Berlin - Ganz ehrlich, ich freue mich in diesen Tagen über die himmlische Ruhe, die gerade bei Hertha BSC herrscht. Trainer Pal Dardai leistet eine sehr gute Arbeit, ist dabei locker und entspannt und dennoch hart und konsequent in der Sache. Die Mannschaft zeigt guten und oft auch sehr ansehnlichen Fußball und hat einige Typen dabei, die durchaus das Zeug zu neuen Lieblingen der Fans besitzen. So kann und soll es weitergehen.

"Uns blieb nichts anderes übrig"

Interessiert und auch amüsiert (weil Berlin außen vor ist) schaue ich in diesen Tagen auf viele andere Klubs, die ihre Trainer kritisieren, demontieren und feuern oder wo schon die nächste Krise um die Ecke kommt. Die Worte, mit denen Vorstandschefs oder Präsidenten ihre Trainer entlassen, sind dabei immer gleich („Angesichts der Situation blieb uns nichts anderes übrig, obwohl Trainer XXX lange gute Arbeit geleistet hat“).

Auch die Willkommens-Floskeln für den neuen Mann wiederholen sich stets („Trainer XXX passt absolut zu uns und zu unserer Philosophie“). Na dann…

Hektik im Norden

Im Norden der Republik feilschten der Hamburger SV und Werder Bremen um Markus Gisdol und ein Bremer Vorstand machte das via Sky sogar öffentlich. Gisdol aber entschied sich für das Abenteuer HSV („ein geiler Klub“) und ist der zehnte Coach in den zurückliegenden fünf Jahren. Seine Vorgänger waren: Oenning, Cardoso, Arnesen, Fink, noch mal Cardoso, van Marwijk, Slomka, Zinnbauer, Knäbel und natürlich Labbadia.

Fehlt eigentlich in der illustren Runde nur noch Rudi Gutendorf, der aber feierte vor Wochen seinen 90. Geburtstag und war nicht in der Verlosung von HSV-Chef Dietmar Beiersdorfer, der immer blasser daherkommt. 1978 aber war der HSV eine kurze Station von Gutendorfs insgesamt 54 Vereine und Nationalmannschaften, die er trainierte.

In Bremen rätseln sie nun, ob sie dem jungen Alexander Nouri weiter eine Chance als Chefcoach geben oder einen neuen Mann holen. Ich denke, Werder verpflichtet bald einen erfahrenen Trainer. Und was passiert in Gelsenkirchen?

Der mit viel Brimborium geholte Trainer Markus Weinzierl hat bislang in fünf Bundesligaspielen fünf Pleiten erlebt. Ich habe mich schon immer gewundert, warum dieser Mann so umschwärmt worden ist von verschiedenen Vereinen. Bislang hat er seine Erfolge im beschaulichen Regensburg und im auch recht beschaulichen Augsburg eingefahren. Ich halte ihn für etwas überschätzt, lasse mich aber auch gern eines Besseren belehren.

Zurück zu Hertha

Es ist ja nicht so, um wieder auf Hertha BSC zu kommen, das dort die Trainer immer ein ruhiges Leben hatten. Im Gegenteil. Dreimal seit Gründung der Bundesliga hat Hertha in einer Saison gleich vier Trainer verschlissen: 1985/86, 1990/91 und 2011/12.

Im Detail: 1985/86 versuchten sich Uwe Kliemann, Hans Eder, Rudi Gutendorf (!) und Jürgen Sundermann. Die Mannschaft stieg ab in die Amateuroberliga Berlin.

1990/91 waren am Ball: Werner Fuchs, Pal Csernai, Peter Neururer und Karsten Heine. Die Mannschaft stieg ab in die Zweite Bundesliga.

2011/12 coachten Markus Babbel, Michael Skibbe, Rene Tretschok und Otto Rehhagel. Hertha stieg nach der Relegation in Düsseldorf in die Zweite Liga ab. Die Viererpacks gingen also immer in die Hose.

Einer, der bei Hertha bei den Profis immer einsprang in der Not und dabei stets einen sehr guten Job machte, ist Trainer Karsten Heine. 1994/95 war er eine Saison lang der Cheftrainer,  in fünf Spielzeiten half er in der Not und agierte als Interimscoach. Seine erfrischende Art kam immer gut an. Es hatte das Pech, das ihm immer wieder andere Trainer mit vermeintlich größerem Namen vorgezogen worden.

Heine, der zuletzt beim Chemnitzer FC arbeitete und im Moment einen neuen Job sucht, sagt, dass es in der Bundesliga in den 80er und 90er Jahren chaotischer zugegangen sei, als im Augenblick, obwohl gerade viel Bewegung bei den Trainern herrscht. „Die Kompetenz in den Führungsetagen in der Ersten und Zweiten Liga ist deutlich gestiegen“, glaubt Heine und er nennt Berlin mit Hertha BSC und dem 1. FC Union (für beide Vereine hat er lange gearbeitet und für Union auch viele Jahre gespielt) als sehr positive Beispiele.

Bald wieder erste Liga

„Seitdem bei Hertha Werner Gegenbauer der Präsident ist und bei Union Dirk Zingler geht es in beiden Vereinen sehr seriös zu und es gibt viel Kontinuität bei den wichtigsten Personalien.“ Heine hat einst „verrückte Jahre“, wie er sagt, bei Union und auch viele Turbulenzen bei Hertha hautnah  erlebt. Dass die beiden bedeutendsten Fußballklubs der Stadt sehr unaufgeregt agieren, ist eine schöne Sache. Da bleibt der Erfolg sicher nicht aus. Vielleicht gibt es bald wieder ein Berliner Derby – aber in der Ersten Bundesliga. Das wäre großartig!

Hertha aber muss aufpassen. Am Sonnabend kommt der HSV mit dem neuen Trainer Markus Gisdol nach Berlin.  Dardai sagt: „Bei einem neuem Trainer sind die Spieler meist zehn bis fünfzehn Prozent mehr motiviert.“ Das sollte aber nicht ausreichen für den HSV, wenn die Hertha-Profis 100 Prozent und mehr geben.

Darauf ein Ha-Ho-He auf Berlin!