Nach dem starken 3:1-Sieg der Hertha in Hannover habe ich aus mehreren Quellen Kurioses gehört. Zahlreiche Berliner Fans sollen gerade ihre Rot-Kreuz-Köfferchen plündern und sich mit Binden eindecken, mit denen man eine leichte Kopfverletzung erst einmal versorgen kann. Man wickelt sich einen Turban um den Kopf.

Vielleicht, so wird gemunkelt, wollen die Fans in der Ostkurve beim nächsten Heimspiel gegen die TSG 1899 Hoffenheim mit Turban erscheinen. Man weiß es nicht so genau. Das wäre schon eine ungewöhnliche wie originelle Choreografie. Auslöser des Turban-Booms war natürlich Salomon Kalou, der nach seiner Verletzung im Spiel gegen Mönchengladbach nun in Hannover vorsichtshalber mit einem blau-weißen Turban auflief und trotz dieser leichten Behinderung alle drei Treffer für die Hertha schoss.

Der Mann von der Elfenbeinküste wird immer besser und zeigt endlich, dass er einst mit dem FC Chelsea die Champions League gewann. Er hat gleich zwei historische Taten vollbracht: a) er reiht sich ein in die kurze Riege der Dreifach-Torschützen von Hertha in der Bundesliga und b) er gehört jetzt auch in den exklusiven Kreis der berühmten Turban-Träger in der Liga, die mit diesem „Kopfschmuck“ erfolgreich spielten und zu kleinen Helden aufstiegen.

Ich habe die Statistik gewälzt. Seit 1963 gelang es sogar vier Hertha-Profis in der Ersten Bundesliga, in einem Spiel vier Treffer zu schießen. Dazu kommen drei Spieler, die wie Kalou dreimal in einem Match trafen.
1970 war Wolfgang Gayer beim 9:1-Sieg gegen Dortmund viermal erfolgreich. 1971 folgte Lorenz Horr mit einem Viererpack bei einem 6:2-Erfolg gegen Eintracht Frankfurt. 1975 schaffte das auch der legendäre Erich Beer bei einem glatten 5:0 gegen Bayer Uerdingen. Es dauerte lange, ehe der Belgier Bart Goor im März 2002 einen großen Tag erlebte und beim 6:0-Sieg gegen den Hamburger SV gleich vier Tore schoss.

Einen Dreierpack schafften Marcelinho 2004 bei einem 3:2-Auswärtssieg in Wolfsburg, Andrej Woronin 2009 bei einem 3:1-Sieg bei Energie Cottbus und Theofanis Gekas 2010 bei einem 5:1-Sieg beim VfL Wolfsburg. Diese außergewöhnliche Leistung des Griechen kam allerdings zu spät – Hertha stieg später ab.

Und jetzt also Salomon Kalou!

Doch noch schöner scheint die Geschichte, dass Turban-Kalou in die Riege der berühmten Kopfschutzträger der Liga eingegangen ist. Als Ur-Vater der blutdurchtränkten Turban-Spieler gilt der Dortmunder Verteidiger Willi Burgsmüller. Der erlitt im Juni 1963 eine Kopfverletzung, spielte das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft gegen den 1. FC Köln (3:1) aber durch. Alte Fotos zeigen Burgsmüller, wie er mit dem Turban um den Kopf glücklich die Meisterschale in den Himmel reckt.

Der berühmteste aller Turban-Profis ist nach wie vor Dieter Hoeneß. Im DFB-Pokalfinale 1982 zwischen dem FC Bayern München und dem 1. FC Nürnberg (4:2) zog sich Mittelstürmer Hoeneß nach einem Zweikampf mit Alois Reinhardt eine klaffende Kopfwunde zu. Er bekam einen Turban um den Kopf, der sich schnell rot färbte. Nürnberg führte schon mit 2:0, aber Bayern mit dem Kämpfer Hoeneß drehte das Spiel. Über 70 Minuten rackerte Dieter Hoeneß unermüdlich mit dieser Behinderung und – das war die eigentliche Sensation – traf in der 89. Minute zum 4:2-Endstand per Kopf! In der Halbzeit wurde seine Wunde mit zwei Stichen genäht. Diese Großtat im Pokalfinale machte Dieter Hoeneß bei den Bayern-Fans unvergesslich.

1983 bildete sich in Bielefeld (warum gerade dort, konnte ich nicht ermitteln), eine Fußball-Freizeitmannschaft, die unter dem Namen „Dieter-Hoeneß-Hirnverband“ antrat und an Hoeneß’ legendären Auftritt erinnerte.
Später war es der Dortmunder Günter Kutowski, der 1992 auf internationaler Bühne im Uefa-Cup im spanischen Saragossa ein Duell mit Turban durchhielt.

Und Kalou? Der musste seinen lädierten Kopf in Hannover nicht hinhalten, um Tore zu schießen. Er traf dreimal mit dem Fuß! Auch er besitzt das Zeug, mit dem Turban Hertha-Geschichte zu schreiben. Vielleicht sollte die Merchandising-Abteilung von Hertha blitzschnell einen blau-weißen Turban kreieren und in den Fanshops zum Verkauf anbieten. Dann müssen die Anhänger nicht ihre Notfall-Koffer plündern, was ja nicht der Sinn der Sache ist.
Darauf ein kopflastiges Ha-Ho-He!