Berlins Trainer Jürgen Klinsmann (M) sitzt neben Berlins Co-Trainer Alexander Nouri (l) auf der Bank.
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Frankfurt am MainIrgendwann im Frühjahr dieses Jahres sind sich Adi Hütter und Jürgen Klinsmann in einem Frankfurter Restaurant erstmals rein zufällig begegnet. Der Trainer von Eintracht Frankfurt kannte den Baumeister des deutschen Sommermärchens nur aus dem Fernseher, weshalb sich die beiden damals sehr ungezwungen austauschen konnten. Ganz so viel Übereinstimmung hat allerdings nicht mehr bestanden, als am Freitagabend das 2:2 (0:1) zwischen Eintracht Frankfurt und Hertha BSC in die Nachbetrachtung ging. Wie es sich für den Berufsoptimisten Klinsmann gehört, hatte ihm der kleine Finger seiner immerhin leidenschaftlich fightenden Mannschaft genügt, um die ganze Hand zu greifen. „Es ist wirklich spannend, diesen Prozess mitzuerleben. Die Spieler sind gewillt zuzuhören und die Dinge in schneller Zeit umzusetzen. Da ist etwas am Heranwachsen“, versicherte der 55-Jährige.

Ein kleines Präsent vom Nikolaus

Kritiker werden eher behaupten, dass der glückliche Punkt in der Mainmetropole ein kleines Präsent vom Nikolaus zu sein schien, der im düsteren Frankfurter Stadtwald nicht alle Geschenke losgeworden ist. Auf dem Statistikbogen sprachen nämlich 27:8 Torschüsse, 22:4 Flanken, 16:1 Ecken und 58 Prozent Ballbesitz klar für die Eintracht. Der vom missionairischem Eifer durchdrungene Projektleiter saugte allein aus der kämpferischen Grundhaltung ganz viel Honig für seine Hauptstadtmission.  „Für uns ist das ein großer Schritt nach vorne. Wir nehmen jeden Punkt gerne mit, vor allem auswärts."

Doch seine Aussage vom „gerechten Remis“ forderte Hütters Widerspruch heraus. „In Summe gesehen hätten wir das Spiel gewinnen müssen. Nach dem 0:2 sind wir unglaublich gut zurückgekommen“, sagte der 49-Jährige. Im Gegensatz zum gebürtigen Schwaben  grinste der Österreicher  auch nicht ständig. Sein dem klaren Wort zugeneigter Landsmann  Martin Hinteregger als fast alleiniger Wegbereiter der Aufholjagd  urteilte unverblümt über den Kontrahenten in den mausgrauen Trikots: „Die waren gar nicht vorhanden und führen 2:0. Wir haben uns alle gefragt, was ist jetzt los?“

Bei der Vision vom „Big City Club“ hilft es dauerhaft nicht weiter, vor  spielerischen und taktischen Defiziten die Augen zu verschließen. Das umkämpfte Bundesligaspiel bei nasskalter Witterung diente als Lehrbeispiel dafür, wie unterschiedlich eine eigentlich identische 3-5-2-Grundformation interpretiert werden kann. Hier die mutige, forsche Eintracht, da eine zeitweise fast verängstigte, zurückweichende Hertha. Denn auch mit der neuen Außenbahnbesetzung – Lukas Klünter rechts und Marvin Plattenhardt links – agierten die Berliner praktisch mit einer Fünferkette. Folglich fehlte meist der Zugriff im Mittelfeld.

Ein Problem, dass Klinsmanns erster Co-Trainer Nouri in seiner Endphase als Chefcoach beim SV Werder auf die Füße fiel, der bei seiner Entlassung im November 2017 mit genau jener vorsichtigen Ausrichtung das Bremer Team aller offensiven Lösungsmöglichkeiten beraubt hatte. „Wir wollten uns in gewissen Situationen tiefer fallen lassen. Wir werden schon noch variieren“, versprach Klinsmann bei der Systemfrage. Die Formation sei zunächst nur gegen den BVB und „starke Eintracht“ ausgewählt worden, „wir müssen noch sehen, was für die Mannschaft am besten passt.“   Ein Berliner Wintermärchen entsteht eher nicht, wenn sich Klinsmann 13 Jahre nach dem Zusammenwirken mit dem Offensivliebhaber Joachim Löw als taktischen Regisseur an seiner Seite nun vom Defensivdenker Nouri leiten lässt. Die Alte Dame braucht dringend mehr Überzeugung auf dem Platz. Klinsmann bat um Geduld in der Findungsphase: „Wir wissen, es geht nur ein Schritt nach dem anderen und ein Tag nach dem anderen.“

Auch wenn der neue Hertha-Coach die Eintracht hinterher artig mit Komplimenten überhäufte („die Entwicklung ist toll zu sehen und bemerkenswert“), hatte sein Team nicht bei einer Spitzenmannschaft, sondern beim Tabellenzehnten gepunktet. Vielleicht muss „Klinsi“  ja als Strahlemann vorangehen, doch zu viel Schein statt Sein wird in einem ausgeleuchteten Betrieb wie der Bundesliga schnell unglaubwürdig. Der prominente Nothelfer muss  aufpassen, dass er nicht zu viel heiße Luft in den Berliner Ballon bläst. Bei beiden Spielen unter Klinsmanns Regie litt die Nachbetrachtung aller Protagonisten unter einer verzerrten Wahrnehmung.

Immerhin: Bei Akteuren wie Marko Grjuic, bester Berliner, der mit einer feinen Vorlage das 1:0 von Dodi Lukebakio einleitete (30.) und das 2:0 selbst erzielte (63.), hat Klinsmann großen Kredit. „Ich bin sehr glücklich, unter ihm zu arbeiten. Er ist einer der größten Namen im deutschen Fußball“, sagte der serbische Nationalspieler. „Wir  können so viel von ihm lernen. Der Trainer war nach dem Spiel sehr positiv. Freiburg ist jetzt ein Team, dass wir schlagen können.“ Klinsmann hat kommenden Samstag seinen ersten Sieg fest ins Visier genommen. „Jetzt wollen wir nächste Woche drei Punkte.“ Die Vorgabe  wirkt zur Beruhigung der prekären Berliner Lage bis zum Ende der Hinrunde eingedenk der weiteren Aufgaben bei Bayer Leverkusen (18.12) und gegen Borussia Mönchengladbach (21.12) beinahe alternativlos.