Berlin - Was fällt an dem Volleyballspieler Nehemiah Mote als erstes auf? Der Dutt, der neuerdings öfter als Doppeldutt auf seinem Kopf lustig wackelt, wenn er zum Angriff abspringt? Sein Flatteraufschlag mit der hundsgemeinen Flugkurve? Seine Flexibilität und seine Höhe im Angriff? Sein Block? Die Tätowierungen, die unter der Trikothose auf den Oberschenkeln zum Vorschein kommen? Kaweh Niroomand zählt all die Elemente auf, die Mote als kompletten Mittelblocker erscheinen lassen: „Guter Float-Aufschlag, gute Höhe, flexibler Angriff, guter Block. Er ist einfach ein guter Typ“, fasst der Manager der BR Volleys zusammen. So gut, dass sich Niroomand nun schon zum zweiten Mal entschieden hat, den 27-Jährigen, der zuletzt beim VfB Friedrichshafen spielte, zu verpflichten.

Nehemiah Mote dachte, die Chance in Berlin zu spielen, sei vertan

Das erste Mal ging schief. Das war 2016. Mote hatte schon einen Vertrag mit den Berlinern. Aber dann verletzte er sich im Sommer beim Training mit der australischen Nationalmannschaft. Kniescheibenverrenkung. Sechs bis acht Monate Pause, vielleicht nie mehr Profivolleyball, das waren die Aussichten. Die BR Volleys lösten den Vertrag auf. „Ich dachte, die Chance würde nie wiederkommen“, sagt Mote.

Er war enttäuscht. Er hatte Volleyball bei einem Kirchenwettbewerb begonnen. Erst 2012 spielte er das erste Mal in einem Verein. Ein Jahr später, im Alter von 20, wurde er schon in Australiens Nationalmannschaft berufen. Durch ein Stipendium konnte er in Vollzeit trainieren. Dann holte ihn der TV Bühl in die Bundesliga. In Berlin hätte es weitergehen sollen. Doch nach der schweren Knieverletzung wollte Mote hinschmeißen. Er dachte: „Ich war Profi, ich war Nationalspieler. Ich habe mein Talent nicht verschwendet.“ Aber seine Verlobte Tamara fand: „Du hast noch mehr zu geben. Das ist nicht das Ende.“

Dass die Berliner nun doch noch einmal bei dem 2,04-Meter-Mann vorstellig wurden, hat mit dessen Willen und Fleiß zu tun. Mit der Einstellung, doch nicht so schnell aufzugeben. Mit der Unterstützung seiner Familie, vielleicht sogar mit seiner Familiengeschichte: Motes Eltern und die jüngsten seiner acht Geschwister leben in Samoa.

Von dem Inselstaat im Pazifik waren Vater und Mutter in den 1980er-Jahren nach Australien ausgewandert. Als Nemos Großvater starb, wurden die Eltern von der Familie zurückgeholt. Der Vater sollte, wie zuvor der Großvater, ein Tulafale werden, eine Art Häuptling der traditionellen samoanischen Kultur. Einer, der die Großfamilie im Dorf in allen Lebensfragen anleitet. Dem Häuptling gehört der Grund und Boden. Eines Tages wird eines der neun Kinder zum Nachfolger werden. Vielleicht Nehemiah, der Volleyballer, den die Teamkollegen Nemo rufen?

Vom Hausmeisterjob zurück ins Profigeschäft

„Familie ist in unserer Kultur sehr wichtig. Mein Dienst für die Familie war der professionelle Sport. Meine Erziehung und die Lektionen, die unsere Vorfahren uns Kindern hinterließen, haben sicher etwas damit zu tun, dass ich es wieder zurück nach Europa geschafft habe“, meint Mote. Nach einem Jahr Verletzungspause, Quälerei mit Rehasport, Muskelaufbau und Körperstabilisierung spielte er noch ein halbes Jahr in der Schweiz bei Amriswil. Dann bekam er keinen Profivertrag mehr.

Stattdessen karrte er am Flughafen in Melbourne die Koffer der Passagiere mit dem Shuttle-Bus vom Parkplatz in die Abflughalle und zurück. Er transportierte bei einem Landschaftsgärtner Steine, verlegte Rasen, baute Wege und Holzterrassen. Dann arbeitete er als Hausmeister eines Hotels. „Nach der Arbeitsschicht ging es direkt in den Kraftraum, der zum Glück 24 Stunden offen hatte“, sagt Mote. Er hielt sich fit, wollte zurück aufs Feld. Er wollte es sich, Tamara, dem kleinen Sohn, seinen Eltern beweisen. Vor der Saison 2019/2020 kam dann der Anruf vom VfB Friedrichshafen. „Das war die große Chance, zurück ins Spiel zu kommen“, sagt Mote.

Nehemiah Mote will seine zweite Chance in Berlin nutzen

Er kam zurück. Schon im ersten Jahr „entwickelte er sich zu einer sehr wichtigen Persönlichkeit im Team“, sagt VfB-Trainer Michael Warm, der Motes „immer positive Art und seine körperliche Dominanz“ lobt. Er war im zweiten Jahr weiter ein stabiler Faktor, ein Anführer im Wettkampf, ehe er zum Ende der Playoffs mit einer Schulterverletzung ausfiel.

Jetzt soll Mote laut Niroomand in Berlin das Spiel über die Mitte noch schneller machen. Die Kraft zum Absprung kommt aus Beinen, deren Oberschenkel Tattoos zieren. Vor der WM 2018 hatte Mote sie auf traditionelle Art stechen lassen. „Sie bewahren unsere Tradition, die Integrität. Sie sind ein Schatz der samoanischen Kultur“, sagt Mote. Er freut sich darauf, nach der Nations League und den Asienmeisterschaften kommende Saison seine zweite Chance bei den BR Volleys zu nutzen.