Borussia Mönchengladbach (Alassane Pléa) und RB Leipzig (Konrad Laimer) liefern sich einen harten Kampf um Platz eins.
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BerlinDas Kunstkraftwerk im Leipziger Westen bietet einen außergewöhnlichen Rahmen für Veranstaltungen. Zwei große Industriehallen über drei Etagen bieten die Besitzer an, weisen aber vorsorglich darauf hin, dass der Komplex am Sonnabendabend bereits belegt ist. Denn dann kommt RB Leipzig mit großem Aufgebot vorbei: Während die meisten Bundesligisten ihre Weihnachtsfeier schon hinter sich haben, will RB erst sein letztes Heimspiel gegen den FC Augsburg abwarten. Vermutlich könnte der Anlass passender nicht gewählt sein: Julian Nagelsmann könnte dann ein Novum in der jungen Vereinsgeschichte bewirkt haben, nämlich das Leipzig auf dem ersten Platz überwintert.

„Es wäre schön, so in den Weihnachtsurlaub zu gehen. Aber eine größere Bedeutung hätte es nicht für mich“, sagt der RB-Trainer zwar. Doch der 32-Jährige hätte mit einem Heimsieg den krönenden Abschluss einer überragenden Hinrunde hingelegt, in der die Roten Bullen in drei Wettbewerben überzeugten. Ihr kraftvoller Überfallstil, unter dem neuen Fußballlehrer um einige Facetten im Vergleich zu seinem Vorgänger Ralf Rangnick bereichert, ist nicht nur spektakulär anzusehen, wie das 3:3 im Spitzenspiel bei Borussia Dortmund zeigte. Die Sachsen haben mit Weitsicht ein Ensemble konstruiert, das Kraft und Kreativität, Technik und Tempo, Einsatz und Esprit vereint. Kein Wunder, dass Timo Werner bei 18 Saisontoren steht: Der treffsichere Nationalstürmer profitiert von famosen Nebenleuten. Kein Team weist derzeit eine solche Körpersprache, Anpassungsfähigkeit und Physis auf. Dass der jüngste Punkt in Dortmund ein bisschen glücklich war, dafür müsse man sich nicht entschuldigen, befand Nagelsmann. Und er hat Recht. Leipzig wäre ein würdiger Herbstmeister. In den letzten zehn Jahren konnten nur drei Teams nicht die Schale in die Höhe stemmen, die zur Halbzeit vorne lagen. Der BVB verspielte im vergangenen Jahr einen Sechs-Punkte-Vorsprung. Der letzte Herbstmeister, der nicht aus München oder Dortmund kam, war 2010 Bayer Leverkusen.

Mönchengladbach spielt die beste Hinrunde seit 43 Jahren

In dieser Saison bietet das Titelrennen eine neue Vielfalt. Alles ist so eng beieinander, als hätten die Spitzenklubs beschlossen, es sich kurz vor Weihnachten besonders kuschelig zu machen. Auch Borussia Mönchengladbach kann sich, am Sonnabendabend (18.30 Uhr) zu Gast bei der vom PR-Profi Jürgen Klinsmann mit großen Gesten wachgeküssten Hertha aus Berlin, noch auf Platz eins schieben. Vorausgesetzt: Leipzig patzt.

Trainer Marco Rose gibt zwar nicht viel auf den „Titel, der gar keiner ist“, aber die zeitweise von der Spitze grüßende Fohlenelf spielt die beste Hinrunde seit 43 Jahren. Auch wenn das Aus in der Europa League – als einziger von sieben Bundesligastartern   auf der Strecke geblieben – und im DFB-Pokal schmerzt, hat der gebürtige Leipziger schon jetzt Spuren hinterlassen. Auch der 43-Jährige ist der Verfechter eines Pressing-Fußballs, der dem Gegner die Luft zum Atmen raubt. Bei ihm teilen sich die Franzosen Alassane Pléa und Marcus Thuram mit je elf Scorerpunkten die Verantwortung beim Toreschießen.

Dass sich erst dahinter der FC Bayern einreiht, der zum Hinrundenkehraus den VfL Wolfsburg (15.30 Uhr) erwartet, ist die eigentliche Überraschung. Immer noch verfügt der Branchenprimus, der inzwischen seinen Umsatz auf mehr als 750 Millionen Euro gesteigert hat, über den exquisitesten Kader. Einen Philippe Coutinho, und sei es nur auf Leihbasis, kann sich sonst niemand leisten. Und eine Tormaschine wie Robert Lewandowski, mit 19 Toren in Gerd-Müller-Gedächtnismanier unterwegs, hat auch kein anderer. Aber atmosphärische Störungen zwischen den Starspielern und Trainer Niko Kovac, nach einem 1:5-Desaster Anfang November an ehemaliger Frankfurter Wirkungsstätte von seinen Aufgaben entbunden, haben die Münchner in die Verfolgerrolle gedrängt. Dass der Rekordmeister zeitweise nur auf Platz sieben gelistet wurde, hat viele Fans frohlocken lassen. Und weil auch Dortmund immer noch für Ausschläge in beide Richtungen gut ist, machen sich gleich vier Klubs relevante Titelhoffnungen. Wer die Westfalen vorschnell abschreibt, könnte einen Fehler machen.

Spannender Meisterschaftskampf

„Ist doch schön, dass der Meister nicht vorher feststeht“, merkt der ehemalige Manager Andreas Rettig an. Vor allem für die Deutsche Fußball Liga (DFL) ist das gerade ein Geschenk des Himmels: In den anstehenden Verhandlungen über die neuen Fernsehverträge ist der spannende Meisterschaftskampf ein nicht zu unterschätzendes Vermarktungsargument. Aber was steckt hinter der gesamten Verpackung? Ein Beispiel am vergangenen Mittwochabend: Eintracht Frankfurt gegen 1. FC Köln (2:4), ein Klassiker aus der Bundesliga-Geschichte: Der Kölner Keeper Timo Horn legt sich den Ball zum Abstoß zurecht, im Strafraum bieten sich seine Verteidiger Rafael Czichos und Sebastiaan Bornauw an, aber an der Strafraumkante lauern die Frankfurter Stürmer Bas Dost und Gonçalo Pacienca. Die Eintracht steht fast geschlossen in der Kölner Hälfte. Langer Ball, zweiter Ball – und viel (Zwei-)Kampf folgt.

Die oft identische Ausrichtung, Stichwort hohes Pressing, macht Zeit und Raum zum kostbaren Gut. Nur leidet eben darunter oft die Spielqualität, wenn die Protagonisten nicht die nötige Handlungsschnelligkeit und Ausdauer, das Zweikampfgeschick oder Durchsetzungsvermögen haben. Was die Abstürze in Frankfurt oder Bremen erklärt, wo derlei Defizite wegen der vielen Spiele (Eintracht) oder der falschen Kaderzusammenstellung (Werder) am krassesten wirken. Selbst der Tabellenletzte SC Paderborn, mit seinem geringen Budget doch entscheidend benachteiligt, macht da aus seinen geringen Möglichkeiten noch mehr.

Auffällig ist, dass die Verantwortlichen bei der Nationalmannschaft, Joachim Löw und Oliver Bierhoff, keine Lobeshymnen auf eine gestiegene Qualität anstimmen wollen. Bundestrainer Löw äußerte Kritik immer nur subtil, weil er mit seiner Mannschaft genügend eigene Probleme hat. DFB-Direktor Bierhoff bastelt am Projekt Zukunft, das unter dem Motto „Zurück in die Weltspitze“ gefasst ist. Sein Impulsvortrag beim DFB-Bundestag Ende September war explizit an die Vertreter der Profivereine gerichtet. „Die Bundesliga ist für den deutschen Fußball der Treiber. Alle haben verstanden, dass wir etwas tun müssen.“ Dass am 17. Spieltag der Herbstmeister noch nicht feststeht, reicht ihm als Fortschritt nicht.