Die Waldseite des Stadions An der Alten Försterei. Hier stehen die Ultras des 1. FC Union.
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Berlin-KöpenickMit einem deftigen Kater ist Fußball-Deutschland am Montag aus einem Wochenende voller Protest und Beleidigungen erwacht. Köpenick bildete da keine Ausnahme. Und das, obwohl das 2:2 des 1. FC Union gegen den VfL Wolfsburg eigentlich genug sportliche Geschichten geliefert hatte. Man hätte über vier Kopfballtore sprechen können, über die Tatsache, dass die Eisernen einen Zwei-Tore-Vorsprung nicht in einen Sieg ummünzen konnten. Ebenso wie über einen weiteren Punkt, den die Mannschaft von Trainer Urs Fischer im Kampf um den Klassenerhalt gesichert hat.

Und doch dominierte die Nachbetrachtung zweier Spruchbänder auf der Waldseite der Alten Försterei, der Tribüne der Union-Ultras, die allgemeine Diskussion, die, anders als so häufig beim 1. FC Union, auch innerhalb des Vereins und dessen Fanlandschaft durchaus kontrovers und ambivalent geführt wurde.

Worauf sich die Mehrheit zumindest einigen konnte: Das erste Spruchband, das in der 30. Minute auf der Waldseite gezeigt wurde („2017, Kollektivstrafen abgeschafft, nun Hopp hofiert und zwei Schritte zurückgemacht. Fick dich, DFB!“), fiel unter die Kategorie Recht auf Kritik. „Ob man da jetzt das Spiel unterbrechen muss, weiß ich auch nicht“, kritisierte Christian Gentner das Verhalten von Schiedsrichter Bastian Dankert, der die Partie schon zu diesem Anlass einmal pausieren lassen hatte. „Eine Äußerung der Fans, die meines Erachtens nach völlig legitim ist“, bekräftigte Unions Sportchef Oliver Ruhnert in der Halbzeitpause auf DAZN.

Ernste Gespräche und Ermittlungen

Deutlich: Ernste Gespräche kündigte Union-Sprecher Christian Arbeit am Montag an: „Es wird auch ein deutliches Gespräch mit der verantwortlichen Gruppe von Anhängern geben.“

Unmissverständlich: Einen Ausschluss werde es aber, so Arbeit, nicht geben. „Der Reflex ’alle raus, alle wegsperren’ ist noch nie der Ansatz von Union gewesen und wird es auch jetzt nicht sein.“

Polizeilich: Ermittelt wird indes durch die Berliner Polizei. Offiziell „gegen Unbekannt wegen des Verdachts der Bedrohung im Zusammenhang mit einem Spruchband und einem Porträtplakat“.

Das Banner lässt sich aufgrund seiner Schriftart der Gruppe „Wuhlesyndikat“ (WS02) zuordnen. Sie gilt mit ihrer Gründung 2002 als älteste und auch größte Ultra-Gruppierung bei den Köpenickern, hat mit „Teen Spirit Köpenick“ (TSK06) eine eigene Nachwuchsabteilung und genießt in Köpenick den Ruf, stets zu offenen Diskussionen mit dem Verein und anderen Fanströmungen bereit zu sein. Als WS vor dem Saisonauftakt gegen RB Leipzig den geplanten fünfzehnminütigen Stimmungsboykott ankündigte, nahm sich die Gruppe wenige Tage später, nach teils heftiger Kritik an diesem Vorhaben, noch einmal Zeit, um in einer Veröffentlichung auf ihrer Homepage ausführlich auf die Beweggründe des schweigenden Protestes einzugehen. Resultat: Das Stadion blieb 15 Minuten lang still.

Das zweite Banner mit dem Wort „Hurensohn“ in Großbuchstaben und ein Doppelhalter mit dem Konterfei Dietmar Hopps im Fadenkreuz war versehen mit der Information: „Mehr auf HH04.de.“ HH04 ist die Abkürzung für die andere große Ultragruppe der Eisernen, die „HammerHearts“. Diese Gruppe wurde, obgleich sie mit WS, TSK und mehreren kleineren Fangruppen die geschlossen auftretende „Szene Köpenick“ bildet, in der Vergangenheit kritischer gesehen. HH04 gilt als rauer, im Fansprech gelegentlich auch als „erlebnisorientiert“, also auch zu körperlichen Auseinandersetzungen bereit. Die HammerHearts sind keinesfalls stumpfe Hooligans, gelten gemeinhin aber als weniger diplomatisch als ihre Geistesbrüder vom Wuhlesyndikat.

Dem Gruppenzwang verpflichtet

Das zeigte sich schließlich auch in der grenzüberschreitenden Form deren Protestes gegen den DFB und das Symbol Dietmar Hopp, der allerdings − so ehrlich muss man sein − von der restlichen Waldseite mitgetragen wurde. Einer einzelnen Gruppe die Schuld für die negativen Reaktionen anzukreiden, wäre demnach falsch. Umso mehr stellte sich − auch vielen gemäßigten Fans − die Frage, warum die Ultras der Eisernen beim Thema Kollektivstrafen, was jeden Fan betrifft, in der Wortwahl deftig, aber gerechtfertigt protestierten, dann aber ausgerechnet bei Dietmar Hopp, dem Symbol für die Protestwelle an diesem Spieltag, so extrem über die Stränge schlugen. Obwohl die Eisernen in der Vergangenheit keinerlei Begegnungen mit der TSG Hoffenheim und deren Mäzen hatten.

Da mag ein gewisser Gruppenzwang innerhalb der deutschen Ultra-Szenen gewesen sein, sich auf möglichst provokative Art und Weise solidarisch mit der Sache zu zeigen, doch warum ausgerechnet die Ultras des 1. FC Union in dieser Situation auf diese unwürdige Art und Weise protestieren mussten, sorgte auch am Tag danach für Unverständnis.

Vielleicht sah sich der sonst für Fanbelange überaus verständnisvolle Union-Präsident Dirk Zingler auch deshalb in der Pflicht, diesmal deutlich kritischere Worte zu äußern: „Die in diesen Tagen vielfach und heute auch in unserem Stadion gewählte Ausdrucksform des Fanprotests ist in ihrer Symbolik nicht geeignet, für Fananliegen zu werben. Alle an dieser Protestform Beteiligten wären gut beraten, innezuhalten und geeignete Ausdrucksformen für ihre Positionen zu finden.“