Am Ende eines überaus spannenden Fußballspiels beeindruckten die großen Gesten: Wie die ukrainischen Mitspieler ihren Kapitän Andriy Yarmolenko aufrichteten, der da auf dem Spielfeld des Cardiff-City-Stadions niedergesunken war, Tränen und Regentropfen mischten sich in seinem Gesicht, das er versuchte, mit den Händen zu verdecken. Sein Eigentor war entscheidend gewesen. Es hatte Wales die Teilnahme an der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar verschafft – und der Ukraine den Auftritt dort verbaut.

Also Yarmolenko, der Mann, der gleich zu Kriegsbeginn in die sportpolitische Kommunikation eingestiegen war und Russlands Nationalspieler gefragt hatte: „Jungs, warum sitzt ihr wie die Blöden da und sagt nichts? In meinem Land töten sie Menschen, Frauen, Mütter, unsere Kinder. Aber ihr sagt nichts, ihr kommentiert nichts.“ Ausgerechnet Yarmolenko also war das Missgeschick passiert, das Wales zum 1:0-Sieg verhalf. Er hatte in der 34. Minute einen Freistoß von Wales’ Spielführer Gareth Bale ins eigene Tor geköpft.

Wales qualifiziert sich zum ersten Mal seit 64 Jahren für die WM

Bei all ihrem Jubel über das eigene Glück, sich zum ersten Mal seit 64 Jahren wieder für eine Fußball-WM qualifiziert zu haben, zeigten die Waliser Mitgefühl für ihre unterlegenen Kontrahenten. Die Spieler um Gareth Bale applaudierten Yarmolenko und seinem Team aufrichtig – ebenso wie die walisischen Zuschauer. Sogar der Schiedsrichter kniete beim am Boden kauernden Verteidiger Oleksandr Sintschenko nieder, um ihn zu trösten.

„Ich möchte dem Rest der Welt noch einmal sagen: Wir müssen alle zusammenstehen, wir müssen gegen den Krieg zusammenhalten. Wir müssen den Krieg stoppen. Denn heute ist es die Ukraine, morgen kann es Ihr Land sein. Man weiß es nicht. Jeder möchte in Frieden leben“, sagte Sintschenko, als er sich gefasst hatte.

„Wir haben alles getan, was wir konnten“, sagte Trainer Oleksandr Petrakow, „aber ich möchte wirklich, dass sich die Menschen in der Ukraine an unsere Bemühungen erinnern.“ Die Ukraine war überlegen, hatte mehr Torchancen, nur nutzten Sintschenko und seine Kollegen sie nicht.

Wales hingegen feierte das Ende seines WM-Fluchs. Erstmals seit 1958 nimmt das kleine Land wieder an einer WM teil und trifft dort vom 21. November bis 18. Dezember in der Gruppe B auf England, den Iran und die USA. „Das ist das beste Ergebnis in der Geschichte des walisischen Fußballs“, sagte Bale. „Ich freue mich einfach, dass wir zu einer WM fahren. Es bedeutet alles, es ist das, woraus Träume gemacht sind. Ich bin so froh. Wir haben es für diese großartigen Fans getan.“

Trotz des Krieges soll auch in der Ukraine bald wieder Fußball gespielt werden. Der nationale Verband will im August die Meisterschaft neu starten. „Ich habe mit Präsident Selenskyj darüber gesprochen, wie wichtig der Fußball ist, um abzulenken“, sagte Verbandspräsident Andrej Pawelko. Der Fußball habe eine große Kraft, damit die Menschen in der Ukraine wieder an eine Zukunft glauben könnten. Der Spielbetrieb der Premier Liga war am 24. Februar ausgesetzt worden.