Bischofshofen - Der große Toni Innauer freute sich schließlich über „die Regie des Schicksals“. In Bischofshofen, zum Abschluss der Vierschanzentournee, half perfekter Wind dem jungen Thomas Diethart bis auf eine Weite von 140 Metern. Damit gewann der bis zur Tournee unbekannte Österreicher völlig überraschend nicht nur das Springen in Bischofshofen vor dem Slowenen Peter Prevc und seinem Landsmann Thomas Morgenstern, sondern er gewann auch die Gesamtwertung der Traditionsveranstaltung. So rasant aufgestiegen ist er, dass die Ordner nach dem Sieg sogar seinem Vater den Durchlass verweigerten, weil sie ihn nicht kannten.

Das enttäuschende deutsche Abschneiden bei der Tournee ließ sich auch gestern nicht mehr korrigieren: So verzeichnete der Deutsche Skiverband Andreas Wellinger aus Ruhpolding auf Rang zehn als Tourneebesten. Mit dem Erfolg von Thomas Diethart haben nicht einmal die österreichischen Skispringer selbst gerechnet. Auf dem hochmodernen Teambus der Austria-Adler prangt ein riesiges Foto der Mannschaft − doch Diethart fehlt. Der kometenhafte Aufstieg des 21-Jähriges mutet wie ein Märchen an, bereits im achten Weltcup-Springen seiner Karriere sicherte er sich den Gesamtsieg bei der 62. Vierschanzentournee.

Glücksgriff Diethart

Einen Monat vor den Olympischen Spielen in Sotschi gehört Diethart plötzlich auch zu den heißen Gold-Favoriten. Schlierenzauer, Morgenstern, Ammann − Diethart hat sie alle geschlagen. „Ich denke nicht so viel nach“, sagte der Überflieger vor dem letzten Springen in Bischofshofen. Und genau das scheint seine Stärke zu sein. „Er lernt seine Konkurrenten jetzt einmal kennen, der kennt die nur aus dem Fernsehen. Er hat gesehen, dass die anderen auch nur mit Wasser kochen“, sagte Österreichs Nationaltrainer Alexander Pointner. Der Erfolgscoach bewies ein glückliches Händchen, als er Diethart im Dezember in sein Weltcupteam holte, nachdem Kollege Thomas Morgenstern schwer gestürzt war. „Zum Einsatz in Engelberg ist er wie die Jungfrau zum Kinde gekommen“, sagte Pointner.

Und Diethart nutzte die Chance, auf die er so lange gewartet hatte. Denn mit der Karriere als Skispringer hätte es beinahe nicht geklappt. Diethart flog als Jugendlicher aus sämtlichen Kadern, kämpfte sich aber stets zurück. Auch finanzielle Probleme hielten ihn nicht auf. „Uns ist das Geld hinten und vorne ausgegangen“, erzählte Vater Gernot vor der Vierschanzentournee: „Dann gehst du jammern zu Firmen, damit die vielleicht einen Sprunganzug zahlen.“

Enorme Sprungkraft

Seit dem Neujahrsspringen, bei dem er in Garmisch-Partenkirchen erstmals auf der großen Bühne siegte, ist das alles vergessen. Seine Eltern hatten Tränen in den Augen, als er auf dem Podest stand und von den Fans gefeiert wurde. Die Familie hat viel für die Karriere geopfert, das alles zahlt sich nun aus, und Diethart steht plötzlich im Rampenlicht. Er stammt aus Michelhausen bei Tulln in Niederösterreich, die nächste Sprungschanze ist etwa zwei Stunden mit dem Auto entfernt. Eigentlich sollte Diethart, der „Flachland-Tiroler“, auch deswegen lieber Alpin-Fahrer werden, doch seine enorme Sprungkraft war einfach zu auffällig.

Das Talent musste genutzt werden. Dietharts Sprungrekord sind 75 Zentimeter aus dem Stand, das schaffen nicht einmal die hochdekorierten Teamkollegen Gregor Schlierenzauer oder Thomas Morgenstern. Eine Schwäche hat Diethart − für Kuchen. Das ist für einen stets um sein Gewicht kämpfenden Skispringer ein Problem. Erst recht, wenn die Schwester Konditorin ist. „Zum Glück ist sie derzeit weit weg“, sagte er. Noch mindestens bis Olympia muss er nun fasten. Mit seinen Erfolgen im Rücken dürfte ihm das nun aber deutlich leichter fallen. (BLZ/mit sid)