Gregor Gysi wird am 16. Januar 70. Und er ist noch immer der populärste Politiker der Linkspartei. Der Berliner Rechtsanwalt gewinnt in schöner Regelmäßigkeit ein Direktmandat für den Deutschen Bundestag in seinem Wahlkreis Berlin-Treptow-Köpenick. Dort ist auch der 1. FC Union Berlin tief in den Herzen seiner Bewohner verwurzelt. Das Stadion An der Alten Försterei ist eine Viertelstunde von Gysis Büro entfernt. Und während draußen der deutsche Winter Berlin belästigt, lehnen wir uns entspannt zurück und gehen für einen Moment auf im Fußball.

Herr Gysi, was ist Köpenick für sie?

In Treptow-Köpenick bin ich aufgewachsen und zur Schule gegangen. Außerdem ist Treptow-Köpenick der schönste Bezirk Berlins.

Welche Bedeutung hat der Fußball in Ihrem Leben?

Sicher nicht eine so große, wie er für diejenigen hat, die kein Spiel ihrer Lieblingsmannschaft verpassen. Aber natürlich verfolge ich, wie die Saison läuft – mit einem besonderen Augenmerk auf den 1. FC Union. Außerdem interessieren mich Welt- und Europameisterschaften und die europäischen Wettbewerbe.

Ihr allererster Stadionbesuch...

..war in der Alten Försterei.

Ist das eine Liebesbeziehung – Union und Gregor Gysi?

Na ja, auf jeden Fall eine enge. Wirklich lieben kann man nur Menschen. Aber Union hat schon eine besondere Bedeutung für mich und ist seit langem eine feste Größe in meinem Leben. Das fing schon damit an, dass die Spiele von Union in Berlin mir in der Zeit der DDR in der Regel neue Mandanten in der Untersuchungshaftanstalt Rummelsburg beschert haben...

..weil Fußballfans, besonders die vom 1. FC Union Berlin, in der DDR unter besonderer Obhut der Sicherheitsorgane standen.

Exakt. Aber besonders beeindruckt mich diese besondere Verbundenheit, die bei Union herrscht, gerade auch weil sie weit über den Verein hinaus wirkt. Und seit 2005 ist es der Profifußballverein in meinem Wahlkreis. Schon deshalb bin ich nicht nur Mitglied, sondern besuche, so es zeitlich passt, auch gerne Heimspiele meines Vereins.

Was macht die Fixierung auf einen Fußballclub für Männer so interessant?

Das fängt ja bei nicht wenigen im Kindesalter an, wird von den Vätern quasi übertragen. Da kann ich nur mutmaßen, dass eine solche Identifikation neben dem väterlichen Vorbild eben eine Möglichkeit ist, in großem Gemeinschaftsgefühl ein Ziel zu verfolgen, dabei erfolgreich zu sein oder auch zu scheitern. Allerdings sehe ich heute viel mehr Frauen und Familien im Stadion als früher.

Was gefällt Ihnen generell am Fußball?

Die Unvorhersehbarkeit des Ausgangs, die Schnelligkeit bei einer bleibenden Rarität der Tore. Wenn durch das große Geld allerdings das Spiel immer vorhersehbarer würde, weil am Ende eben doch Geld die Tore schießt, verlöre es an Reiz und Interesse. Einen gewissen Vorgeschmack darauf lieferten die letzten Spielzeiten in der Bundesliga.

Gibt es einen Fußballgott?

Ich bin ja kein gläubiger Mensch, aber gerade beim Fußball gibt es Situationen, wo auch ich geneigt bin, an ein höheres Wesen zu denken. Übrigens, wenn ich den Zuschauern trauen darf, haben wir bei Union nur Fußballgötter.

Welches ist Ihre Lieblingsposition?

Mich faszinieren die Torhüter. Entweder sie langweilen sich, weil sie nichts zu tun bekommen, oder sie zerreißen sich fast vor Spannung, wenn sie etwas zu tun bekommen. Sie sind heutzutage eigentlich die komplettesten Spieler. Übrigens, wenn ich in der Schulzeit Fußball spielte, stand ich immer im Tor, weil ich zu faul war, die ganze Zeit über den Platz zu rennen. Andererseits aber hatte ich Schwierigkeiten – bedenken Sie meine Kürze –, an die Latte zu kommen.

Was tun gegen die Aggressionen in den Fankurven?

Das scheint mir ein langes an- und miteinander Hochschaukeln zu sein. Da hilft nur gegenseitige Deeskalation und Gespräche auf Augenhöhe. Die Polizei hat durch Deeskalation in Berlin die Randale um den 1. Mai deutlich reduziert, das muss doch auch beim Fußball möglich sein. Und vielleicht sollte man sich bewusst immer mal in die Haut der anderen Seite versetzen. Außerdem hat mir ein Psychologe erklärt, dass die Fans beim Eishockey friedlicher sind, weil die Aggressionen dadurch abgebaut werden, dass die Spieler gegeneinander ordentlich zur Sache gehen. Die Fußballer sollen sich möglichst wenig berühren, was bei Fouls die Aggressionen bei den Fans ansteigen lässt. Fußballer sind aber auch schlechter geschützt als Eishockeyspieler, sodass es im Fußball deutlich schlimmere Verletzungen gibt. Darüber sollte man auch mal nachdenken.

Auch rassistische und homophobe Sprüche sind immer noch ein großes Problem auf den Rängen.

Weil man so etwas in der Anonymität der Masse einfacher herausschreien kann – da anonymisiert der Fanblock ein bisschen so wie das Internet. Ich wünschte mir, dass die Fans das untereinander nicht hinnähmen, sondern klare Grenzen zögen. Es ist doch aberwitzig. In jeder Profimannschaft spielen heute ausländische Spieler. Die halbe Nationalmannschaft hat einen Migrationshintergrund. Und dennoch meinen diejenigen, die das brüllen, die andere Mannschaft, die anderen Fans damit besonders beleidigen zu können. Sie treffen letztlich auch die eigenen Spieler.

Sind Fußballfans konservative Menschen?

Nein, sie sind ein Spiegelbild der Gesellschaft, allerdings nach wie vor mehr der männlichen.

Lange Zeit war das Zeigen der deutschen Farben verpönt.Das hat sich spötestens 2006 grundlegend geändert. Sehen Sie das kritisch?

Die Weltmeisterschaft in Deutschland hat eine offene, selbstbewusste und zugleich tolerante Beziehung zum eigenen Land freigesetzt. Die klare Abgrenzung zu pöbelnden Zuschauern jüngst in Prag, und zwar durch die Mannschaft und die Fans, hat deutlich gemacht, dass rechtsnationales Gedankengut dabei keinen Platz haben darf. Als ich in Berlin ein WM-Spiel besuchte, kamen viele junge Leute mit Fahnen, Kleidung und Schminke in Schwarz-Rot-Gold. Sie sahen mich und sangen: „Gysi ist der Fußballgott“. Da wusste ich, das hat mit rechtsnationalem Gedankengut nichts zu tun.

Ist unsere Fankultur biodeutsch und männlich?

Zumindest hat sie in großem Umfang so begonnen, sich zu entwickeln. Inzwischen gibt es ja auch weibliche Ultra-Gruppen, und auch Menschen mit Migrationshintergrund stehen im Fanblock. Aber klar, da ist noch Luft nach oben.

Warum ist der Anteil weiblicher Fans und Migranten im Stadion so gering?

Mir scheint beides zu wachsen, in manchen Stadien schneller, in anderen langsamer. In jedem Fall ist das Fußballerlebnis durch die modernen Stadien in Deutschland so sicher, dass es auch für Familien attraktiv wird.

Gehört Politik ins Stadion?

Viele Fanszenen lehnen das ab, aber auch das ist ja schon Politik. Und die jüngsten Auseinandersetzungen der aktiven Fanszenen mit dem DFB folgen allen Regeln der politischen Inszenierung. Insofern scheint es mir ein bisschen ein Streit um des Kaisers Bart zu sein, Politik aus den Stadien zu verbannen. Da finde ich klare Positionen wie von den Fans des FC St. Pauli ehrlicher.

Die gute Fee schenkt ihnen drei Wünsche fürs neue Jahr. Wie lauten sie?

Erstens: Der 1. FC Union steigt in die 1. Bundesliga auf. Zweitens: Ich möchte alle aktiven Sprachen der Welt perfekt mündlich und schriftlich beherrschen. Und drittens hätte ich gerne eine weitere Fee für die nächsten drei Wünsche, wobei dieser letzte Wunsch bei jeder Fee der gleiche bleibt.