wir haben gleich gesehen wie schwierig die Bahn war“, sagt Langen.

Trotz der sportlichen Erfolge nach der Wiedervereinigung überschlugen sich die Ereignisse bei den Winterspielen 1992 und 1994. In Albertville, wo Hoppe zum ersten Fahnenträger des wiedervereinigten Deutschlands bestimmt wurde, wurde die Stasi-Vergangenheit von Czudaj bekannt, zwei Jahre später die seines Trainers Gerd Leopold, der Czudaj in Lillehammer zum Olympiasieg führte.

Was machte Kotter? Der 2010 verstorbene Steuerberater aus Bayern, der gute Kontakte zur damaligen Gauck-Behörde hatte, sicherte sich frühzeitig ab. Er ließ persönliche Briefe von den Athleten verfassen, wo drin stand, was sie gemacht und was sie nicht gemacht haben. Diese verschloss er daheim in seinem Tresor und nahm sie nur bei Bedarf raus - oder mit ins Grab, wie er damals selbst sagte. Das zahlte sich aus, er konnte damals bei Bedarf nachweisen, dass die beschuldigten Athleten oder Trainer als Informelle Mitarbeiter (IM) niemand geschädigt hatten.

Kotter war für die Athleten wie ein Beichtvater. „Er hat es nur vom Sportlichen her gesehen, sich auch nicht beirren lassen von außen“, sagte Bethge und lobte das Vorgehen: „Er war ein aufrechter Mann mit einer Menge Realitätssinn und einer der wenigen Verbandspräsidenten, die es wirklich neutral gehandhabt haben.“