Marco Bode, Aufsichtsratsvorsitzender beim SV Werder Bremen.
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FrankfurtEs ist nicht zu behaupten, dass die Bundesliga derzeit echte Aufbruchsstimmung vermittelt. Wer sich umhört, bekommt nicht zu hören, dass Fußballinteressierte dem Restart entgegenfiebern wie Kinder der Bescherung. Neugier auf den Feldversuch, unter besonderen Auflagen als erste Profiliga der Welt den Spielbetrieb aufzunehmen, ja; uneingeschränkte Vorfreude, nein. Viel Unsicherheit, auch Unruhe, spielt mit, wenn am Sonnabend in Erster und Zweiter Liga der Ball rollt. „Aufbruch mit Fragezeichen – Streit vor dem Restart“ titelte das Fachmagazin Kicker am Donnerstag.

Nicht das Geisterderby Dortmund gegen Schalke, nicht der Transfer von Leroy Sané zum FC Bayern stand auf dem Titel, sondern der Zwist, wie mit einem vorzeitigen Saisonabbruch umgegangen wird. Weil das Thema viel Streitpotenzial birgt, sah die Deutsche Fußball-Liga (DFL) nach der virtuellen Mitgliederversammlung am Donnerstag erstmals von einer Pressekonferenz ab. Liga-Chef Christian Seifert ersparte sich nervige Nachfragen. Stattdessen verschickte die Liga-Organisation eine Pressemitteilung. 36 Klubs hätten einstimmig mit einer Enthaltung die Absicht bekräftigt, die laufende Saison 2019/20 inklusive Relegation vollständig auszutragen, „soweit dies rechtlich zulässig möglich ist, und falls notwendig über den 30. Juni hinaus im Juli fortzusetzen“.

Damit gibt es für weitere Quarantäne-Maßnahmen wie im Fall Dynamo Dresden einen zeitlichen Puffer. Die Liga nimmt nun die Rechtsunsicherheiten bei mehr als 100 auslaufenden Verträgen als kleineres Übel in Kauf. Die Integration des Konzepts der „Task Force Sportmedizin/Sonderspielbetrieb“ als Anhang in die Spielordnung wurde ebenso abgesegnet wie die Erhöhung des Auswechselkontingents auf fünf Spieler. Zudem gibt es die Option, ein Spiel in ein fremdes Stadion zu verlegen, wenn übergeordnete Gründe wie ein lokales Infektionsgeschehen vorliegen. Für den heiklen Fall, dass die Saison vorzeitig abgebrochen werden muss – möglicherweise durch eine zweite Pandemiewelle –, „soll innerhalb der nächsten beiden Wochen eine Regelung hinsichtlich der sportlichen Wertung entwickelt werden“, hieß es.

Das heikle Thema sei nach den ergebnislos verlaufenden Teilversammlungen am Tag danach „nicht vertiefend erörtert“ worden. Seifert, der auf einmütiges Erscheinungsbild größten Wert gelegt hat, wird wissen, dass sich etliche Klubs von seiner Organisation überrumpelt fühlen. Wenn der FC Bayern die Beschlussvorlage des DFL-Präsidiums wie sieben andere Klubs vorerst zurückweist, ist Gefahr im Verzug. Geschlossenheit war gestern. Der Riss, der ob der Saisonfortsetzung bereits durch die Gesellschaft geht, erreicht auch die Vereine. Ein Gros der Abstiegskandidaten wird sich kaum darauf einlassen, dass die Runde gewertet werden soll, selbst wenn nicht zu Ende gespielt ist.

Für Uwe Rösler vom Drittletzten Fortuna Düsseldorf ist eine Abstiegsregelung dann undenkbar. „Die Saison kann nur gewertet werden, wenn alle Spiele gewertet werden.“ Düsseldorf spielt am Ende gegen die direkten Konkurrenten FC Augsburg und Union Berlin. „Wenn uns diese Möglichkeit genommen würde, die letzten beiden Spiele zu spielen, würde ich ganz klar von Wettbewerbsverzerrung reden.“ Die Düsseldorfer sollen am Mittwoch in der Teilversammlung gegen eine Saisonverlängerung über den 30. Juni gestimmt haben, weil bei ihnen allein 17 Verträge auslaufen.

Unmut bei Werder Bremen

Öffentlichen Unmut hatte auch der Vorletzte SV Werder artikuliert. „Das ist eine Regelung, die unglaublich viel nach sich zieht. Da kann man nicht einfach en passant wenige Tage vor der Wiederaufnahme des Spielbetriebs eine Entscheidung solcher Tragweite treffen“, sagte Bremens Aufsichtsratschef Marco Bode. Bei Werder-Fans greift das Gefühl um sich, dass einigen vielleicht ganz lieb ist, wenn sich die Hanseaten mit ihrem widerspenstigen Innensenator Ulrich Mäurer, der sich nicht nur im Polizeikostenstreit gegen die DFL stellt, ins Unterhaus verabschieden.

Unabhängig von Scharmützeln auf politischem Parkett: Werder ist aus sportlicher Sicht ebenfalls nicht zu verdenken, dass sie alle Spieltage ausgetragen haben wollen: Sie treten am vorletzten Spieltag beim FSV Mainz 05, dann gegen den 1. FC Köln an. Und es braucht nicht das legendäre Abstiegsfinale 1999, um gerade am DFL-Sitz in Frankfurt an die irren Wendungen zu erinnern, die sich beim Kampf um den Klassenerhalt mitunter in letzter Minute ereignen.