Beinahe entgeistert fragt Gian Franco Kasper am Telefon, warum in aller Welt er am zweiten Weihnachtstag denn kein Interview geben soll. „Ich weiß nicht, was Sie alles mit Weihnachten feiern haben.  Das sollte man alles an Ostern machen. Das ist viel einfacher. Dann ist die Saison vorbei“, sagt der Schweizer, einst Journalist, seit 1998 Boss des  Weltskiverbandes Fis, „wir sind jetzt mitten in der Hochsaison.“ Dann erzählt der Multifunktionär Kasper, 72, aus St. Moritz, über  Sportler, die seine Haltung zu Russlands Staatsdoping erzürnt, über den Erfolg der Vierschanzentournee und Olympia im Heimatort.

Hatten Sie viel Post zu schreiben über Weihnachten?

Warum?

Über 100 Ski-Langläufer haben einen Protestbrief geschickt, heißt es.

Ach so, ja. Der kam schon in der Woche vor Weihnachten. Den habe ich noch nicht beantwortet. Die Athleten bitten um ein Gespräch bei den Weltmeisterschaften.

Können Sie deren Kritik verstehen, Ihr Umgang mit  Russlands Staatsdoping sei übertrieben nachsichtig und sende falsche Signale?

Ja, das stand drin. Ausgerechnet wir! Wir waren die ersten, die auf den McLaren-Report zu Russland reagiert haben. Letzten Freitag haben wir die ersten Läufer gesperrt. Ich glaube, es ist noch niemand so weit gegangen wie wir.

Ihre Athleten nehmen wohl Anstoß, dass Sie Kollektivstrafen ablehnen.

Jawohl, die lehne ich ab. Dabei bleibe ich auch.

Obwohl der Kanadier Richard McLaren Beweise für ein staatlich organisiertes Doping- und Vertuschungssystem gesammelt hat?

Was die Läufer in erster Linie wollen, ist, dass diejenigen, die betrogen haben, bestraft und ausgeschlossen werden. Ich glaube nicht, dass es den Läufern darum gehen kann, dass man alles, was einen russischen Pass hat, automatisch bestraft. Wir haben aus dieser McLaren-Liste mit Mühe − wie alle anderen auch − herausgefunden, wer von uns dabei ist:  sechs Langläufer. Die haben wir sofort provisorisch bestraft, obwohl wir noch auf Beweise warten müssen. Wir nehmen da ein gewisses Risiko auf uns. Aber wir mussten reagieren, weil die Saison im Langlauf jetzt mit der Tour de Ski schon weitergeht.

Fürchten Sie, dass unter den Briefunterzeichnern  einige sind, die mit Steinen aus dem Glashaus werfen?

Möglich ist alles, aber das spielt keine Rolle.

Kollektivstrafenforderungen verstehen  Sie nicht mal vor dem Hintergrund, dass da ein Staat mit System und geheimdienstlichen Methoden Ergebnisse verfälscht hat und das Glaubwürdigkeitsproblem des Spitzensports extrem verschärft hat?

Ich habe volles Verständnis, dass Leute so denken. Aber ich frage mich, wer das Recht hat, einen Staat so zu bestrafen. Wir bestrafen Deutschland auch nicht − ich bin jetzt bewusst extrem −, obwohl es vielleicht an der Zeit wäre.

Warum wäre es jetzt an der Zeit?

Die Methode, die jetzt angewendet wurde, war eine deutsche Methode. Sie werden jetzt sagen: Das war DDR, damit haben wir nichts zu tun. Aber genauso war es doch. Ich habe ein Beispiel aus dem Sommer in Rio de Janeiro: Die Russen hatten drei Athleten, die schon zwei Jahre im Bogenschießen − das mag unwesentlich klingen − auf Tour waren.  Die waren nur unterwegs, nie mehr Zuhause in Russland,  haben sich nur im Westen vorbereitet auf diese Spiele. Die hätte man rauswerfen müssen, weil sie einen russischen Pass haben. Nein, da habe ich ein Problem, weil das juristisch nicht in Ordnung ist.

Aber Sie haben sich von den Russen das Weltcup-Finale der Langläufer zurückgeben lassen.   Sie  sind  also gegen die Ausrichtung von sportlichen Großveranstaltungen dort derzeit?

Sie können das Glück nennen, aber wir hatten in diesem Winter keinen  wesentlichen Anlass  in Russland − außer dem Weltcupfinale. Deshalb waren wir zufrieden, dass die Russen mitgespielt und das „freiwillig“ zurückgegeben haben. Das ist eine Strafe gegen Russland.  Dass man die Organisatoren, den russischen Skiverband, meinetwegen das Nationale Olympische Komitee, auch wenn wir mit dem nichts zu tun haben, bestraft, dafür habe ich volles Verständnis. Aber nicht eventuell unschuldige Athleten. Die wollen wir schützen.

Ist die Rückgabe des Weltcupfinales eine Goodwill-Aktion der Russen, um den Ausschluss von Olympia in Pyeongchang zu verhindern?

Das ist übertrieben.  Möglich, dass die Russen denken, sie wollen sich eine gute Ausgangslage verschaffen. Aber die Entscheidung fiel auf einen gewissen Druck hin. Wir haben gesagt: Entweder Ihr macht es selbst, sonst machen wir es.

Muss  der Fußball-Weltverband anlässlich der WM 2018 darauf hingewiesen werden, dass der Sport es derzeit nicht für ratsam hält, Russland, wo es  wohl kein funktionierendes Antidopingsystem gibt, Großveranstaltungen ausrichten zu lassen?

Das war auch meine Überlegung. Die Diskussion müsste eigentlich noch in Gang kommen. Aber da gehen die Meinungen offenbar auseinander: Das gilt für den normalen Sport, aber doch nicht für Fußball. Fußball steht über allem. Wenn man verlangt, dass Russland für die Ausrichtung aller Veranstaltungen gesperrt werden muss, sollte das für alle Sportverbände gelten − sogar für den göttlichen Fußball.  Gut, Sie können sich natürlich fragen: Hat Fußball noch etwas mit Sport zu tun?

Ihr Verhältnis zum Fußball ist nicht zu kitten?

Ich bin ein Anti-Fußballfan. Ich war noch nie in meinem Leben bei einem Fußballspiel. Nur nebenbei: Es gibt bei uns im Fis-Haus eine strikte Anordnung − es  darf nicht mehr als 30 Sekunden am Stück über Fußball gesprochen werden. Das gilt für alle. Aber Fußball mag nicht Sport sein, und deshalb können sie machen, was sie wollen. Die meisten haben Angst und denken: König Fußball greift man nicht an.

Wie steht es mit Ihrem Interesse am Skispringen: Werden Sie die am Freitag in Oberstdorf beginnende Vierschanzentournee besuchen?

Um ehrlich zu sein: Ich weiß es noch nicht. Ich habe vorgesehen, nach Innsbruck zu kommen, kann es aber noch nicht versprechen.

Wie steht es in Ihrer Heimat Schweiz mit dem Interesse am Skispringen, da Erfolge nicht in Sicht sind?

Im Moment wartet das Volk mit Interesse ab, was Simon Ammann macht, ob es ihm ein bisschen besser geht oder ob er wirklich am Ende seiner Karriere steht. Das wird nicht lange andauern, da muss er bei der Vierschanzentournee etwas bringen. Sonst wird das Interesse extrem herunterfahren.

Haben Sie Vorschläge für Ihre Landsleute, wie sie einen neuen Ammann hervorbringen können?

So wie man den ersten geholt hat: per Zufall.

Als Welt-Skipräsident werben Sie für Skisport. Wie kompliziert ist das beim Skispringen − kein Publikumssport, sondern eine reine Angelegenheit weniger Spezialisten?

Das ist schwer. Was es braucht, um den Skisprung bei Jugendlichen beliebt zu machen, sind Schanzen mitten in einem Dorf oder nahe bei einer Stadt, wo  Fußgänger vorbeispazieren und  zuschauen. Wenn sie weit weg in einem Wald eine Schanze haben, wo kein Mensch je vorbeiläuft,  werden die Jungen auch nie springen. Es ist typisch für die Jungen, dass sie zeigen wollen, was sie können. Die Abgeschiedenheit der Skisprungschanzen wirkt sich da eher negativ aus. In der Schweiz sind die Schanzen einfach weit weg von allem, da, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen. Natürlich gibt es auch Orte wie im Schwarzwald, wo die Schanzen auch im Publikum beliebt sind.

Olympische Sportarten müssen ihre Daseinsberechtigung im Programm der Spiele auch mit ihrer weltweiten Verbreitung nachweisen. Muss das Skispringen da grundsätzlich seine Vertreibung fürchten?

Ich glaube nicht unbedingt. In den vergangenen 15, 20 Jahren sind viele Nationen neu dazu gekommen. Das liegt natürlich zum einen am Zerfall der Sowjetunion in kleine eigenständige Länder, aber auch durch die Länder Asiens. China und Korea hatten früher keine Skispringer. Jetzt entwickeln sie welche − natürlich mit Blick auf Olympia. Da bringt man die Schanzen  auch eher in die Nähe der Städte.  Und was in Korea ein Rieseninteresse ausgelöst hat, war kurioserweise ein ganz gewöhnlicher Spielfilm, dessen Held zufällig ein Skispringer war.

Sie müssten also zusehen, dass Sie mehr Eddie, the Eagles auf die Schanzen bringen?

Lieber nicht. Aber hin und wieder kann ein Eddie, the Eagle nicht schaden. Die Qualifikationsanforderungen sind allerdings strenger geworden, bei uns, aber auch in Ländern wie Großbritannien: Da könnte ein Eddie, the Eagle es heute nicht mehr machen. In irgendeiner Form, vielleicht nicht ganz so krass, kann es einen Eddie aber immer geben.

Wie erklärt sich der Erfolg der Vierschanzentournee, bei der recht willkürlich zusammengefasste Weltcupspringen wesentlich größere Aufmerksamkeit genießen?

Erstens ist der Zeitpunkt sehr gut, etwa das Neujahrsspringen am ersten Januar, wenn die Leute noch etwas verkatert zu Hause bleiben. Zweitens sind die vier Organisatoren absolut hochklassig. Aber Sie dürfen auch nicht vergessen, dass auch die Springen in Oslo und Lahti in Skandinavien enorme Popularität genießen und weltweit gleichzusetzen sind mit der Tournee

Haben Sie als Schweizer überlegt, die Tournee mit einer Schanze, etwa der in Engelberg, zur Fünfschanzentournee auszudehnen?

Ich persönlich habe es früher ganz stark probiert. Wir hatten in St. Moritz ein ganz traditionelles Springen am 26. Dezember. 55 Jahre lang. Da war die Idee, das in die Vierschanzentournee  reinzunehmen als Auftaktveranstaltung. Das hat St. Moritz selber verschlafen, obwohl damals die Möglichkeit dazu bestand. Vor einem Jahr hat man sogar die Schanze abgerissen.

Ist nach all Ihren Skierlebnissen und Ihrer Erfahrung noch ein bisschen Aufregung da, wenn im kommenden Februar mal wieder eine alpine Ski-Weltmeisterschaft in Ihrem Heimatort stattfindet?

Aber natürlich. Das ist eine Nervenangelegenheit für mich. Wo immer eine Weltmeisterschaft stattfindet, mache ich mir keine Sorgen. Da kann ich intervenieren. Aber wenn es Zuhause ist, hat man das Gefühl, man ist für jede Kleinigkeit verantwortlich,  bei allem, was schief geht, selbst schuldig. Aber auch das werden wir überstehen.

Merken Sie schon bei den wachsenden Ansprüchen von Ski-Weltmeisterschaften, dass allein sie schon einen Traditionsort wie St. Moritz an seine Grenzen bringen?

Nein. Wir denken immer noch an Olympische Spiele. Vor zwei Jahren ist zwar die Volksabstimmung dafür gescheitert, aber die nächste kommt im Februar. Während der WM. Ich war überrascht über den Termin. Aber das kann negativ oder positiv sein. Allein ist der Ort sicherlich nicht dazu in der Lage, aber das ist heute auch überhaupt nicht mehr nötig. Ski und Bob ist für St. Moritz sicher überhaupt kein Problem. Vor zwei Jahren sollte es mit Davos sein. Jetzt wäre praktisch der ganze Kanton involviert.

Das Gespräch führte Jörg Winterfeldt.