Geschäftsführer Oliver Ruhnert: Warum Union für Neuzugänge attraktiv ist

Marienfeld - Er hatte sich das ein bisschen anders vorgestellt. Ruhiger. Das liegt auch an den Glocken der ehemaligen Zisterzienserabtei in Marienfeld. „Ich hab mein Zimmer direkt darunter. Da ist nichts mit ausschlafen“, klagte Oliver Ruhnert, Geschäftsführer Profisport beim 1.FC Union, teils belustigt, teils leidend. Der Ausweg, nächtens zeitiger seine Kammer aufzusuchen, wurde ihm dieser Tage auch nicht so einfach gemacht. „Der Christian Arbeit lässt mich ja abends nicht früher ins Bett gehen“, neckte der 45-Jährige auch noch den mit am Tisch sitzenden Pressesprecher der Eisernen.

Dieses Problem wurde inzwischen gelöst für den gebürtigen Arnsberger, Arbeit ist zurück nach Berlin gefahren. Und nahezu alles Weitere − bis auf das von der Polizei untersagte Testspiel gegen Twente Enschede − verläuft zur Zufriedenheit des Köpenicker Managers. Die Sportanlagen und sonstigen Bedingungen des Residence Hotels Klosterpforte genügen höchsten Ansprüchen. Nicht umsonst logierte die portugiesische Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2006 in dem alten Kloster.

Auch die laufende Transferperiode − besser gesagt die bisher davon verstrichene Zeit - verlief in seinem Sinne. Ein Transferüberschuss von knapp sechs Millionen Euro wurde erwirtschaftet, die Zugänge treten vielversprechend auf und sind nahezu ablösefrei gewesen. „Wir müssen auch finanzielle Gewinne erzielen, um investieren zu können. Das ist Alltagsgeschäft.“

Sportlich passt schon vieles

Groß Geld in die Hand nehmen werden die Köpenicker trotz der Einnahmen wohl trotzdem nicht mehr. Dazu scheint sportlich derzeit vieles zu sehr zu passen. Abgänge sind dabei weiterhin nicht ausgeschlossen. Der Kader ist mit 29 Mann recht groß. Und sei es auch nur, um sich Handlungsoptionen zu verschaffen. „Wir schauen genau hin, wie der Kader sich präsentiert. Und der Trainer wirkt sehr zufrieden und sagt ja auch, dass es Spaß macht, mit den Jungs zu arbeiten“, sagt der Geschäftsführer Ruhnert.

Doch − wichtiger noch für Ruhnerts Zufriedenheit − vieles verlief nach Plan. Sein Jahr als Scout der Eisernen − der Sauerländer verweist hier ausdrücklich auf die Arbeit des ganzen Scouting-Teams − mündete jetzt durchaus in einigen Transfers. „Wir haben aus unseren Eindrücken heraus vieles vorbereitet für das, was wir im Sommer umgesetzt haben. Es ist vieles so gekommen, wie wir uns das gewünscht haben. Auch wenn die Umsetzung nicht immer ganz so einfach ist, wie in der Theorie gewünscht. Aber wir haben, und das macht mich dann auch ein bisschen stolz, durchaus Spieler bekommen, die am Markt umworben waren“, sagt Ruhnert.

Union, findet Ruhnert unverhohlen, sei eine gute Adresse geworden in den letzten Jahren. „Ich denke schon, dass Berlin einen Standortvorteil hat. Es ist eine spannende Stadt. Wir haben in Deutschland nur wenige so attraktive Städte wie Berlin es als Hauptstadt eben ist. Ehemalige Berliner kommen auch gerne zurück. Was ja bei 3,5 Millionen Einwohnern auch einfacher ist als in meinem heimischen Sauerland. Wir haben eine attraktive Stadt, die Alte Försterei ist ein attraktiver Standort. Ein in Spielerkreisen beliebtes Stadion. Ich glaube, dass Union sich in diesem Bereich nicht verstecken muss“, sagt Ruhnert.

Hosiner-Wechsel kam plötzlich

Natürlich ist eine Transferperiode immer voller Überraschungen und Wendungen. Und bis zum 31. August kann nie etwas per se ausgeschlossen werden. „Jeder Kader ist bis zum Ende einer Transferperiode fragil. So ein Wechsel wie bei Philipp Hosiner ist eine Sache, die wir alle bis vor einer Woche nicht wussten“, verwies er auf ein aktuelles Beispiel, das auch noch unter Zeitdruck über die Bühne gehen musste, weil Sturm Graz ja den 29-Jährigen gerne auch in der Champions-League-Qualifikation gegen Ajax Amsterdam bereits einsetzen möchte.

Erstaunlicherweise sieht er keinen großen Unterschied zwischen seinem jetzigen Job und der Zeit als Leiter der Nachwuchsschmiede auf Schalke. Auch wenn er heute das letzte Glied der Entscheidungskette ist und nicht mehr in der Vorstufe dazu arbeitet. „Es gibt keine großen Unterschiede. Die Zahlen sind manchmal anders. Aber die Abläufe sind ansonsten die gleichen. Die Berater sind gleich. Die Wünsche der Vereine, bei denen du ablöst sind gleich. Auch bei der Kaderzusammenstellung an sich. Am Ende des Tages spielen wir alle Elf gegen Elf.“

Ruhnert hatte von 2008 bis 2017 für Schalke 04 gearbeitet, als Chefscout für die Profiabteilung, zwischenzeitlich hat er auch die U23 des Klubs trainiert, und zuletzt war er fünf Jahre Direktor des Nachwuchsleistungszentrums „Knappenschmiede“. Bei Union hat er gerade die Nachfolge von Kaderplaner Helmut Schulte und Lutz Munack angetreten. „Man unterschätzt diese Aufgabe im Nachwuchsbereich oft. Ich habe das schon oft auf Schalke erlebt, dass wir am Ende der Transferperiode unbedingt noch einen Spieler finden mussten. Da hat der Tag dann eben mal 24 Stunden gebraucht.“

Wenn er einen Unterschied sieht, dann den, dass bei den Transfers jetzt alles ein bisschen medial-öffentlich begleitet wird. Aber davon hat er sich eh nie beeinflussen lassen. Sagt er zumindest.