Noch immer haftet Gerd Müller das Etikett des Abstaubers an und seinen Toren  der Ruch des Schmucklosen und Ordinären. Der legendäre Bayern-Stürmer habe zwar einen einmaligen Riecher gehabt und meist am richtigen Ort gestanden – ein  sonderlich guter Fußballer aber sei er nicht gewesen, so geht die Erzählung.

Von der Grundlinie unter die Querlatte

Dabei braucht man sich nur eines seiner berühmtesten Tore anzuschauen, um sich vom Gegenteil zu überzeugen. Es stammt vom Mai 1974, es ist die 56. Spielminute im Finale des Europapokals der Landesmeister gegen Atlético Madrid, als Jupp Kapellmann  vom linken Flügel eine  weite Flanke in den Strafraum schlägt. Gerd Müller muss einen Sprint hinlegen, um den Ball zu erwischen, schafft dies, kurz bevor dieser  ins  Toraus fliegt, titscht ihn dabei kurz an und  schießt ihn  in  scheinbar gerader Linie  von der Grundlinie unter den Querbalken. Es ist das 2:0, am Ende gewinnt der FC Bayern das Spiel mit 4:0 und ist von da an eine  Fußball-Supermacht.

Der Historiker Hans Woller beginnt seine Biografie über den größten deutschen Stürmer aller Zeiten, der dieser Tage in einem Münchner Pflegeheim in sein 75. Lebensjahr geht, nicht umsonst mit diesem Kunstwerk. Denn er hat sich mit dem Projekt der vornehmen Aufgabe  verschrieben, das gängige Müller-Bild des eindimensionalen Abstaubers und Menschen zu korrigieren. Viele, schreibt Woller, beschrieben ihn „als weltfremden Tropf, der mit unendlichem Glück zahlreiche Abstaubertore erzielt habe, im Leben abseits des Platzes aber nicht zurechtgekommen sei“.  Ein früherer Mitspieler habe die Idee einer Müller-Biografie sogar als „hirnrissig“ bezeichnet: Für das, was über ihn  zu sagen sei, reichten fünf Sätze.

Das Etikett "Bomber" war nie gerechtfertigt

Es ist genau diese Herablassung, die der Junge aus Nördlingen in der schwäbischen Provinz immer zu spüren bekam und die diesem menschlich wie fußballerisch voller Feingefühl steckenden Sportsmann zusetzte, seitdem er Mitte der 60er-Jahre  auf der großen Fußballbühne erschien.  Angefangen damit, dass ihn die Öffentlichkeit „Bomber“ nannte, was etwas Spöttisches hatte und mehr auf seine latente Stämmigkeit abzielte, als dass „seinem Fußballstil etwas  anhaftete, was dieses Etikett gerechtfertigt hätte“.    

Aber auch im sich  just zu Müllers Zeiten  zum Entertainment wandelnden Fußballbetrieb gab man ihm bis zuletzt den Eindruck, nicht gesellschaftsfähig zu sein.  Noch 1974, als Müller vor dem  WM-Endspiel in München (das er später  entschied) den Rasen  inspizieren wollte, schnaubte ihn ein DFB-Funktionär an: „Verschwinde hier! Du störst das Programm.“ Und Franz Beckenbauer, dank Müllers Toren Welt- und Europameister,  schrieb noch später, in  „Einer wie ich“, er habe an die Nanas von Niki de Saint Phalle gedacht, als er Müller das erste Mal sah. „Der vermeintlich kulturelle Abstand zu Gerd Müller, den Beckenbauer gespürt haben mochte, musste von ihm noch 1975 möglichst verletzend markiert werden“, meint Woller.

Müller wiederum blickte voller Verachtung auf das parvenühafte Getue Beckenbauers. Zwar genoss auch er den sozialen Aufstieg, er fuhr elegante Autos und speiste im Tantris, und er profitierte dabei  von den infamen Do-ut-des-Geschäften, die der FC Bayern mit der bayerischen Staatsregierung ausheckte.

Sukzessive Entfremdung vom Fußball

Doch die nicht zuletzt hierfür verlangten  Selbstrepräsentationen waren einem, der den Fußball  noch in  dörflichen Vereinsstrukturen kennengelernt hatte, wo Kameradschaft, Sportsgeist und das gemeinsame Bier zählten,  zutiefst fremd: Inszenierungen, ob als pelzbemantelter Opernliebhaber (Beckenbauer),  Mao-lesender Nonkonformist (Breitner) oder alerter  Businessman (Hoeneß), schreibt  Woller, „waren in Müllers Augen hohl und überzogen“.  

Müller war kein armer Tor.  In seiner Verweigerungshaltung gegenüber jeder Art von falscher Pose und  kommerzieller Vereinnahmung steckte mehr Rebellion als in jeder Afrolocke Paul Breitners. Seine Tragik bestand darin, dass er sich parallel zu seinem Aufstieg sukzessive vom Fußball entfremdete – damit aber auch von  der Welt, die er verstand. Schon zu seiner aktiven Zeit begann er zu trinken. Mit Mitte 40  war  er ein Alkoholwrack.

Woller, der unter anderem mit Müllers Ehefrau Uschi lange Gespräche führte,  hat aber noch ein Happy End parat: die  25 Jahre zwischen dem Entzug und seiner Alzheimererkrankung – als  der FC Bayern seiner gedachte und ihm einen kleinen Trainerjob beim Amateurteam gab. „Hier war ein Nachhall des alten Fußballs Nördlinger Prägung spürbar“, schreibt Woller, „frei von der Last seines Ruhmes, der ihm immer mehr abverlangt hatte, als er tragen konnte und wollte.“ Es müssen die schönsten 25 Jahre seines Lebens gewesen sein.

Hans Woller: Gerd Müller oder
Wie das große Geld in den Fußball kam

Biografie. C.H. Beck, München 2019. 352 S., 22,95 Euro