Manchmal darf man auch im Fußball zurückschauen: die Mannschaft von Lichtenberg 47 der Saison 2019/2020.
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Berlin-LichtenbergKlaus Schröder wuselt über das Gelände. Der langjährige Platzwart und Betreuer von Lichtenberg 47 hat ganze Arbeit geleistet. Er kümmert sich auch liebevoll um den Rasen im Hans-Zoschke-Stadion. Der erstrahlt in sattem Grün. Beste Bedingungen also für die Spieler des Regionalligisten, die seit knapp zwei Wochen wieder normal mit Vollkontakt trainieren. Zuvor konnte es wegen des Coronavirus lediglich Gruppentraining geben – mit Abstand und ohne Kontakt. Die Jungs von Trainer Uwe Lehmann, 38, seit 2013 im Amt, sind regelrecht heiß auf Zweikämpfe, auf Torschüsse, auf Spielpraxis. Fast vier Monate hatten sie keinen Ball gesehen.

Gut eine Stunde vor Trainingsbeginn – jeden Tag um 18 Uhr – trifft das Gros der Kicker ein. Der starke Keeper Niklas Wollert, zuletzt einer der besten Torhüter der Regionalliga Nordost, der defensive Mittelfeldmann Nils Fiegen, der für die Wahl zu „Berlins Amateurfußballer der Saison 2019/20“ nominiert ist, oder die zahlreichen Zugänge, meist junge, talentierte Spieler. Die Abläufe sind unter den strengen Hygienevorschriften völlig anders und viel aufwendiger als in Vor-Corona-Zeiten.

„Das ist schon sehr heftig“, sagt Benjamin Plötz, 33, der Manager und seit wenigen Wochen auch einer der Vizepräsidenten des Traditionsvereins, „die Anweisungen betragen 36 Seiten.“ Lichtenberg hatte beim Berliner Senat auch ein eigenes, modifiziertes Hygienekonzept eingereicht und von dort ein Okay bekommen. Neuerdings gibt es drei Kabinen für die Spieler, sechs Akteure halten sich dort pro Raum auf. Außerhalb des Platzes wird auf 1,50 Meter Abstand geachtet und vor jeder Übungsstunde Fieber gemessen. „Alles wird protokolliert“, sagt Plötz, der seit 2011 der Macher im Verein ist.

Alle sind froh, dass das Vereinsleben ganz langsam wieder in Gang kommt und der Saisonbeginn, der für den 15. August terminiert ist, näher rückt. Alex, der Wirt des Vereinsheims, der viele Wochen nicht hinter dem Tresen stehen durfte und ohne jegliche Einnahmen auskommen musste, schenkt Bier aus. Einige Vereinsmitglieder sitzen auf der Terrasse in der Sonne und wollen später das Training beobachten.

Das letzte Pflichtspiel absolvierte der damalige Aufsteiger in die Regionalliga Nordost am 7. März auswärts beim SV Babelsberg und unterlag mit 1:4. Danach, nach der Unterbrechung des Spielbetriebs, begann eine nervige Zeit, die Monate, bis zum endgültigen Abbruch, andauerte. Plötz, beruflich auch im Homeoffice wie viele seiner Kicker, die alle einem Beruf nachgehen oder studieren, hielt mit der Mannschaft telefonisch Kontakt oder setzte Videokonferenzen an. Man kümmerte sich umeinander. Trainer Lehmann gab spezielle Übungen für zu Hause mit auf den Weg und empfahl Dauerläufe.

Platz 11 am Ende war der Lohn für die oft starken Leistungen bis Anfang März. In Abstiegsgefahr geriet der Neuling nie, gefiel durch seine attraktive Spielweise und das faire und sympathische Auftreten.

Der Manager nutzte die Zeit auch, um viele Transfers zu tätigen. Beinahe ein Dutzend neue Spieler folgte seinem Ruf. „Dass wir ein familiärer Verein sind und einen guten Ruf besitzen, erleichterte das Werben um viele Talente. Und die Regionalliga mit ihren Traditionsklubs reizt natürlich sehr“, sagt Plötz, „für viele unserer Spieler ist das beinahe wie die Champions League.“

Mit Thomas Brechler, 34, musste man nur einen namhaften Abgang verkraften. Der wuchtige Angreifer, schon über dem Zenit seiner Karriere, schloss sich Oberligist Tasmania an.

Lichtenberg benötigt einen großen Kader, denn mit der Liga, die nun 20 Mannschaften umfasst, mit Pokal- und Testspielen kommt man sicherlich auf 50 Duelle in dieser neuen Spielzeit. „Das wird eine große Herausforderung für uns alle“, sagt Plötz.

Laut Geschäftsführer Henry Berthy wird der Etat rund 250.000 bis 300.000 Euro betragen. „Gott sei Dank“, sagt Berthy, „sind unsere Sponsoren sehr breit gefächert. Rund 50 sind es insgesamt.“ Trotz zahlreicher eigener Probleme während der Krise sind alle Lichtenberg treu geblieben. Der Verein kalkuliert mit rund 700 Zuschauern pro Heimspiel, dem Wert der Vorsaison, aber hier beginnen wieder die vielen Unwägbarkeiten. Wann werden Zuschauer zugelassen und wie viele dürfen in die schmucke Arena, die sehr viel Platz bietet? Kommen die Fans wieder oder bleiben einige aus Angst vor dem Virus lieber zu Hause?

Der Verein, der mit dem „Zoschke“ eines der schönsten reinen Fußballstadien in Berlin besitzt, ist von den Zuschauereinnahmen abhängig. Plötz sagt: „Der Dauerkartenverkauf läuft gut an, aber noch ist ja alles unsicher, was Spiele mit Fans betrifft.“ Neuerdings gibt es schon einen zusätzlichen Eingang für Zuschauer, es werden neue Toiletten angeschafft und viele Möglichkeiten geschaffen, um für eine Desinfektion zu sorgen. Das alles kostet Geld.

Lichtenbergs harter Saisonstart

Um mehr Sicherheit zu gewährleisten, hat man die beiden Trainerbänke von der Haupttribüne, wo die meisten Fans sitzen, weggenommen und auf die gegenüberliegende Seite verpflanzt. „Bis zu unserem ersten Heimspiel gegen die VSG Altglienicke um den 23. August herum muss alles in Sachen Zuschauer geklärt sein“, sagt Manager Plötz. Wie erfinderisch sie in Lichtenberg sind, hat die Vereinsführung kürzlich bewiesen. Die Mitgliederversammlung fand wegen der Hygienevorschriften nicht in einem Raum oder Saal statt, sondern wurde auf die Haupttribüne ins Freie verlegt. 70 Mitglieder verteilten sich locker.

Benjamin Plötz hat das Saisonziel klar vor Augen: „Klassenerhalt, am Ende wollen wir über dem Strich stehen.“ Dabei hat es das Auftaktprogramm in sich: 47 muss zuerst zu Energie Cottbus reisen, dann kommt das starke Altglienicke und danach muss das Team von Trainer Lehmann zum Aufsteiger Tennis Borussia nach Charlottenburg. Plötz bleibt gelassen: „Zwei Große zu Beginn ist vielleicht gut für uns. Die sind dann auch noch nicht so perfekt eingespielt.“

Das ist allerdings auch nicht sicher, wie so vieles vor dieser neuen Saison. Auf der Terrasse vor dem Vereinsheim sitzen auch nach dem Training noch einige 47er. Sie alle hoffen auf eine Saison ohne neue Krisen und wollen die Regionalliga, die mit ihren Vereinen an die DDR-Oberliga erinnert, möglichst genießen.