Es ist bereits Mittag, als Graciano Rocchigiani im Legends Club auftaucht. Er wirkt etwas zerknautscht, so, als wäre er gerade aufgestanden, kommt zum Training in das Schöneberger Gym, das seinem alten Kumpel Ahmad gehört, einem Bodyguard, der Prominente beschützt. Sit-ups, Boxsack, Liegestütze, Gewichte. „Bisschen locker machen“, sagt Rocchigiani.

Seine Bewegungen sind nicht mehr so kantig wie zu seiner aktiven Zeit, doch abgesehen von der leicht lädierten Boxer-Visage ist er gut in Schuss. Viele Kämpfer schwemmen nach Beendigung ihrer sportlichen Laufbahn auf, weil sie nicht vernünftig abtrainieren. Rocchigiani, 54, wirkt trotz vieler entbehrungsreicher Jahre viril. Nur seine Trainingsjacke hat deutlich Patina angesetzt. Die Beflockung blättert ab, das Wort „Hauptstadtboxer“ ist nur noch in Umrissen erkennbar.

Graciano Rocchigiani, den viele nur als „Rocky“ kennen, hat furchtbare Cuts und Jabs weggesteckt. Oft brachte ihn das Schicksal nah an einen K.o. Doch er hielt sich, wenn auch manchmal taumelnd, stets auf den Beinen. Umfallen war für ihn keine Option. Ein aufrechter Verlierer im Ring, ein Sieger über das Leben.

Graciano Rocchigiani gewann WM-Titel im Supermittelgewicht 

Und so entbehrt es nicht einer gehörigen Portion Zynismus, dass ausgerechnet ein Smart, eine dieser Bonsai-Karossen, die ein Kerl wie er beim Einsteigen wie einen Mantel überzieht, seinem Leben auf einer einsamen Schnellstraße ein jähes Ende setzt. Wenige Monate nach dem Interview in Schöneberg wird Graciano Rocchigiani am 1. Oktober 2018 kurz vor Mitternacht bei dem Versuch, die Strada Statale 121 im sizilianischen Piano Tavola zu überqueren, von einem Auto erfasst – und ist sofort tot.

Einen Schlag des Schicksals sieht selbst der beste Boxer nicht kommen. Nach sechzig Sit-ups, ein paar Haken und Uppercuts schlendert Rocchigiani herüber zur Sitzgruppe. Er hat sich bereit erklärt, noch einmal über alles zu reden, über diese wilde Berg-und-Tal-Fahrt, die er Leben nennt. „Rocky“ ist guter Dinge, vieles sortiert sich gerade neu.

Seine letzte Haftstrafe liegt ein Jahrzehnt zurück. Beim TV-Sender Sport1 tritt er neuerdings als Experte auf. Eine Freundin kümmert sich liebevoll um seine Öffentlichkeitsarbeit. Es scheint, als käme er nach den zahllosen Exzessen und Scherereien endlich wieder in die Spur.

„Frag, was du willst, nur zu Frauen gebe ich keine Auskunft“, motzt er freundlich. Warum denn nicht? Rocky grinst. „Weil’s dazu nix mehr zu sagen gibt.“

Dreißig Jahre ist es her, dass er in Düsseldorf den WM-Titel im Supermittelgewicht gewann. Der dritte deutsche Box-Weltmeister in der Geschichte – nach Max Schmeling und Eckhart Dagge. Damals galt so ein Triumph noch etwas, es gab weder das schwer durchdringbare Dickicht von Verbänden noch die daraus resultierende Titelflut.

Zuhälter liebten Graciano Rocchigiani für seine Schlagfertigkeit  

Berlin hatte endlich einen neuen Sehnsuchtsboxer. Rocchigiani war aus rauerem Holz als vor ihm der schüchterne Sportsmann Schmeling und der Hautevolée-Beau Gustav „Bubi“ Scholz. Graciano Rocchigiani, der zweite Sohn eines sardischen Eisenbiegers, kam direkt von der Straße. Seine Fresse war riesig, sein Geduldsfaden kurz, und wenn er den Ring betrat, schonte er weder sich noch seine Gegner.

Als 16-jähriger Amateur nahm er es bereits mit ausgewachsenen Anabolika-Hünen aus dem Ostblock auf. Ein „Spargeltarzan“ sei er da noch gewesen, sagt er, bis 17, 18 habe er wie ein „kleener Junge“ ausgesehen, aber Angst, Keile zu kriegen, nee, nee, habe er nie gehabt. Furcht, wenn überhaupt, habe er nur vor einer Sache verspürt: vor der Niederlage!

Das Boxen in der Inselstadt Berlin war Ende der Achtziger noch fest in der Hand der Halbwelt. Die Zuhälter liebten „Rocky“ für seine Schlagfertigkeit und dafür, dass er sich für keine Party zu schade war. Während heute Spitzensportler aus Angst, Sponsoren zu verprellen, jedes öffentliche Wort abwägen, ist Rocchigianis Umgang mit seiner Vergangenheit erfrischend analog. Auf jeden Fehltritt, jede Peinlichkeit blickt er ohne Bitterkeit zurück. Die Luden seien immer nett gewesen.

„Immer jut drauf, mit denen hat das Feiern Spaß gemacht“, sagt er. Er meint es ernst, dass man ihn alles fragen kann, er antwortet so direkt, als liefen die Discoschlägereien, die Fights und Gefängnisaufenthalte beim Erzählen wie ein Coming-of-Age-Kinodrama vor seinem geistigen Auge ab. Er hörte nicht auf die cleveren Promoter, die ihm rieten, seinen Titel zu verwalten. Er boxte jeden, der sich ihm in den Weg stellte. Im Zweifel auch mal einen unverschämten Taxifahrer. Trainer und Berater wechselte er fast im Jahresrhythmus, irgendetwas ging ihm immer gegen den Strich.

Seine Energie schien grenzenlos. Ex-Gattin Christine, seine große Liebe und die Einzige, der es gelang, ihn über einen längeren Zeitraum zu managen, schrieb in ihrer Biografie, „Rocky“ habe teils vier-, fünfmal am Tag Sex mit ihr gehabt – und sei abends trotzdem noch in den Puff gegangen.

Hauptstadtboxer Graciano Rocchigiani: Die schmuddelige Antithese zum Gentleman-Boxer 

Er schmiss sich ins Leben wie in seine Herausforderer. Schon Ende der Achtziger sagte Wilfried Sauerland, sein damaliger Promoter: „Gracianos Leben ist aus den Fugen geraten: Er säuft, er kokst und zieht um die Häuser.“

Rocchigiani weiß, dass er für die ganz großen Erfolge zu unsolide war. „Ich war fleißig, wenn ich trainieren musste, aber auch sehr frei in meiner Lebensführung, wenn kein Kampf anstand“, sagt er, „ich rauche, seit ich zwölf bin, habe oft fünf gerade sein lassen. Aber ich hab’s sehr genossen, auch wenn ich zugebe, dass ich es eine Zeit lang übertrieben habe.“

Sein Handy klingelt. Rocchigiani springt auf, beginnt, auf und ab zu laufen, schneller und schneller. Spricht in gebrochenem Englisch in den Hörer. Versucht, das Gespräch freundlich abzubiegen. „No, no, I call you later. No problem“, sagt er zum Abschied. „No problem!“ Doch als er zurück in der Sitzecke kommt, murmelt er: „Probleme, immer Probleme.“ Und der Mann, dessen Ringduelle mit Henry Maske und Dariusz Michalczewski ganz Deutschland in Atem hielten, wirkt für einen Moment ganz verloren.

Damals eignete er sich ideal als schmuddelige Antithese zum Gentlemen-Boxer Maske oder zum sanften „Tiger“ Michalczewski. Die Fights zogen Millionen in ihren Bann – und nicht nur einmal blieb am Ende ein schaler Beigeschmack zurück, wenn der Ringrichter „Rockys“ Punktniederlage verkündete. In einer Zeit, in der Promoter wie Sauerland und Klaus-Peter Kohl danach trachteten, das Boxen von den Schatten des Milieus zu befreien, musste einer die Rolle des „Bad Boy“ übernehmen – und keiner eignete sich besser dafür als der West-Berliner Streetfighter mit der großen Schnauze.

Schon nach dem WM-Kampf 1994 gegen den Briten Chris Eubank war Rocchigiani klar geworden, dass einer mit seinem Image mehr tun musste, als nur gut zu boxen. „Ich wusste, in dieser Größenordnung muss ich den Gegner weghauen, wenn ich gewinnen will. Die Verbände wollten den Sport sauberer präsentieren, einer wie ich, der auch mal aufs Gas drückte, war da eben weniger gefragt.“

In der Dortmunder Westfalenhalle hing Henry Maske 1995 bereits mit zerbeultem Antlitz in den Seilen, als ihn der Gong vor dem K.o. rettete. „Rocky“ ging wieder mal als zweiter Sieger nach Hause.

Graciano Rocchigiani lebte von Sozialhilfe und kämpfte gegen den Alkohol 

Von Graciano Rocchigiani stammt der Satz: „Mann am Boden, jutet Jefühl.“ Dieses Gefühl will er schon bei seinem ersten Kampf erspürt haben, da war er zwölf. „Das Gefühl der absoluten Freiheit und der totalen Erleichterung“ sei das gewesen, sagt er, „weil dir bewusst wird, dass du den Ring als Sieger verlassen wirst“.

Doch nach fast allen großen Kämpfen verließ er, der keinen Gegner fürchtete, die Bühne nur als Sieger der Herzen. Das Gefühl der Freiheit musste ausbleiben. Als er 1998 gegen Michael Nunn den vakanten WBC-Titel im Halbschwergewicht gewann, erkannte ihm der Verband sogar im Nachhinein die Weltmeisterschaft ab. Angeblich, weil der vorherige Titelträger den Gürtel offiziell nie abgegeben habe.

Rocchigiani zog vor Gericht – und einigte sich erst nach dem Rücktritt mit der Gegenseite auf einen Vergleich. Als er im Jahr 2004 die Schadenersatzsumme von 4,5 Millionen US-Dollar akzeptierte, saß er wieder einmal in Haft. Vorher war er schon wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung verurteilt worden, diesmal wegen Verstoßes gegen die Bewährungsauflagen.

Das Geld ist längst weg, als Rocchigiani im Legends Gym an der Schöneberger Hauptstraße über seinen Werdegang sinniert. Zeitweise hat er von Sozialhilfe gelebt, er hat gegen den Alkohol gekämpft, ständig er den Wohnort gewechselt.

Für Graciano Rocchigiani gäbe es viele härtere Lebensläufe

Seine Berliner Schnauze und den Boxer-Optimismus hat er dabei nie eingebüßt und auch nicht diese innere Überzeugung, dass ein Kampf erst verloren ist, wenn der Boxer die Hoffnung verliert. „So groß der Respekt vor dem Gegner auch ist“, sagt Rocchigiani, „du musst weitermachen, immer weitermachen und hoffen, dass du den doch irgendwie triffst und sich das Blatt wendet.“

Als Graciano Rocchigiani mit 24 Jahren gerade Weltmeister geworden war, sprach er den Satz: „Was braucht der Mensch mehr zum Leben außer Glotze gucken, ’n bisschen bumsen und ’n bisschen Anerkennung?“ Damals wähnte er sich am Ziel seiner Träume. Ob dieser Satz gut dreißig Jahre später für ihn gelte, wollen wir am Ende des Interviews von ihm wissen. Rocchigiani überlegt.

Schließlich antwortet er: „Im Prinzip hat sich daran wenig geändert. Aber ein bisschen Geld ist auch nicht schlecht.“ Und etwas später sagt er dann noch: „Glauben Sie mir, es gibt viel, viel schlimmere Lebensläufe als meinen.“