Wann und wie oder vielleicht doch mit wem hat das alles begonnen? Mit Sylvie van der Vaart, die nach Aussagen des früheren Trainers und kritischen Frauenforschers Huub Stevens so unruhig gewesen sein soll, dass sie die Karriere ihres Mannes Rafael irreparabel beschädigt hat? Mit der Papierkugel, die den Weg des Hamburger SV in den großen Nordderbywochen gegen Werder Bremen so schicksalhaft kreuzte? Oder erst mit Paolo Guerreros Flaschenwurf, als die Nerven eines Mittelstürmers öffentlich blank lagen und Fußballdeutschland aus Neurologen ohne Approbation bestand?

Spätestens begann es wohl mit dem Manager Peter Knäbel, dem ein Rucksack mit Vertragsdetails abhandengekommen ist und danach eine Frage immer hartnäckiger nach vorne drängte: Ist dieser HSV überhaupt noch ein professionell geführter Fußballklub oder schon eine ins Absurde abdriftende Ansammlung von Lach- und Sachgeschichten?

Seit ein paar Jahren ist es jedenfalls sehr angesagt, Witze über die Hamburger zu machen. Über die peinlichen Pleiten, ja, oft auch das Pech und dann über all die unvergesslichen Pannen, die wir hier rechts in einer – aus Platzmangel lediglich kleinen – Skandalchronik untergebracht haben. Und es waren wirklich lustige Witze dabei.

Eine gehässige Zeit

Kennen Sie den schon: „Was ist der Unterschied zwischen dem Hamburger SV und Karstadt? Karstadt hat die bessere Sportabteilung?“ Oder den hier: „Es gab eine Prügelei in der HSV-Kabine! Aber es ist nichts passiert, keiner hat getroffen.“ Okay, einen haben wir noch: „Was ist der Unterschied zwischen dem HSV und einen Ü? Das Ü hat mehr Punkte.“ Der machte in der vergangenen Saison die Runde, als die Hamburger nach sechs Spieltagen nur ein Unentschieden zustande gebracht hatten. Zu ihren Auswärtsspielen flogen sie damals angeblich mit der Tabellenletzt Air. Doch das stimmte nicht. Genauso wenig wie die Meldung, McDonald’s wolle seine Hamburger aus Imagegründen umbenennen.

Der HSV hat einerseits mit an Stalking grenzender Beharrlichkeit immer wieder neue Geschichten produziert, die nur noch entfernt mit Fußball zu tun hatten. Andererseits fielen die größten sportlichen Misserfolge des Vereins in die wohl gehässige Zeit. Das Internet kann ein böser Ort sein. Unglücklich auch für den HSV, dass der nicht minder skandalbegabte 1. FC Köln zeitgleich zu ungekannter Ernsthaftigkeit fand, dass Borussia Dortmund seine Legende von der echten Liebe verbreitete und mit RB Leipzig ein neues Feindbild entstand.

Den Hamburgern blieb da nur die Idiotenrolle übrig. Dazu eine Stadionuhr – tickt’s noch? – wie eine Zeitbombe und ein Markenkern, der daraus bestand, ein unabsteigbarer Ertstligist zu sein. Als hätte uns die Geschichte nicht gelehrt, dass Dinosaurier zum Aussterben geboren wurden.

Hertha muss dankbar sein

In einem Land vor dieser Zeit gab es einen anderen Verein, der verlässlich Häme und Spott an sich zog und der von einigen nur im besten Fall mit Gleichgültigkeit betrachtet werden konnte: Hertha BSC. Das ist jener Verein, der seinen Spielern eine regelwidrige Frontzulage West zahlte und 1965 zwangsabsteigen musste, der im Bundesligaskandal 1971 eine kleine Rolle spielte, aber den wohl größten Schaden hatte und dessen Fans später eine Feindschaft zum FC Meineid 04 ableiteten, die einzigartig ist in der Fußballwelt – weil sie nicht erwidert wird in Gelsenkirchen.

Dann gab es die Ära des Geld verbrennenden Hubschraubermanagers und Wutkönigs Dieter Hoeneß. Oder die ungelenke Thronbesteigung von Nachfolger Michael Preetz, in dessen Anfangszeit nicht nur zwei Abstiege, sondern auch die Lügenaffäre „Münchhausen“ und die Schmiergeschichte „Lolita“ fallen. Nicht zu vergessen sind die legendären Auftritte des Trainers Otto Rehhagel, der Hunde und Goethe liebte, aber in seiner Berliner Dämmerphase weder Fragen noch Fußball verstand.

Dass nun ausgerechnet Hertha am heutigen Sonnabend beim HSV antreten muss und diesen mit einem Sieg schon so nahe an den Abgrund zur Zweitklassigkeit treiben könnte, ist nicht ohne. Im Grunde – #dankeHSV – können die Berliner ja froh sein, dass sie nicht mehr die größte Lachnummer der Liga sind. Denn wer soll im Abstiegsfall diese Rolle übernehmen? Die Suche beginnt jetzt. Das Publikum hat schon die Bauchmuskeln angespannt.

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Kleine HSV-Skandalchronik

August 2007: Raffael Van der Vaart erleidet einen spontanen Hexenschuss. Wohl der Wechselwirbel. Der Kapitän fliegt mit Vereinsfluchtgedanken nach Spanien, wo er im Trikot seines Traumklubs FC Valencia posiert. Zu früh gefreut. Der HSV verbietet den Transfer. Van der Vaart muss zur Strafe 30.000 Euro zahlen.

April/Mai 2009: Im Saisonfinale spielt der HSV viermal gegen Werder Bremen, Liga, Pokal, zweimal im Uefa Cup. Im Halbfinalrückspiel hoppelt der Ball über eine Papierkugel und  über den Fuß des Abwehrspielers Michael Gravgaard unfreiwillig ins Toraus: Eckball, Tor für Werder, die Entscheidung. Die Papierkugel kann man heute im Bremer Wuseum bestaunen.

April 2010: Paolo Guerrero ist Stürmer und heterosexuell. Doch weil ein Fan nach einem 0:0 gegen Hannover beides bestreitet und eine Rückkehr nach Peru vorschlägt, erklärt Guerrero ihm den Krieg und feuert eine Trinkflasche ab: Kopftreffer. Es folgt ein Strafbefehl wegen gefährlicher Körperverletzung und eine Geldbuße über 100.000 Euro.

August 2013: Von einem 1:5 gegen Hoffenheim erholen sich Dennis Aogo und Tomás Rincón auf Mallorca. „In der Situation macht man das nicht“, sagt Thorsten Fink. Konsequenzen gibt es keine. Drei Monate später – nach einem 2:6 gegen Dortmund – wird der Trainer zur Erholung selbst beurlaubt.

Im April 2015: In der Halbzeitpause des Spiels gegen Wolfsburg tragen Johan Djourou und Valon Behrami einen Faustkampf aus. Behrami sagt später aus: „Der Boden in der Garderobe war glitschig, plötzlich bin ich von selbst umgefallen.“ Das Spiel geht verloren, Djourou fliegt vom (glitschigen?) Platz, der HSV ist jetzt Tabellenletzter.

September 2015: Peter Knäbel verliert seinen Managerrucksack. Er wird ihm aus dem Auto gestohlen und später in einem Park gefunden. Rucksackinhalt: geheime Details aus Spielerverträgen. Knäbel wird dadurch ein paar Lachnummern größer. „Es geht definitiv Lebensqualität verloren“, sagt er. Erstmals fühlen sich  HSV-Fans verstanden.