Für den Towerrun in Rottweil mit seinen 1390 Stufen benötigt selbst der schnellste Treppenläufer schon rund zehn Minuten.
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BerlinZu den vermeintlichen Glückspilzen zählen die Menschen, die im Erdgeschoss eines Mietshauses wohnen. Oder auch diejenigen, die wenigstens einen Fahrstuhl nutzen können, um den Höhenunterschied zwischen Hauseingang und eigener Wohnung ohne große Anstrengung zu überwinden. Mal ganz ehrlich: Nur ein kleiner Teil überlegt tatsächlich, ob er nicht doch die Treppe nehmen soll. Ein noch kleinerer Teil erklimmt  wirklich die manchmal nicht enden wollenden Stufen und verteufelt die eigene Entscheidung hinterher, weil er wieder einmal völlig außer Atem oder gar die Einkaufstüte gerissen ist. Selbst beim aktuell drittschnellsten Treppenläufer der Welt hat bis vor einigen Jahren die körperlich weniger fordernde Fortbewegungsart gesiegt. „Ich habe selber im Hochhaus gewohnt und immer den Aufzug genommen“, erzählt Görge Heimann.

Aus dem lästigen Stufenkraxeln ist beim 51-Jährigen mittlerweile ein sportlicher Wettkampf geworden. Mit ein paar Mitstreitern hat Heimann auch deshalb im Jahr 2013 Towerrunning Germany gegründet. Ein gemeinnütziger Verein, auch so etwas wie der Treppenlaufverband in Deutschland, der der Weltorganisation angegliedert und dessen erster Vorsitzender er ist. Seit 2014 organisiert Towerrunning Germany auch eine nationale Treppenlaufserie. Von Anfang an gehört der Towerrun des TuS Neukölln dazu. Görge Heimann ist dort schon gelaufen und weiß um dessen Schwierigkeit. „Der Lauf ist schon anspruchsvoll, weil man vorher zwei Runden über den Parkplatz rennen muss. Das ist so ein Pre-Run, ein Massenstart. Das hat man höchst selten“, sagt er.

Die Veranstalter hatten im Januar dieses Jahres Glück, dass sie ihren 20. Lauf in einem Hochhaus in der Nähe des U-Bahnhofs Lipschitzallee noch ohne Einschränkungen über die Bühne bringen konnten. Während die anderen Läufe der Serie wegen der Corona-Krise abgesagt werden mussten, plant man in Neukölln schon die nächste Auflage im Januar des kommenden Jahres. Andreas Woiczik schwärmt von einer familiären Atmosphäre bei dem Neuköllner Lauf. Im weltweiten Maßstab ist der, auch wegen der geringen Gebäudehöhe, eigentlich eher eine kleine Nummer. Aber: „Bei 29 Stockwerken tut am Ende alles weh“, sagt der Sportwart Leichtathletik des TuS. Ein guter Läufer sei eben nicht automatisch auch ein guter Treppenläufer: „Das ist wie Formel 1 und Rallyefahren.“ Als Organisator ist er eher Beobachter der Veranstaltung, weiß aber genau, worauf es ankommt, damit man das Ziel auch möglichst schnell erreicht: „Oberschenkel und Wade sind die Körperpartien, die am besten austrainiert sein müssen. Man sollte auf jeden Fall regelmäßig trainieren. Mindestens dreimal in der Woche laufen gehen.“

Neben dem Ausdauertraining auf flachem Gelände und Lauftraining an leichten Anstiegen empfiehlt Görge Heimann dem Einsteiger auch die Suche nach einem geeigneten Hochhaus. Ein Wolkenkratzer muss es nicht gleich sein, ein Haus mit zehn Etagen sei für den Anfang schon ausreichend. „Dem Anfänger rate ich, dass er sich ein Gebäude mit Aufzug sucht. Hoch laufen und runter mit dem Aufzug. Das ist für das Training besser und verursacht keinen Muskelkater“, so der Weltranglistendritte.

Oben angekommen: Treppenläufer Görge Heimann.
Foto: Imago Images

International hat er schon viel gesehen. Das Empire State Building in New York, den Eiffelturm in Paris oder den Taipeh 101, das höchste Gebäude der Welt, hat der 51-Jährige im Wettkampf schon erklommen. Selbst die längste Treppe der Welt, die nur einmal jährlich beim Niesenlauf betreten werden darf, hat der Vorsitzende des deutschen Dachverbands bereits absolviert. Die mehr als 11.000 Stufen in der Schweiz sind eine ganz besondere Herausforderung, denn „jede Stufe ist unterschiedlich, das ist sehr besonders und lang“, sagt Heimann.

Während diese Strecke selbst einem so erfahrenen Läufer wie ihm jedes Mal eine Überraschung bietet, kann er die meisten Treppenhäuser mittlerweile im Blindflug absolvieren, kennt sogar die Notausgänge. Gerade in Deutschland gehen die meisten Treppenhäuser rechts rum, auf acht Stufen folgt ein Absatz. Trotzdem unterscheiden sich die Treppen stark voneinander, manche Treppenhäuser sind breiter, andere schmaler, manche Stufen sind hoch, andere flacher.

Im Wettkampf selbst zählt jedes Detail. „Man muss strategisch laufen, kaum einer hat hinten raus Körner, da gibt es keine Steigerungen“, sagt Görge Heimann. Es geht eher um das gleichmäßige Tempo: „Jede Sekunde, die man vorne raus zu schnell ist, büßt man hinten raus doppelt ein.“ Für den ausgeglichenen Rhythmus auf den Stockwerken sind einige Läufer sogar mit einem Metronom, das den Takt vorgibt, unterwegs. „Wenn man das Gebäude vorher richtig gelesen hat, kann man viel Zeit gut machen, man weiß, wo man zwei Stufen, drei oder auch mal nur eine Stufe laufen muss“, so der 51-Jährige.

Aber nicht nur im Wettkampf, sondern auch im Privatleben nimmt Görge Heimann mittlerweile lieber die Treppe anstelle des Fahrstuhls. Das sei auch gesundheitsfördernd. Früher habe er Kniebeschwerden gehabt, die sind mittlerweile verschwunden, auch sein Kardiologe ist mit den Werten mehr als zufrieden. Selbst die sogenannten Problemzonen – Bauch, Beine und Po – können vom regelmäßigen Treppensteigen profitieren. Gerade die Amerikaner, die gerade bei Frauen ein etwas ausladenderes Hinterteil anhimmeln, lieben das Treppenlaufen und auch deshalb das Training auf dem Stepper im Fitnesstudio oder im Treppenhaus. „Ja, für den Po ist Treppenlaufen sehr gut geeignet“, kann Görge Heimann bestätigen. Für ihn ist das Treppenhaus mittlerweile nichts mehr, das er meidet, sondern viel mehr ein Garant dafür, um fit zu bleiben.