Berlin - Am letzten Wochenende hätte er am liebsten jeden Zuschauer einzeln umarmt. „Es war richtig schön“, schwärmte Halil Savran, „diese tolle Kulisse, der Sieg. Und endlich wieder das Gefühl, dass auch ich meinen Teil dazu beigetragen habe.“ Doch drei Tage nach dem 2:0 gegen den Karlsruher SC, als Savran zum ersten Mal in dieser Saison von Beginn an spielte, verkündete ihm der Arzt, dass er am Sonntag beim FC Erzgebirge Aue schon wieder aussetzen muss.

Das passt zu Savran und seinem vertrackten Engagement beim 1. FC Union Berlin. In der Partie trat ihm einer früh auf die Hand. Savran ließ sich die klaffende Wunde in der Pause nähen, rackerte bis zur 69. Minute weiter - und ist deshalb jetzt wieder raus aus dem Spiel. Denn es kam Dreck in die Wunde, eine Entzündung bildete sich. Savran war bis heute krankgeschrieben.

Ausgerechnet jetzt, sagt Savran: „Es läuft wirklich nicht gut mit mir und Union.“ Kommende Woche ist der gesetzte Silvio wieder einsatzbereit, womöglich muss Savran dann sogar wieder auf die Tribüne. Es soll eben nicht sein, Savran, 26, gilt bei Union als gescheitert. „Ich gehe derzeit klar davon aus, dass im Juni für mich hier Schluss ist“, sagt er. Ohne Verbitterung. Der Deutsch-Türke ist nicht nur Realist, er ist auch ein kluger Kopf. Was ist schiefgelaufen, seit er im Juli 2010 anheuerte? „Vieles“, sagt er, „es hat wenig Sinn, das öffentlich zu diskutieren. Es gibt mehrere Gründe. Ich habe Fehler gemacht, andere auch.“

Wer weiß, was der Winter bringt

Er will nicht ins Detail gehen. Nur so viel: „Immer aus der Lauer-Position zu kommen, nur ein paar Minuten seine Chancen zu kriegen - das ist für jeden Spieler schwer.“ Die Statistik zeigt, was er meint: 1 070 Minuten bekam er vergangene Saison, dieses Jahr 108 Minuten. „Ja, ich bin jetzt Zweitligaprofi. Das wollte ich immer werden. Aber ich kann nicht zufrieden sein, wenn ich den Status über Kurzeinsätze bekomme.“ Mittlerweile spielt er nur noch, wenn andere verletzt sind. Für Trainer Uwe Neuhaus ist er Stürmer Nummer vier. „Trotzdem“, sagt Savran, „wünsche ich keinem Kollegen, dass er sich verletzt. Weil ich selbst nicht möchte, dass einer was Schlechtes über mich denkt.“

Typisch Savran. Neuhaus hat oft den tadellosen Charakter des jungen Familienvaters betont. Sich aber doch fußballerisch mehr versprochen von ihm. Er ist der Wühler, Ärmelhochkrempler, Lückenreißer. Aber gezaubert hat er selten, getroffen erst zwei Mal. Das sind wenig Argumente für einen Stürmer, der mit beeindruckenden Zahlen kam: 26 Treffer in 69 Drittliga-Partien für Dynamo Dresden, davor 41 Oberliga-Tore in 52 Partien für TeBe. Savran, groß geworden in Berlin, kehrte voller Euphorie zurück. Heute ist er desillusioniert: „Es war ja von Beginn an so, dass ich nur Einwechselspieler war. Vertrauen sieht anders aus.“ Und doch, er mache Neuhaus keinen Vorwurf. Der Trainer habe sich korrekt verhalten, aus seiner Sicht nur einen Fehler gemacht: Drei Wochen vor Transferschluss Ende August teilte Neuhaus Savran mit, dass er gehen könne. Das sei für ihn zu spät gewesen, sagt der Angreifer: „Da haben alle guten Klubs doch ihre Kader komplett.“ Lukrative Angebote blieben aus, auch mit Dresden habe es nur kurz Kontakt gegeben. Savrans Berater spekulierte auf Neuhaus’ Ablösung. „Unterste Schublade“, nannte das der Trainer, bewies aber Größe, dem Spieler das nicht zu verübeln.

Mittlerweile läuft eine Art Geschäft: Savran ist für Neuhaus die eiserne Reserve. Der Wartende hofft auf seine Einsatzzeiten, um Werbung für sich zu machen. Im Winter, das weiß er, kommt das Transferkarussell wieder in Schwung. „Mal sehen, welche Wege sich dann ergeben.“ Er hätte aber auch kein Problem damit, erst im Juni zu gehen. „Der Teamgeist hier ist super.“ In diesen Tagen nimmt er zudem sein Fernstudium in Betriebswirtschaftslehre auf. Wer weiß schon, was noch kommt?