Lange Gesichter: Timo Kastening, Uwe Gensheimer und Torhüter Andreas Wolff (v l.).
DPA/Robert Michael

WienJannik Kohlbacher stand vornübergebeugt, die Hände auf die Knie gestützt, den Blick starr auf das Spielfeld gerichtet. Lange verweilte der Mannheimer Kreisläufer in dieser Stellung. Momente zuvor hatte sich die deutsche Handball-Nationalmannschaft in der zweiten Hauptrunden-Partie der Europameisterschaft Kroatien mit 24:25 Toren geschlagen geben müssen und   die Chance auf die Teilnahme am Halbfinale vertan. Der Frust war den Spielern anzusehen, allen voran Kohlbacher, der mit seinem letzten Wurf   einen Ausgleich hätte erzielen können. Nach einem Pass von Julius Kühn scheiterte der 24-Jährige allerdings frei vor dem Tor an Schlussmann Marin Sego.

Es war nicht die einzige Möglichkeit, die die Handballer von Bundestrainer Christian Prokop leichtfertig hergaben. In den letzten 15 Minuten standen sieben Fehlwürfe und vier technische Fehler zu Buche, und es stellt sich die Frage, wie die Mannschaft nach einer zuvor überzeugenden Leistung den Sieg noch verschenken konnte.

Deutschland leistet sich zu viele Fehlwürfe 

Die DHB-Auswahl war hellwach in die Begegnung gestartet. Eine kompakte Defensivleistung, gutes Tempospiel und eine breite Spielanlage ließen die holprige Vorrunde fast in Vergessenheit geraten. In Wien schien ein gänzlich anderes Team auf dem Feld zu stehen. „Das war ein Kampf mit viel Emotionen und Leidenschaft“, sagte Kohlbacher, „da hat man das Feuer in den Augen gesehen. Wir hatten die Kroaten schon am Rande eine Niederlage, aber auch das hilft uns am Ende nicht.“ Die Begründung für das vorzeitige Aus war für Kohlbacher schnell gefunden: „Wir verwerfen in der Schlussphase zu viele Bälle.“

Die Angriffsleistung war während des gesamten Turniers ein Problem der Mannschaft. Zu oft lag die Wurfeffizienz unter der gewünschten Quote, zu oft gab es kritische Phasen, die von Hektik und Nervosität geprägt waren und die Fehlerzahl nach oben trieben. Von einem Führungsspieler, der in solchen Momenten die Verantwortung übernimmt und mit kühlem Kopf Entscheidungen trifft, war nicht viel zu sehen. Wie schon bei der Heim-WM 2019 fehlte es dem Team an der Cleverness, über 60 Minuten optimale Leistung abzurufen und das Geschehen durchweg zu dominieren.

Die letzten Spielsequenzen in Unterzahl gestalten zu müssen, half gegen Kroatien ebenso wenig. Hendrik Pekeler hatte kurz vor Schluss die letzte von acht deutschen Zeitstrafen hinnehmen müssen. Ein zu hoher Wert, der sich   auf die Defensivarbeit auswirkte. Obwohl die Abwehr lange Zeit überzeugen konnte, fehlte auf diesem Gebiet in der zweiten Halbzeit ebenso die letzte Konsequenz, um das gegnerische Angriffsspiel ausschlaggebend zu stören.

Trainer Prokop muss sich Fragen stellen lassen

Prokops Einwand, die sieben verletzten Spieler zu bedenken, war berechtigt. Dennoch erklärte dies nicht, wie erfahrene Bundesliga-Akteure Kroatien durch einfache Fehler wieder zurück in das Spiel bringen konnten. Es erklärt nicht, warum die beiden Auszeiten der Deutschen in der 47. und 60. Minute ohne Auswirkung blieben und warum es dem Bundestrainer nicht gelang, seiner Sieben eine Hilfestellung mit auf den Weg zu geben, um   zwei Punkte mitzunehmen.

Der 41-Jährige wird sich dahingehend in den nächsten Tage Fragen stellen müssen. Auch was seine   Position betrifft. Eine Trainer-Debatte in der Öffentlichkeit vermeidet der Deutsche Handball-Bund (DHB). „Ich sehe im Moment überhaupt keinen Bedarf, darüber zu sprechen, und ich gehe nicht davon aus, dass es nach dem Turnier dazu kommt“, sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning über seinen Protegé. Inoffiziell ist die Personalie Prokop ein Thema.

Dessen schwerste Aufgabe wird es sein, die Mannschaft   aufzubauen und für die zwei verbleibenden Spiele zu motivieren. „Die EM ist für uns noch nicht vorbei“, sagte Prokop. Obwohl Deutschland das Halbfinale nur noch durch sehr unwahrscheinliche Schützenhilfe erreichen kann – Spanien müsste mit acht Toren Weißrussland unterliegen und gegen Kroatien verlieren –, will sich die DHB-Auswahl mit einem guten Gefühl   verabschieden. Bevor am Mittwoch die Hauptrunde gegen Tschechien endet, lädt am Montag Gastgeber Österreich zum Duell (beide 20.30 Uhr). Mit zwei weiteren Siegen wäre     Platz fünf möglich. Für Jannik Kohlbacher das neue ausgesprochene Ziel: „Wer uns kennt, wer Deutschland kennt, weiß, dass wir bis zum Ende durchziehen. Das sind wir allein den Fans schon schuldig.“