Götterdämmerung im Achtelfinale: Ronaldo ist bei Portugals Triumph nur Ersatz

Der 37-Jährige ist beim 6:1 gegen die Schweiz 73 Minuten lang außen vor. Hinzu kommt, dass sein junger Vertreter Gonçalo Ramos gleich dreifach trifft.

Portugals Gonçalo Ramos trifft mit links zum 1:0 in den Winkel.
Portugals Gonçalo Ramos trifft mit links zum 1:0 in den Winkel.AP/Bandic

Es war ein bittersüßer Fußball-Abend für Cristiano Ronaldo im Lusail Iconic Stadium zu Doha, letztlich aber eher bitter denn süß. Zunächst war da ja die Degradierung durch Nationaltrainer Fernando Santos, der es tatsächlich gewagt hatte, den 37-Jährigen im Achtelfinale gegen Schweiz erst mal auf die Ersatzbank zu setzen. Bei einer WM, womöglich bei seiner letzten! Vor den Augen seiner Familie, seiner Freunde, seiner Fans!

Was für eine Schmach, was für eine schwer zu akzeptierende Entscheidung für den berühmtesten Portugiesen unserer Zeit. Für CR7, der nach Katar gekommen war, um allen zu beweisen, dass er als Fußballer noch immer so einflussreich ist wie als Social-Media-Figur. Enttäuschung! Wut! Zerrissenheit! Das hatte er in der Nationalelf, die ja irgendwie auch immer die seine war, im Rahmen eines Großturniers seit der Heim-EM 2004 nicht mehr erlebt. Damals ging sein Stern auf. Geht dieser Stern jetzt unter?

Neue Erfahrung: Cristiano Ronaldo bei der Nationalhymne im Kreise der Ersatzspieler.
Neue Erfahrung: Cristiano Ronaldo bei der Nationalhymne im Kreise der Ersatzspieler.imago/Marklund

Und dann auch noch das: Gonçalo Matias Ramos, den Santos an seiner statt als Mittelstürmer gebracht hatte, machte beim 6:1-Erfolg gegen die überforderten Eidgenossen, die durch Manuel Akanji in der 58. Minute zum Ehrentreffer kamen, ein überragendes Spiel.

Der Stürmer von Benfica Lissabon, der bei Ronaldos Debüt in der Nationalmannschaft im August 2003 gerade mal zwei Jahre alt war, erzielte mit einem phänomenalen Linksschuss unter die Querlatte das frühe 1:0 (17.), war auch in der Folge von den Schweizern nicht einzufangen, markierte in der 51. Minute das 3:0, um in der 67. Minute mit einem ganz feinen Lupfer über Keeper Yann Sommer hinweg noch einen draufzulegen. Beim 4:1 von Raphaël Guerreiro hatte er sich zudem als Vorlagengeber einen Scorerpunkt gesichert. Nur beim 2:0 in der 33. Minute, als Abwehrchef Pepe die sich ihm bietende Chance zum freien Kopfballtor nutzte, hatte er seine Füße nicht im Spiel. Da geht wohl ein Stern auf, auch dank Roger Schmidt, der ihn bei Benfica als Trainer unter seinen Fittichen hat.

Immerhin: Ronaldo, der bei den Toren sein Ego hintanstellte, kräftig mitjubelte und in der 73. Minute unter dem Applaus der portugiesischen Fans für Ramos ins Spiel kam, darf also weiterhin darauf hoffen, dass er seine Nationalmannschaftskarriere mit dem WM-Titel krönen kann - wenn auch vielleicht nur als Ersatzspieler. Ein eigener Treffer war ihm am Dienstagabend (und man muss schon sagen) leider nicht mehr vergönnt. Es wäre der 119. im 195. Länderspiel gewesen. Nächster Gegner auf dem Weg zum ganz großen Coup ist im Viertelfinale am kommenden Samstag um 16 Uhr (MEZ) die Auswahl Marokkos. 

Im Mittelfeld Katz und Maus gespielt

Wer bei Portugal neben dem fabelhaften Ramos noch zu gefallen wusste? Nun, eigentlich alle. Im Besonderen aber Bernado Silva, Bruno Fernandes und João Félix, die mit ihren Gegnern im Mittelfeld Katz und Maus spielten. Immer wieder glänzten sie mit kurzen Dribblings und gescheiten Pässen in der Spielfortsetzung, eroberten nach Abspielfehlern zusammen mit William Carvalho, dem zentralen Mann vor der Abwehr, schnell wieder den Ball zurück. Ja, sie spielten so, als wollten sie beweisen, dass diese Mannschaft auch ohne Ronaldo eine Zukunft hat, womöglich sogar eine titelreiche.

Und da ist ja noch so ein junger Crack, auf den Portugal künftig zählen kann: Rafael Leão heißt er, ist 23 Jahre alt. Er setzte als Einwechselspieler gegen die Schweiz in der Nachspielzeit mit einem wunderbaren Schlenzer den Schlusspunkt zum 6:1.