André Graff kommt gerade von der öffentlichen Wettkampfbesprechung zurück. Es ist heiß gewesen. Der Schweiß lief allen schon beim Sitzen aus den Poren. Am Morgen kurz vor zehn Uhr zeigte das Thermometer schon mehr als 30 Grad Celsius an. „Die Sonne knallt hier mit aller Macht herunter. Dazu kommt die Luftfeuchtigkeit“, sagt Graff.

Der Berliner Triathlet ist auf Hawaii. Von seinem Hotelzimmer kann er Start und Ziel des Ironman überblicken. Er hat die Wechselzone vor sich, sieht von der Terrasse direkt auf die Bucht von Kailua-Kona. „Ich erkenne die letzte Boje hinten. Die ist viel zu weit weg. Ich wette, die haben sich vermessen“, scherzt er.

Berüchtigte Winde

An diesem Sonnabend wird er selber am Kailua Pier ins Wasser gehen, um die Boje zu umrunden. Er liebt das Schwimmen im Meer. Aber die 3,8 Kilometer in den Wellen sind nur der Anfang. Es folgen 180 Kilometer Radfahren durch die Lavawüste, bei denen vermutlich die berüchtigten Mumuku-Winde von der Seite blasen – und 42 Kilometer Laufen. Graff hat sich vorgenommen, das Ziel bei Tageslicht zu erreichen, Daylight-Finisher zu sein. Dann wäre er in etwa elf Stunden unterwegs. Profis wie Patrick Lange, Jan Frodeno oder Sebastian Kienle brauchen knapp über acht Stunden. Sie verdienen ihr Geld mit Triathlon.

André Graff, 56, ist Geschäftsführer der Gesundheitspflege Helle-Mitte. Er hat fünf Jahre lang auf seinen Start beim größten und populärsten Triathlon der Welt hingearbeitet. Jetzt schwimmt, radelt und läuft er auf Hawaii für einen guten Zweck. Beim Ironman will er Spenden für den Verein Laughing Hearts sammeln, der Berliner Heimkinder und benachteiligte Jugendliche unterstützt.

Extreme Bedingungen

Während eines Marathons war ihm die Idee gekommen, dass es schön wäre, wenn seine Anstrengungen neben dem sportlichen Erfolg noch für etwas anderes gut wären. So hart es auch kommen mag, die Aussicht, dass seine Spendensammlung den Kindern von Laughing Hearts zugutekommt, wird Graff vorantreiben. „Klar ist, ich muss mich bis zum Ende quälen“, weiß er.

Bei der Wettkampfbesprechung hat Jan Frodeno, Olympiasieger sowie Hawaii-Sieger von 2015 und 2016, der dieses Mal verletzt passen muss, den Altersklassen-Athleten Wettkampftipps gegeben. „Er hat gesagt, wir sollen nie ans Limit gehen“, erzählt Graff, „hier bei den extremen Bedingungen auf Hawaii kommt nicht die zweite Luft. Ansonsten muss man aus dem Marathon einen Wandertag machen.“

Körperkult in Kailua-Kona

2009 hat Graff seinen ersten Ironman geschafft, in Frankfurt. „Ich habe gelitten und zu meiner Frau gesagt, so etwas mache ich nie, nie wieder.“ Am nächsten Tag schmerzten seine Beine noch mehr, „aber ich habe mich schon wieder für den nächsten Triathlon angemeldet“, erzählt er. Weil er besser sein wollte als bisher. Weil er wollte, dass es beim nächsten Mal nicht mehr so wehtut.

Als Graff 50 Jahre alt wurde, nahm er sich vor, den Ironman auf Hawaii in der Altersklasse 55 zu bestreiten. Die Qualifikation dafür schaffte er voriges Jahr im November beim Ironman in Florida. Er hatte sich ausgerechnet, dass ihm der flache Radkurs dort liegen müsste, denn Bergfahren mag der Athlet des Berliner TSC nicht besonders. Seine Rechnung ging auf.

Nun reiste er knapp zwei Wochen vor dem Wettkampf mit seiner Frau und zwei seiner fünf Kinder nach Hawaii. Beim Landeanflug hatte er Tränen in den Augen. Er schaute sich die Nationenparade am Alii-Drive an. Er frühstückte auf der Schattenterrasse des Lava-Java-Cafés, das als Triathlon-Hotspot populär ist. Dort spielte hawaiianische Musik. Er staunte über den Körperkult. „Hier kommt ja die ganze Triathlon-Welt zusammen“, sagt Graff. „Es gibt viele, die ständig mit freiem Oberkörper rumlaufen, die zeigen, wie extrem trainiert sie sind.“

Graff trainiert bis zu zwölf Stunden pro Woche. Oft mit Lars Dieckmann, seinem Vereinskollegen beim TSC, der auch auf Hawaii startet. Graff glaubt, dass ihm der Gedanke an seinen Spendenlauf im Rennen Kraft geben wird. Er verspricht: „Ich werde nicht aufgeben.“