Wirklichkeitsfremde Werbung: Kaum vorstellbar, dass sich durch Tokios Straßen in diesem Sommer Olympia-Touristen tummeln werden. 
Foto: Jae C. Hong/AP

BerlinDie Corona-Pandemie gefährdet die größten Sportereignisse des Jahres: die Fußball-Europameisterschaft (geplant vom 12. Juni bis 12. Juli) sowie die Olympischen Sommerspiele in Tokio (geplant vom 24. Juli bis 9. August) inklusive der Paralympics. Bislang äußerten sich die Hauptveranstalter der EM und der Sommerspiele, die Uefa und das IOC, kaum substanziell zu den Events. Die Uefa konzentrierte sich auf die Klubwettbewerbe, stoppte Champions League und Europa League. Das IOC spielt auf Zeit und hofft darauf, dass sich die Lage bis Ende Mai entscheidend bessert. IOC-Präsident Thomas Bach und Japans Ministerpräsident Shinzo Abe beteuern immer wieder: Die Sommerspiele finden wie geplant statt!

Während der organisierte Sport auf Profi- und Amateurebene weitgehend eingestellt wurde, zog das IOC am Wochenende in London einen olympischen Qualifikationswettbewerb im Boxen durch. Der Box-Weltverband (Aiba) ist wegen flächendeckender langjähriger Korruption suspendiert, das IOC hat daher auf dem Weg nach Tokio den Hut auf. Boxen ist eine Kontaktsportart, derlei Events verbieten sich in Zeiten von Corona eigentlich. Das IOC ist quasi doppelt unter Druck: Die Spiele in Tokio insgesamt sind gefährdet. Außerdem sind erst etwas mehr als die Hälfte der olympischen Quotenplätze vergeben. Viele Qualifikationen, darunter die im Männer-Handball in Berlin, mussten verschoben oder ganz abgesagt werden.

IOC-Mitarbeiter arbeiten im Home Office

Am IOC-Sitz in Lausanne, wo mehrere Menschen am Coronavirus verstarben, sind Ansammlungen von mehr als 50 Personen verboten. Der wichtigste Sportkongress des Jahres wurde abgesagt: die für April geplante Messe SportAccord mit IOC und mehr als 100 Weltverbänden. Die für Tokio relevanten 33 olympischen Verbände und 206 Nationalen Olympischen Komitees (NOK) haben viele drängende unbeantwortete Fragen. In der IOC-Zentrale geht man ab Montag zum Home Office über, es bleiben nur Video-Konferenzen und Durchhalteparolen. Offiziell gibt es keinen Plan B.

Von der Videokonferenz der Uefa mit ihren 55 Mitgliedsverbänden am Dienstag sind dagegen Fakten zu erwarten. Alles andere als eine Absage der EM 2020 wäre eine absurde Überraschung. Die Frage ist nur, ob die EM völlig gestrichen oder ins kommende Jahr verlegt wird. Die Absage der EM 2020 würde allen Nationalverbänden von Mai bis Mitte Juli Zeit geben, ihre Ligen zu beenden, die Uefa könnte in diesem Zeitraum die Champions und Europa League ausspielen – natürlich nur, wenn sich die Corona-Lage wesentlich verbessern sollte. Die Verbände würden das mehrheitlich unterstützen.

Zwischen Nyon, Sitz der Uefa, und Zürich, Sitz des Weltverbandes Fifa, glühen die Drähte. Es läuft ein gewaltiges Geschacher um Pläne, Einfluss und Macht. Wahrscheinlichstes Szenario: Fifa-Präsident Gianni Infantino gibt das Zeitfenster für die auf 24 Teilnehmer ausgeweitete Klub-WM 2021 in China frei, verschiebt diese WM oder lässt sie ausfallen. Die EM könnte dann von Mitte Juni bis Anfang Juli 2021 stattfinden. Dafür müssen Uefa-Präsident Aleksander Ceferin und andere Europäer, die Teile der obskuren Expansionspläne Infantinos blockierten, diesem entgegenkommen.

Das IOC hat weniger Zeitdruck als die Uefa

In der Krise offenbaren sich sogar Vorteile eines aus größter Not geborenen paneuropäischen Fußballturniers: In zwölf Nationen sollte die EM 2020 ausgetragen werden, für die noch Play-offs ausgespielt werden müssen, denn es stehen erst 20 der 24 Teilnehmer fest. Diesmal hat kein Gastgeber eine Milliardenlast zu tragen. Im Gegensatz zu Olympia.

Was wird also aus den Sommerspielen? Bach und sein Geschäftspartner in diesem olympischen Joint Venture, Shinzo Abe, haben etwas mehr Zeit als die Uefa. Bach macht nur ein Zugeständnis, wenn man so will: Fast gönnerhaft erklärte er, man werde den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) folgen. Shinzo Abe lehnt es weiter ab, den nationalen Notstand auszurufen. „Wir wollen die Spiele in jedem Fall wie geplant und ohne Schwierigkeiten austragen“, sagte er. Am 26. März will er in Fukushima das olympische Feuer tragen. Die Zahl der Infektionen mag in Japan einigermaßen stabil bleiben derzeit, nur ist Olympia keine nationale Angelegenheit. Sportler und Offizielle kommen von 206 NOK weltweit. Insgesamt sind bei den Spielen mehr als eine Viertelmillion Personen akkreditiert, bis hin zu Versorgern und Sicherheitskräften. Hinzu kämen Millionen Zuschauer. Das Risiko wäre selbst dann noch gigantisch, wenn die Spiele tatsächlich nur für das Fernsehen ohne Zuschauer ausgetragen würden. Wollen Abe und Bach hunderttausende Personen inklusive aller Sportler zwei Wochen unter Quarantäne stellen? Unmöglich.

Wir wollen die Spiele in jedem Fall wie geplant und ohne Schwierigkeiten austragen."

Shinzo Abe

In Krisenzeiten rächt sich, dass es weder unter IOC-Mitgliedern noch Angestellten des Olympiakonzerns Figuren mit Format gibt, die den Großen Vorsitzenden erstklassig beraten, was Kritik impliziert. IOC-Mitarbeiter nennen den Präsidenten wahlweise „Diktator“ oder „Sonnenkönig“. Die IOC-Führung ist mehrheitlich mit Opportunisten besetzt.

Japan hat mehr als 20 Milliarden Dollar investiert

Im Sinne der Olympiasportler, wie Bach gern formuliert, ist es gewiss nicht, fragwürdige Durchhalteparolen zu verbreiten. Im Sinne der Aktiven wäre es, wenn der IOC-Boss Alternativen skizzieren würde.

Japan hat weit mehr als 20 Milliarden Dollar in das Projekt investiert. Für Shinzo Abe ist Olympia systemrelevant. Eine Absage der Spiele würde Japan weitere Milliarden kosten, weil dann zum Beispiel ein gewaltiger Teil des reinen Organisationsbudgets von 5,9 Milliarden Dollar gefährdet wäre: Zahlungen der Sponsoren und des IOC blieben aus.

Japans Sportministerin Seiko Hashimoto und ein Vertreter aus dem Aufsichtsrat des Organisationskomitees (TOCOG), Haruyuki Takahashi, haben über eine Verschiebung der Spiele orakelt. Beide wurden von ihren Bossen sofort energisch korrigiert. Hashimoto sprach vom Herbst 2020. Das ist weniger wahrscheinlich, weil das Virus kaum verschwunden sein wird und der internationale Sportkalender einen Herbsttermin nahezu ausschließt. So war das bisher, vor Corona.

Takahashi hat 2022 genannt. Der langjährige Manager der Werbeagentur Dents, in Japan ein Staat im Staat, ist eine interessante und umstrittene Person, verquickt in Korruptionsaffären. Takahashi baute einst als Partner des damaligen Adidas-Chefs Horst Dassler und der Agentur ISL das Marketingprogramm des IOC auf. Er kennt viele Geheimnisse und beherrscht das Olympia-ABC wie wenige weltweit. Wenn er von einer Verlegung spricht, ist das ernst zu nehmen.

Die Ausweichchance für IOC und Tokio

Von 1924 bis 1992 hat das IOC Winter- und Sommerspiele in denselben Jahren ausgetragen. Erst ab 1994 (Lillehammer) und 1996 (Atlanta) wurde der Wechsel von Winter- und Sommerspielen in geraden Jahren eingeführt, um das Produkt besser vermarkten zu können. Für 2022 sind Winterspiele in Peking geplant. Das Zeitfenster im Sommer 2022 ist frei, weil die Fußball-WM in Katar erst in der Vorweihnachtszeit stattfindet. Das ist die Ausweich-Chance für das IOC und Tokio.

Selbstverständlich wäre eine Verlegung der Sommerspiele mit Extrakosten und gewaltigen logistischen Anstrengungen verbunden. Miet- und Leasingverträge für Olympia-Immobilien, allen voran das Olympische Dorf, sind das größte Problem. 2022 müsste wenig am Sportkalender geändert werden. 2021 dagegen finden die WM in den olympischen Kernsportarten Schwimmen und Leichtathletik statt. Deren Organisatoren in Fukuoka und Eugene müssten entschädigt werden – oder die Welttitelkämpfe würden in die Spiele integriert.

Fukuoka könnte problemlos einen Teil der Olympia-Wettbewerbe austragen. Das IOC müsste sich vor allem mit dem Leichtathletik-Weltverband einigen und mit Nike, dem weltgrößten Sportartikelkonzern, für den die WM 2021 ein Heimspiel ist. Auch da sind, ähnlich wie zwischen Uefa und Fifa, etliche Deals denkbar. Und überhaupt: Eine Integration der Leichtathletik-WM in die Sommerspiele gab es lange Zeit. Zurück zu den Wurzeln: Bis zur ersten Leichtathletik-WM 1983 waren Olympiasieger automatisch auch Weltmeister.