Die Formel 1 ist zurück, auch wenn Piloten wie Sebastian Vettel auf dem Kurs in Spielberg erstmal zu Fuß unterwegs waren. 
Foto: AP/dpa/Marko Bandic

BerlinFußball-EM? Längst durch. Olympia? Längst abgesagt. Der Sport-Sommer müsste komplett abgeblasen werden, wenn da nicht die Formel 1 wäre. Die Königsklasse festigt auf ungeahnte und ungekannte Weise ihre Ausnahmestellung, indem sie mit einem verspäteten Saisonstart an diesem Wochenende in Österreich Corona im Grenzbereich trotzt. Die erste globale Meisterschaft, die wieder grenzüberschreitend den Sportbetrieb wagt.

Es ist das letzte Rennjahr, in dem vom Reglement her aus dem Vollen geschöpft werden kann, aber schon jetzt wird alles knapper ­– das Geld, der WM-Kalender, vielleicht auch die Resultate. Es ist ein emotionaler Cocktail aus Mut, Trotz, Überlegung und Verzweiflung, der zum ersten Rennen seit sieben Monaten führt. Ein Geister-Grand-Prix zwar, aber die Kulisse ist ausnahmsweise gar nicht so wichtig. Bevor die Formel 1 noch mehr verliert, wagt sie die Flucht nach vorn. Der Große Preis von Österreich als Trendsetter für ein Rennjahr, das so ganz anders und auch viel spannender werden kann als gedacht.

Tatsächlich wird sich über die Momentaufnahme in Pandemie-Zeiten hinaus viel ändern im Grand-Prix-Geschäft. Vieles, was überhitzt war, kühlt die nachlassende Konjunktur automatisch ab. Einiges, was sich lange im Argen befand, hat sich durch die Krise schneller als gedacht lösen lassen. Beschleunigte Entscheidungen, einfachere Prozesse – der ungewohnte Stillstand hat neue Kräfte freigesetzt. Das beflügelt den Stolz, obwohl die zuletzt an den Tag gelegte Demut der Branche ganz gut zu Gesichte gestanden hat. Das Renngeschäft war zuletzt überhitzt, jetzt muss eine neue Zukunft erkämpft werden. Denn es geht ums nackte Überleben.

Im österreichischen Spielberg, wo an diesem und dem kommenden Wochenende gleich zwei Rennen hintereinander ausgetragen werden, leben die Rennställe, die wenigen Journalisten und die Organisatoren in getrennten Blasen. Es wird viel kontrolliert, getestet, observiert. Die größtmögliche Sicherheit soll garantiert werden, denn die Saison mit ihren vorerst acht bestätigten Rennen in Europa bleibt ein sehr fragiles Gebilde. Aber die Rennfabrik Formel 1 muss wieder laufen, auch wenn man am Ende weit von der üblichen Preisgeld-Ausschüttung von einer Milliarde Dollar für die zehn Teams entfernt landen dürfte. Rechteinhaber Liberty Media wird einmal mehr Verluste einfahren, daher zählt jeder Grand Prix, der stattfinden kann. Sichtbarkeit zeigen, das ist jetzt wichtig, Verlässlichkeit demonstrieren, Neugier wecken, bei Sportfans, die man zuletzt nicht mehr erreicht hatte.

„Die Formel 1 war immer fähig, aus allem das Beste zu machen“, sagt Mercedes-Teamchef Toto Wolff, „wir müssen jetzt eine großartige Show auf der Rennstrecke bieten, um die merkwürdigen Umstände vergessen zu lassen.“ Im Homeoffice wird kein Rennfahrer glücklich.

Unsichere Zeiten, trotz aller Aussichten auf noch mehr Rennen im Herbst in Europa und einem vielleicht doch versöhnlichen Saisonabschluss auf der arabischen Halbinsel. Für das Mercedes-Team selbst, das zum siebten Mal in Folge beide WM-Titel einfahren will, gilt das trotz aller Beteuerungen auch. Der Konzern möchte in der Formel 1 bleiben, die Frage ist nur in welcher Form – und mit welchem Personal. Strebt Wolff nach anderen Zielen, macht Lewis Hamilton weiter?

Luxusprobleme, natürlich. Denn bei den Traditionsrennställen McLaren und Williams ist die Zukunftsfrage ganz akut gewesen, mussten erst Investoren mit frischem Geld den Neustart im Mittsommer absichern. Auch die Ferrari-Kundenteams Haas und Alfa Romeo sind nicht komplett übern Berg. Immerhin, sie haben durch das für die kommende Saison beschlossene Budget-cap und die verschobenen technischen Reglementänderungen Hoffnung auf größeren sportlichen Erfolg bei reduzierten Ausgaben. Das ist sicher die größte Chance, die sich über die durch Corona notwendig gewordenen Zwangsmaßnahmen eröffnet.

Eine Formel 1 auf Sparflamme, das bedeutet keinesfalls schlechteren Sport. Dafür eine Eindämmung teurer Eitelkeiten der Ingenieure und die gesteigerte Hoffnung auf Überraschungen. Tatsächlich dürften sich diese Einflüsse schon in Spielberg zeigen. Die Fahrer sind nicht wirklich eingerostet, beim Material ist es vielleicht anders. Wochen haben die Rennwagen nach dem abgesagten Saisonstart in Melbourne unberührt in Überseecontainern verbracht. Herausforderer Ferrari schaffte es nicht, die nötigen technischen Upgrades pünktlich an die roten Autos zu bringen. Entgegen der üblichen Saisonplanung kommt es aber gerade jetzt am Anfang darauf an, zu punkten. Wer weiß schon, wie viele Rennen wirklich gefahren werden? Zunächst sind es viele in kurzer Zeit, das bringt zusätzlichen Stress und verspricht Abwechslung durch Fehler. Wenig Raum im gedrängten Kalender bleibt hingegen für die Materialschlacht.

Daher kann das Prinzip nur Attacke heißen, und es wird auch das zu erwartende Duell zwischen Champion Lewis Hamilton im nun schwarzen Silberpfeil und der Red-Bull-Hoffnung Max Verstappen beflügeln. Der Brite kann durch einen siebten WM-Gesamtsieg mit Rekordweltmeister Michael Schumacher gleichziehen, der Niederländer ein letztes Mal jüngster Champion der Geschichte werden. Nicht minder brisant ist der Generationenkonflikt zwischen Charles Leclerc und Sebastian Vettel bei Ferrari, nachdem der Deutsche seinen Vertrag nicht mehr verlängert bekommt.

Bei aller hermetischen Abschirmung ist und bleibt das Ganze ein Wagnis. Aber die Formel 1 will ein Zeichen setzen. Mit einer Vorsicht, die man sich von der Fußball-Bundesliga abgeguckt hat, und der Hoffnung, vielleicht schon Ende August in Belgien erstmals wieder Zuschauer an der Piste begrüßen zu können. Die weltweite Aufmerksamkeit ist groß. Wenn diese Chance jemand nutzen kann, dann diese Serie. Sie ist routiniert darin, sich immer wieder neu zu erfinden.