Bad Kleinkirchheim - Für viele Spieler des 1. FC Union begann das Trainingslager in Österreich mit einer Zittereinheit. Stutzig geworden von all dem Gewackel und Gestöhne versuchte sich irgendwann auch der Cheftrainer höchstselbst an der augenscheinlich über die Maße anstrengenden Stabilisierungsübung von Athletikcoach Martin Krüger: In den Armstütz gehen, dann eine Hand vom Boden lösen und den Arm ausstrecken. Hält noch. Jetzt abwechselnd die Füße in die Höhe. Zittern, krümmen, buckeln im Kreise der Fußballer. Grischa Prömel jedoch wackelte nicht, der Körper durchgestreckt. Linken Fuß heben, rechten Fuß heben. Kein Problem.

Der 22 Jahre alte Defensivspieler, der von Zweitligaabsteiger Karlsruher SC zum Berliner Aufstiegsaspiranten gewechselt ist, sieht aus wie das Musterexemplar des modernen Jungprofis. Seine Geschichte ist aber eine andere. „Viele, die direkt im Internat sind, verschenken ein bisschen die Jugend“, sagt er. „Du konzentrierst dich da halt nur auf Fußball.“ Neugierig blickt Prömel hinter die Absperrungen, die einem Fußballprofi das Leben so angenehm wie möglich machen sollen – aber auch die Bewegungsfreiheit einschränken.

Nagelsmanns späte Entdeckung

Als er vor einem Jahr für Deutschland bei den Olympischen Spielen aufspielen durfte, bettelte er darum, die abgekapselte Parallelwelt zu verlassen.  „Normalerweise fährt das Sicherheitspersonal in die Stadt und holt den Friseur ins Hotel. Ich wollte aber ein bisschen was sehen“, sagt er. Was folgte, hat den jungen Menschen mehr geprägt als Sieg und Niederlage.

Als er mit dem einheimischen Teambetreuer und einem Personenschützer im Friseur-Salon ankam, mussten alle Kunden für eine halbe Stunde raus, ohne zu wissen warum. So ein schroffer Rauswurf provoziert Groll auf der einen Seite und Scham auf der anderen. Eigentlich. Als das Geheimnis nach dem Haarschnitt gelüftet wurde, verwandelte sich die peinliche Situation in Herzlichkeit. Die Familie kam, Fotos wurden geschossen. „Und der Friseur hat fast angefangen zu weinen, weil er so gerührt war“, erinnert sich Prömel.

Spät erst hat seine Karriere Schwung aufgenommen: Als er das Abitur geschafft hatte und ihn Julian Nagelsmann in Hoffenheims U19 holte. Vorher war er mit dem Nachwuchs der Stuttgarter Kickers zwischen Bezirks-, Verbands- und Bundesliga geschwankt. „Dann ging es Schlag auf Schlag“, sagt Prömel. Unter Nagelsmann wurde er Deutscher Nachwuchsmeister, spielte als einziger Spieler ohne Profierfahrung im deutschen Team die U20-Weltmeisterschaft (unter anderem an der Seite von Julian Weigl) und wechselte im Anschluss nach Karlsruhe. Die Zeit dort endete nach 44 Zweitligaspielen im Sommer mit dem Abstieg. Reicht das, um die Mannschaft eines Aufstiegsaspiranten besser zu machen? Die ersten Indizien sprechen dafür.

„Geiler Ball Grischa“, brüllt Jens Keller an Tag zwei in Bad Kleinkirchheim. Sechs gegen sechs steht auf dem Programm, und es wird pausenlos gepresst. Die Aufbauspieler in der Defensive werden bereits attackiert, ehe sie den Ball am Fuß haben. Trotzdem findet Prömel die Schnittstelle für den öffnenden Pass.

„Leider haben wir das Finale im Elfmeterschießen verloren“

Defensivchef Stephan Fürstner hat bereits gemerkt, dass er sich nicht auf dem guten Vorjahr Saison ausruhen kann. Egal, ob der 29-Jährige nochmals zulegt oder ob es der neue Konkurrent in die Startelf schaffen wird – Union gewinnt. Das hat auch viel damit zu tun, dass Prömel ähnlich wie Fürstner trotz seines jungen Alters eine gefestigte Persönlichkeit auf den Platz bringt.

Die Olympischen Spiele waren eine Erfahrung, die ihn hat nachdenken lassen über Privilegien,  Glück und Schicksal. Oft ist er mit der Mannschaft zum Training durch die Favelas gefahren. „Natürlich war es teilweise erschreckend, unter welchen Bedingungen die Menschen da leben und welche Armut dort herrscht. Aber alle sind  sehr warmherzig.“ In der Mensa des Olympischen Dorfs, so groß wie ein Flughafenhangar, hörte er zudem, was andere für ihren Sport arbeiten, ohne damit Geld zu verdienen. „Ich habe mit einer Ruderin geredet, die seit drei Jahren dreimal täglich auf die Olympischen Spiele hingearbeitet hat. Dann wird sie Achte und trotzdem ist es für sie das größte Erlebnis in ihrem Leben. Das ist bemerkenswert.“

Das Gespür für Verhältnismäßigkeiten, das der junge Fußballer auf seiner Reise entwickelt hat, ist erstaunlich. „Leider haben wir das Finale im Elfmeterschießen verloren, aber vielleicht war das ganz gut für die Nation Brasilien, weil die schon extrem gekränkt waren nach dem 1:7 bei der WM“, sagt er.  Und wer es wie Prömel „geil“ findet, von 63.000 Brasilianern im Maracanã ausgepfiffen zu werden, dem macht Aufstiegskampf bestimmt keine Angst