Berlin - Gesehen hat ihn keiner der Wasserballer. Aber gespürt haben sie ihn. Irgendwo zwischen Schwimmbecken, Kaserne, Großkantine und dem Kraftraum der Bundeswehr-Sportschule. Und noch häufiger haben sie ihn erwähnt: den Geist von Warendorf. Bundestrainer Hagen Stamm hatte ihn irgendwann Anfang Januar, zu Beginn des Trainingslagers, in einem Interview erwähnt. Seitdem ist er da. In den Köpfen der Spieler, in ihren Aktionen. „Der verrückte Geist von Warendorf wird uns bei der Olympiaqualifikation helfen, die Gegner zu umzingeln. Ich fühle mich auf jeden Fall gut vorbereitet“, sagt Marko Stamm.

Der Wasserballer von Spandau 04 ist gerade von der Physiotherapie gekommen, Schultermassage. Sein Vater, der Bundestrainer aus Berlin, hat in der Vorbereitung auf das Qualifikationsturnier, das diesen Sonntag in Rotterdam beginnt, seinen Nationalspielern viel abgefordert. Besonders in den ersten Wochen: vier, fünf Kilometer Schwimmtraining am Morgen, Beinarbeit und Schusstraining am Mittag, Taktiktraining im Wasser am Abend, so ging es los.

„Man muss Wasserball immer körperlich spüren. Es ist irre, wie diszipliniert die Jungs arbeiten und wie wenig hier die Vereinszugehörigkeit eine Rolle spielt“, sagt Hagen Stamm. „In den sechs Wochen in Warendorf sind wir alle noch enger zusammengewachsen, egal ob Jung, ob Alt. Wir hatten keine Vereinsspieler mehr, sondern haben alle den Adler auf der Brust getragen und drunter auch“, erläutert sein Sohn. „Wenn wir die Olympiaqualifikation schaffen, dann nur alle miteinander. Wir haben ja schon oft gezeigt, dass wir auch die Großen schlagen können.“

Zwölf Teams kämpfen in zwei Gruppen um drei Olympiaplätze. Deutschland tritt am Sonntag (16 Uhr, finatv.live, kostenpflichtig) gegen die Niederlande an. Dann folgen Frankreich, Russland, Rumänien und der Weltranglistenzweite Kroatien. Die ersten vier dieser Gruppe treten im Viertelfinale gegen die ersten vier Teams der anderen Gruppe an, in der Montenegro, Griechenland, Brasilien, Kanada, Georgien und die Türkei spielen.

Olympia in Tokio als Happy End

Zum ersten Mal seit 2008 wieder bei Olympia dabei zu sein, „ist für uns fast eine Mission Impossible“, sagt Hagen Stamm, eine unmögliche Mission. Er schätzt die Chancen, dass es klappt, auf zehn, zwanzig Prozent. Aber er hat den Film „Mission Impossible“ dennoch bei seinen Ansprachen in Warendorf erwähnt, denn: „In dem Kinofilm gab es ja schließlich auch ein Happy End.“

Nach Rotterdam sind die Wasserballer am Freitag im eigenen Bus gereist. In der niederländischen Hafenstadt wohnen sie allein in einem Hotel, während andere Unterkünfte von mehreren Nationalmannschaften bewohnt werden. „Die Situation ist schon sehr kritisch. Während wir gerade über einen Lockdown diskutieren, treffen dort zwölf Teams aus aller Welt aufeinander“, sagt Hagen Stamm. Gibt es in einem Team drei Corona-Fälle – egal, ob in der Mannschaft oder im Betreuerstab – wird es automatisch vom weiteren Turnier ausgeschlossen.

Während die Wasserball-Ligen in den meisten Ländern längst angepfiffen wurden, pausiert die Bundesliga schon mehrere Monate. Die Spielpraxis fehlt den Deutschen also. Wegen der Infektionsgefahr verzichtete das Team des Deutschen Schwimm-Verbandes auf die Teilnahme bei einem Turnier in Montenegro. Testspiele gegen Brasilien fielen aus, weil das Team wegen Corona nicht einreisen durfte. „Klar fehlt uns das Turnier in Montenegro, aber alle negativen Gefühle dazu wurden von diesem Geist von Warendorf geschluckt“, sagt Linksaußen Marko Stamm. 

Jeden Abend nach dem Training beschworen sie den Geist am Beckenrand noch in den nassen Badehosen bei einem mannschaftsinternen Huddle. Jeder war mal dran, den Tag zusammenzufassen und anzukündigen, was das Team beim nächsten Training besser machen würde. „So sind wir immer mit einem guten Gefühl zum Abendessen gegangen“, meint Marko Stamm. Er gehört als 32-Jähriger neben Kapitän Julian Real, 31, zu den Routiniers im Team, in dem jeder seine Aufgabe hat. 

„Wenn wir uns qualifizieren, findet Olympia auch statt“

Der Spandauer Center Mateo Cuk etwa mit seiner Kleiderschrank-Statur, der dem Team wie der Ludwigsburger Center Timo van der Bosch Sicherheit gibt und zudem den Kasernenkoch in Warendorf mit seinem Bananenkonsum zum Kopfschütteln und in Bestellschwierigkeiten brachte. Oder der Spandauer Rechtsaußen Marin Restovic, der in Warendorf als lebender Wasserball-Newsletter fungierte und jedes Gerücht aus der Wasserballwelt schon kannte und weitertrug, bevor es entstand. Oder die jungen Wilden wie Zoran Bosic, 18, aus Esslingen, die die Älteren beim Schwimmtraining antrieben und mitrissen. 

„Wir wollen die Arbeit, die wir geleistet haben, jetzt erfolgreich zusammen ins Wasser bringen“, sagt Marko Stamm. Sein Vater, der Bundestrainer, meint: „Wir wollen unsere kleine Chance nutzen. An eine Absage der Sommerspiele denken wir nicht. Wenn wir uns qualifizieren, dann finden die Olympischen Spiele in Tokio auch statt.“