Torjäger und Schlitzohr: Claudio Pizarro wird der Bundesliga fehlen.
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BremenVielleicht ist es besser, wenn sich Claudio Pizarro nicht vorstellt, wie alles am Sonnabend hätte werden können. Weserstadion Bremen, sein Wohnzimmer, wie er mal gesagt hat. 42.100 Menschen anwesend, der SV Werder empfängt den 1. FC Köln, wo Pizarro nach einem kurzen Gastspiel zwar nicht als treffsicherer Torjäger, aber als echter Typ in Erinnerung geblieben ist. Arnd Zeigler, der Stadionsprecher, würde gegen 15.20 Uhr um Aufmerksamkeit bitten, alle, wirklich alle Besucher würden sich von ihren Plätzen erheben und noch einmal „Pizarro, oh, oh, oh“ trällern. Dann würde gespielt, am besten ginge es um nichts mehr, der 41-Jährige würde eingewechselt, und wenn die Kölner ganz, ganz nett wären, hätten sie Platz gemacht, damit ein Ausnahmefußballer in seinem 490. Bundesliga-Spiel noch sein 190. Tor schießt.

Doch das Leben ist kein Wunschkonzert, so wird es nicht werden. Denn statt 42.100 Zuschauern sind wieder nur 300 Personen anwesend. Nicht mal ein Gemälde oder Blumengebinde werde von der Bremer Geschäftsführung an den sympathischen Hallodri überreicht – das alles soll erst bei einem vertraglich vereinbarten Abschiedsspiel im nächsten Jahr erfolgen. Werder droht zuvor zum zweiten Mal nach 1980 abzusteigen, womit einer Bundesliga-Legende ein in jeder Hinsicht gespenstischer Abschied bevorsteht. Ein letzter Auftritt, der weder der Karriere noch dem Menschen gerecht wird. „Natürlich hätte Claudio etwas anderes verdient“, sagt Trainer Florian Kohfeldt. Einer der beliebtesten Ausländer der Bundesliga-Geschichte wird sich vorerst damit trösten müssen, was Aufsichtsratschef Marco Bode vorsorglich festgestellt hat: „Claudio wird im Herzen der Werder-Fans auf ewig seinen Platz haben.“

Gewiss scheint eigentlich nur, dass der immer frohgelaunte Südamerikaner noch mal eingewechselt wird, was schon gegen den FC Bayern (88. Minute) und beim FSV Mainz 05 (82. Minute) passierte. Beide Spiele haben die Bremer bekanntlich verloren: Selbst ein Sieg wäre fürs Erreichen der Relegation zu wenig, wenn Fortuna Düsseldorf beim 1. FC Union gewinnen sollte. Und spielen die Rheinländer unentschieden, bräuchten die Grün-Weißen einen Sieg mit vier Toren Differenz. Wer soll die bitte schießen, wo in 16 Heimspielen mickrige neun Törchen heraussprangen. Pizarro? Hat die ganze Saison trotz 17 Kurzeinsätzen noch nicht einmal getroffen. Eigentlich ist es schon ein Wunder, dass er nach einer schweren Muskelverletzung und einer zweiwöchigen Quarantäne aufgrund einer Corona-Erkrankung seiner Tochter überhaupt noch einmal das Werder-Trikot trägt. Dass er nicht mehr fit ist und dass er besser nach der Vorsaison aufgehört hätte: Insgeheim weiß das der Sohn eines peruanischen Seemannes wohl selbst.

In die Bundesliga kam das „Gesamtkunstwerk“ (sein ehemaliger Mitspieler Bode) zu einer Zeit, als noch kein Scout per Knopfdruck jeden Kicker auf dem Globus durchleuchten konnte. Jürgen L. Born, der damalige Vorstandsboss, beruflich viel in Südamerika unterwegs, hatte einen Tipp bekommen, sich mal den drahtigen Torjäger von Alianza Lima anzuschauen. Stundenlang saß er mit der Familie zusammen, doch das Objekt der Begierde hörte gar nicht richtig hin – er wollte denselben Abend lieber noch ausgehen. Nach Bremen wechselte Pizarro im August 1999 trotzdem. Für 1,6 Millionen Mark, damals vergleichsweise viel Geld. Bald lagen ihm die Fans an der Weser zu Füßen. Er bewegte sich so gerissen und gleichzeitig geschmeidig durch gegnerische Strafräume, dass er schon zwei Jahre später beim FC Bayern anheuerte, wo er seine mit Abstand meisten Titel gewann. Als einen der talentiertesten Stürmer betrachtet ihn sein ehemaliger Mitspieler Philipp Lahm. Weil er alles hat: „Dynamik, Kopfballstärke, Technik, Spielverständnis.“

Und Thomas Müller, der in jungen Jahren vom Schlitzohr lernte, preist einen Profi, „der überall gerne gesehen wird“. Vor allem auch in München, wo Pizarro nach dem ohnehin geplanten Umzug mit Frau und drei Kindern vielleicht als Markenbotschafter der Bayern einsteigt. Seine Wechselspiele zwischen dem SVW und FCB, unterbrochen von einem Intermezzo beim FC Chelsea und später in Köln, sind fast legendär. Er ist so oft nach Bremen zurückgekehrt und hat mal die Nummer vier, 14 und 24 in die Kamera gehalten, dass er auch der fünfte Stadtmusikant sein könnte.

Selbst als sein Berater und Freund Carlos Delgado durch einen Ehestreit übler Machenschaften überführt wurde, ein schlimmes Geflecht von Scheinfirmen zum Vorschein kam und einige Schatten auf den Strahlemann fielen, hat Pizarros Image keinen Schaden genommen. Im Gegenteil: Glattgebügelten Stars glaubt das Volk ohnehin nicht, dann ist es besser, die Unschuldsmiene zu machen. „Ich war immer ein Schlawiner. Aber ich habe gelernt. Ich weiß genau, wann ich was machen muss“, verriet er für die NDR-Dokumentation „Claudio Pizarro: Alles außer gewöhnlich!“.

Der Fußballer sprach darin auch über sein schwieriges Verhältnis zu seiner Heimat, wo sie ihm bis heute vorhalten, zu wenig für Perus Nationalmannschaft geleistet zu haben. Pizarro unterhält viele Kilometer von Lima entfernt noch ein 44 Hektar großes Gestüt mit 18 Angestellten und 120 Rennpferden, die auf Namen wie „Oktoberfest“ oder „Marienplatz“ hören. Nur den Plan, dort mal zu leben, hat einer verworfen, der heute mehr Pferdenarr als Frauenschwarm ist. Kleinere Laster hat ihm fast kein Trainer übel genommen. Erst recht nicht sein erster Lehrmeister Thomas Schaaf, der über Pizarro sagt: „Ein absoluter Menschenfänger. Ein ganz positiver, freundlicher und herzlicher Mensch.“ Einer, der eigentlich unter stehenden Ovationen die Bühne verlassen müsste.