Die nüchternen Fakten nach dem ebenso nüchternen 0:0 der Hertha gegen den SC Freiburg lesen sich im Kicker-Sportmagazin so:

Zuschauer in Berlin: 38.625

Stadionauslastung: 52 % (schlechtester Wert an diesem 26. Spieltag)

Bislang erreichter Zuschauerschnitt: 44. 997

Zuschauerschnitt Vorsaison: 50.267

Muss man sich ernsthaft Sorgen machen wegen des Zuschauerrückgangs im Olympiastadion? Ich denke schon. Fakt ist, Hertha ist nicht allein mit diesem Problem. 12 der 18 Erstligisten beklagen einen Rückgang im Zuschauerzuspruch. Hertha aber konstatiert bislang ein Minus von rund 5.000 Fans im Vergleich zur Vorsaison. In der aktuellen Spielzeit wird nicht ein Spiel ausverkauft sein im riesigen Olympiastadion. Selbst beim attraktiven 2:2 gegen den FC Bayern blieben etwa 4000 Plätze leer. Dabei hatte dieses aufregende Duell ein total volles Haus verdient.

Natürlich arbeiten sie bei Hertha an Lösungen, wollen neue Zuschauerschichten in die Arena locken, stoßen bei der digitalen Offensive in den sozialen Medien aber auch auf Widerstand der alteingesessenen Fan-Klientel. Paul Keuter, Mitglied der Geschäftsführung und zuständig für die Digitalisierung im Klub und rund um den Verein, brachte es in der „Sport-Bild“ jüngst auf dem Punkt.  „Es gibt einen Berlin-Boom – aber wir haben davon bisher null profitiert. In unserem Stadion passiert nichts. Das wollen wir ändern.“ Keuter will vor allem neue Zielgruppen für den Stadionbesuch gewinnen. Er hat dabei Zugezogene im Visier, die einen anderen Herzensklub haben und die nicht nur dann ins Stadion kommen sollen, wenn ihr alter Klub gegen Hertha antritt. Das ist richtig, aber nicht neu und schon seit Jahren bekannt. Griffige Lösungen bietet Hertha bislang noch nicht an. Ganz ehrlich, ich habe auch noch keine!

Ich denke immer, dass in erster Linie immer der sportliche Erfolg für mehr Zuschauer sorgen wird, auch ab und an ein fußballerisches Spektakel. Auch sogenannte Typen, Profis mit Ecken und Kanten, locken Fans ins Stadion. Natürlich ist es für Manager Michael Preetz schwer, etwa einen neuen Boateng, einen neuen Marcelinho oder einen neuen Pantelic zu verpflichten. Und auch der Service im und rund ums Stadion muss exzellent sein, um Zuschauer anzulocken. Sicher sind auch die Eintrittspreise in der Bundesliga für viele Interessenten ein wenig zu hoch. Nicht jeder kann es sich leisten, alle vierzehn Tage ins Stadion zu gehen – vielleicht auch noch mit seinen Kindern.

Hinzu kommt, dass im Moment das Verhältnis zwischen Teilen der Hertha-Fans und der Klubführung gestört ist, was den einen oder anderen vom Besuch der Heimspiele abhält.

Der ehemalige Hertha-Profi Detlev Szymanek, der sich seit vielen Jahren beruflich um Versicherungsfragen von Fußball-Profis kümmert und stets über den Tellerrand hinausblickt, sagte mir: „Hertha ist in der komfortablen Situation, schon lange zur Bundesliga zu gehören, abgesehen von einigen Abstiegen. Da kann das Interesse einiger Fans durchaus nachlassen. Man hat halt die Bayern oder Dortmund schon viele Male live gesehen. Im Vergleich etwa zum Boom nach dem Wiederaufstieg 1997 lässt die Sehnsucht nach dem großen Fußball nach.“ Szymanek glaubt, dass sehr viele Berliner am Fußball interessiert sind, aber einige inzwischen die Spiele lieber im Fernsehen oder im Livestream anschauen – auf dem heimischen Sofa und auf dem Laptop.

Ich habe einmal recherchiert: Seit 1963 lag der Zuschauerschnitt bei Herthas Heimspielen nur siebenmal über der 50.000-Besucher-Grenze. Meist hatte das mit starken sportlichen Auftritten zu tun, so wie 1998/99 (dritter Platz) oder auch 2008/09, als das Team lange um die Meisterschaft mitspielte.

Doch auch zu erfolgreichen Zeiten in den 70er Jahren lockte die Hertha nicht gerade die Massen ins Stadion. Als etwa Detlef Szymanek zusammen mit Erich Beer, Hanne Weiner oder Lorenz Horr 1974/75 Vizemeister wurde, lag der Zuschauerschnitt bei bescheidenen 35.735 Besuchern! Verrückte Fußball-Welt! Verrücktes Berlin!

Darauf ein zuschauerfreundliches Ha-Ho-He!