Auf dem offiziellen Ankündigungsplakat für das Bundesligaspiel am Freitag (20.30 Uhr) im Olympiastadion steht Hertha BSC gegen Gelsenkirchen. Der Vereinsname der ungeliebten Gäste aus dem Ruhrpott wird nicht genannt, die Rivalität zwischen den beiden Klubs auch offiziell gepflegt.

Immer wieder Gelsenkirchen! Die härtesten Hertha-Fans nehmen den Namen des Bundesligisten aus dieser 260.000-Einwohner-Stadt nicht in den Mund. Um Gottes Willen! Das geht gar nicht. Auch die beiden Berliner Stadionsprecher Fabian von Wachsmann und Udo Knierim werden das am Freitagabend vermeiden. Die Rivalität, die von den Fans ausgeht, wird weiter gepflegt, obwohl sich bei den Anhängern aus Gelsenkirchen kaum noch jemand daran erinnert. Die reiben sich viel lieber mit dem Nachbarn Borussia Dortmund. Hertha interessiert sie eigentlich nicht. Ich aber werde immer wieder nach den Ursachen für die riesengroße Antipathie zwischen den zwei Fanlagern gefragt. Hier aus aktuellem Anlass die Kurzfassung der Geschichte:

Beide Klubs waren 1971 in den Bundesligaskandal verwickelt, bei dem beinahe zwei Dutzend Spiele manipuliert worden waren und viele Bestechungsgelder flossen. Insgesamt waren zehn Vereine mehr oder weniger aktiv beteiligt. Als im Dezember 1971 Hertha und Gelsenkirchen im DFB-Pokal aufeinander trafen, waren die meisten Urteile gegen bestechliche Spieler auch von Hertha und vom FC Schalke 04 (einmal muss ich den Namen offiziell hier nennen, Verzeihung Hertha-Fans!) vom DFB-Sportgericht noch nicht gefällt. Dann kam es im Pokal zum Eklat. Das war der Ausgangspunkt für heftige Animositäten, die sich bis zum heutigen Tag gehalten haben und vor allem bei Hertha von Fan-Generation zu Generation übertragen werden.

Was war passiert? Am 4. Dezember 1971 siegte Gelsenkirchen in der heimischen Glück-Auf-Kampfbahn mit 3:1. Im Rückspiel am 15. Dezember 1971 aber drehte Hertha das Duell und siegte 3:0 nach Treffern von Arno Steffenhagen und zwei Toren von Erich Beer. Herthas Trainer Helmut Kronsbein hatte dabei den Ungarn Zoltan Varga eingesetzt, der vom DFB wegen Verwicklung in den Bestechungsskandal vorläufig gesperrt worden war. Das galt allerdings als juristisch sehr umstritten, da die Prozesse gegen alle am Skandal beteiligten Spieler noch ausstanden. Bei Gelsenkirchen standen sogar sieben Spieler auf dem Platz, die Monate zuvor Bestechungsgelder angenommen hatten und erst viel später verurteilt wurden.

Hertha aber hatte vor dem Berliner Landgericht per Einstweiliger Verfügung erwirkt, dass Varga, ein Ballvirtuose, im Pokalspiel auflaufen durfte. Gelsenkirchen aber legte nach dem 0:3 sofort Protest ein, der DFB wertete das Spiel 2:0 für Gelsenkirchen, Hertha war raus aus dem Wettbewerb. Da einige Spieler aus Gelsenkirchen später in Sachen Bundesligaskandal ewig ihre Unschuld beteuerten und sogar vor einem Zivilgericht falsche Angaben machten, nahm die Rivalität zwischen Hertha und Gelsenkirchen eine neue Dimension an. Im Gegensatz zur Praxis in Gelsenkirchen kamen die später vom DFB-Sportgericht zu Sperren und Geldstrafen verurteilten Hertha-Spieler, insgesamt 15 Profis, nicht mehr in blau-weißen Trikot zum Einsatz.

Ich habe in dieser Woche einen wichtigen Zeitzeugen zu diesen Ereignissen befragt, den ehemaligen Hertha-Kapitän und Libero Uwe Witt, heute 77 Jahre alt.

Uwe, Sie waren in den beiden Pokalspielen 1971 der Kapitän von Hertha. Welche Erinnerungen haben Sie noch an diese Duelle, die in der Klub-Historie eine wichtige Rolle spielen?

Uwe Witt: Beim 1:3 im Hinspiel schaffte unser Lorenz Horr kurz vor Schluss noch mit einem Elfmeter das wichtige Auswärtstor. Das Rückspiel im Olympiastadion dominierten wir klar und wir gewannen hoch verdient. Die Freude war nach dem Abpfiff groß. Als der Gegner dann sofort Protest einlegte, empfanden wir das als totale Ungerechtigkeit. Das Urteil des DFB, das dann bald folgte, war grob unsportlich. Unser Zoltan Varga, um den es ja vor allem ging, war zum diesen Zeitpunkt ja aus unserer Sicht noch nicht verurteilt. Dessen Sperre wegen des Bundesligaskandals ging ja erst von Mitte Januar 1972 bis Juni 1974.

Haben Sie mit Varga viel darüber gesprochen?

Uwe Witt: Ja, natürlich. Wir waren damals fast Nachbarn in der Glockenturmstraße nahe am Olympiastadion. Auch Lorenz Horr wohnte dort.

Was war Varga für ein Typ?

Uwe Witt: Fußballerisch war er ein Genuss und er hat mit seiner technischen Spielweise und Rafffinesse viel für unser Ansehen auf dem Platz getan. Im Kreis der Mannschaft war er aber ein Außenseiter. Als Varga, der ja nach Olympia 1968 in Mexiko aus Ungarn geflüchtet war und von der Fifa zwei Jahre gesperrt wurde, nach Berlin kam, haben wir uns viel um ihn gekümmert. Wir haben seine Familie eingeladen, er sollte mental seine Sperre besser meistern. Leider hat er nie etwa zurückgegeben. Herzlichkeit kannte er nicht.

Sie haben oft mit Hertha in Gelsenkirchen gespielt. Wie war die Atmosphäre?

Uwe Witt: Das Publikum ist heftig und grob. Einmal ist unser Bus bei der Abfahrt aus dem Stadion mit Steinen beworfen worden. Das war einmalig und unfassbar.

Wie ist Ihr Verhältnis heute zum Verein aus Gelsenkirchen?

Uwe Witt: Gelsenkirchen ist mir wurst. Später habe ich Rudi Assauer besser kennen gelernt, da hat sich das Verhältnis etwas gebessert. Aber wenn zum Beispiel Gelsenkirchen gegen Mainz spielt, halte ich natürlich zu Mainz. Und zu Hertha ja sowieso.

Uwe Witt wird das Duell am Freitag natürlich verfolgen und hofft auf einen Hertha-Sieg. „Das wäre toll!“ Soviel zur uralten Rivalität zwischen zwei Gründungsmitgliedern der Bundesliga an dieser Stelle. Am Freitagabend wird es ein weiteres Kapitel geben.

Darauf ein mächtiges Ha-Ho-He!