Die Schiedsrichter im Berliner Amateurfußball sollen besser geschützt werden.
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Berlin-MarienfeldeUnd dann war da noch die Sache mit der 88. Keine große Sache, aber eine mit Symbolkraft, weil die 88 eine teuflische Chiffre ist, die sehr oft von Neonazis missbraucht wird. Symbolkraft aber auch, weil sich daran die Mechanismen in einer Sportorganisation erkennen ließen. Auf dem Arbeitsverbandstag des Berliner Fußball-Verbandes (BFV) stand am Sonnabend ein Antrag zur Abstimmung, die 88 als Trikotnummer im Amateurfußball der Hauptstadt zu verbieten. Der Jugendbeirat wollte den Beschluss erwirken, nach hessischem Vorbild. Am Ende setzten sich die Gegner des Antrags, setzten sich Argumente durch wie jenes, im Verbotsfall sei auch eine andere symbolbeladene Zahl von den Trikots zu verbannen, die 18. Vom Tisch ist der Vorschlag der BVF-Jugend nicht. Manche Ideen brauchen Zeit.

Immerhin, es wurde diskutiert, wie sich überhaupt die Vertreter Berliner Fußballvereine bei dem Treffen auf Debatten in wichtigen Zukunftsthemen einließen, rund acht Stunden lang. Am Ende stand auch der Beschluss, eine Arbeitsgruppe einzurichten. Sie soll Antworten auf wichtige Fragen finden. Etwa jene, ob die Amtszeit des Präsidenten zu begrenzen sei, ob eine Frauenquote im BVB-Vorstand helfen könne, wie sich der Verband zum Phänomen E-Sport positioniert und zu den Herausforderungen der Digitalisierung.

Schwarze Liste für Gewalttäter

Für eines der zurzeit drängendsten Probleme im Amateurfußball gibt es schon jetzt einen vielversprechenden Lösungsansatz: für den Kampf gegen Gewalt, mit der sich Schiedsrichter immer massiver konfrontiert sehen. Auf Antrag des Steglitzer Berlin-Ligisten Stern 1900 beschloss der Verbandstag härtere Strafen. Gewalttäter unter Spielern erhalten  in besonders schweren Fällen eine Sperre auf Lebenszeit. „Das ist etwas, womit man argumentieren, womit man abschrecken kann“, sagt Gerd Thomas, 1. Vorsitzender des FC Internationale aus Schöneberg. „Eine solche Schwarze Liste ist unmissverständlich.“

Es soll Abstufungen geben: Je nach dem, wie schwer das Vergehen eines Spielers ist und wie oft dieser bereits auffiel, wird die Strafe eine Saison, zwei Spielzeiten oder länger dauern.  Ein mutmaßlicher Gewalttäter wird umgehend aus dem Verkehr gezogen und darf bis zu seiner Verhandlung vor dem Sportgericht des BFV nicht eingesetzt werden.

Nicht nur auf Mittel zur Abschreckung verständigten sich die Teilnehmer des Verbandstages. Zur Vorbeugung sollen künftig Zuständigkeiten klar geregelt sein. In Begegnungen mit „aufstiegsberechtigten Herrenmannschaften“, wie es im Beschluss heißt, muss der Heimverein mindestens eine Ansprechperson für den Schiedsrichter benennen.

Die heute getroffenen Entscheidungen sind ein tolles Zeichen für den Berliner Amateurfußball.

Jörg Wehling

Der Schiedsrichterausschuss des Verbandes hatte zuvor gefordert, dass der Gastgeber einer Begegnung mindestens zwei Platzordner abzustellen hat. Die sollten durch Signalwesten für jedermann erkennbar sein. „Die heute getroffenen Entscheidungen sind ein tolles Zeichen für den Berliner Amateurfußball“, zitiert der BFV Jörg Wehling, der im Präsidium des Verbands die Schiedsrichter vertritt. „Wir sind dankbar, dass es nun nach vorne geht und ein erster wichtiger Schritt gemacht ist.“

Bereits vor dem Verbandstag hatte das BFV-Präsidium beschlossen, dass in den Klubs feste Ansprechpartner für Schiedsrichter eingesetzt werden müssen. Zudem sollen Trainer, Betreuer und Zuschauer verstärkt Regelschulungen erhalten. „Wir haben heute gemeinsam mit den Vereinen sehr konstruktive Gespräche geführt und Mittel gefunden, um ein starkes Zeichen gegen Gewalt auf unseren Fußballplätzen zu setzen“, hat BFV-Präsident Bernd Schultz auf dem Treffen am Sonnabend gesagt.

Rote Karte für Gealttäter im Amateurfußball. Der Berliner Verband (BFV) will hart durchgreifen.
Foto: dpa/Patrick Seeger

Zuletzt wurde im Berliner Fußball eine zunehmende Zahl von Übergriffen gemeldet. Von mehr als 100 Fällen von Gewalt und Diskriminierung erfuhr der BFV in dieser Saison aus Amateurligen und Jugendklassen. In mehr als 50 Fällen waren Unparteiische betroffen. Vor knapp drei Wochen hatte sich daher der Schiedsrichterausschuss des BFV entschlossen, einen Spieltag mit 1 500 Partien zu boykottieren.

Mit den Beschlüssen vom Sonnabend haben die Regelhüter im BFV nun starke Instrumente zur Hand. Allerdings wird der neue Strafenkatalog zunächst auf seine juristische Umsetzbarkeit überprüft. „Da meldeten sich skeptische Stimmen, die meinten, es könnte Probleme mit der Rechts- und Verfahrensordnung des BFV geben“, sagt Gerd Thomas, der zusammen mit anderen Vereinsvertretern der „Berliner Fußball-Interessengemeinschaft“ an die 30 Anträge auf dem Verbandstag eingebracht hatte, unter anderem eben jene Forderung, die Amtszeit des Präsidenten auf drei Legislaturperioden zu verkürzen. Nicht „um eine Palastrevolution vom Zaun zu brechen“, wie Gerd Thomas hervorhebt: „Es geht darum, den Verband für die Herausforderungen der kommenden Jahre fit zu machen.“

Angriff auf TeBe-Fans

Dazu wird nun die „Arbeitsgemeinschaft Zukunft“ eingerichtet. Für Probleme an der Fußball-Basis, die schnelle und flexible Lösungen erfordern, setzt der BFV vier Regional-Konferenzen ein, in denen die Vereine aus jeweils drei Berliner Bezirken zusammengefasst sind. Darauf verständigt hatten sich das BFV-Präsidium und die „Berliner Fußball-Interessengemeinschaft“ bereits vor dem Verbandstag am Wochenende.

Nicht alle Probleme kann der Berliner Fußball allein angehen, bei manchen Phänomenen ist er auf staatliche Hilfe angewiesen. Beim Kampf gegen Gewalt unter Fans etwa. Das ist am vergangenen Freitagabend erneut deutlich geworden, als es im Achtelfinale des Berliner Landespokals zu Zwischenfällen mit rassistischem Hintergrund kam. Im Verdacht stehen Anhänger aus dem Umfeld des Bundesligisten Hertha BSC. Ziel ihrer Attacke waren Fans des Oberligisten Tennis Borussia, die ihre Mannschaft bei Stern Marienfelde unterstützten. Bereits während der Partie soll es zu antisemitischen Beleidigungen auf den Rängen gekommen sein.

Der Staatsschutz ermittelt

Nach dem 3:1-Sieg der Marienfelder, so berichteten Augenzeugen später, sei eine Gruppe Randalierer handgreiflich geworden. So sei ein Fan von Tennis Borussia geschlagen, ein Bus der Linie M11 angegriffen worden. Dabei soll eine Insassin einen Schock erlitten haben, ein weiterer Mann wurde den Berichten zufolge verletzt.

Der polizeiliche Staatsschutz ermittelt nun wegen schwerem Landfriedensbruch. Den Tätern drohen  zwischen sechs Monaten und zehn Jahren Haft. Auch so kann Abschreckung gehen.