Brest - Sport-Psychologen werden an den ersten beiden Auftritten der deutschen Handballerinnen bei der Europameisterschaft in Frankreich ihre Freude gehabt haben. Vermutlich können sie die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) als Lehrbeispiel dafür nutzen, wie wichtig die mentale Seite im Hochleistungssport ist. Völlig befreit von emotionalen Lasten hatten die Deutschen im ersten Spiel den hohe Favoriten Norwegen geschlagen (33:32), ehe es am Montagabend (wenig verwunderlich) einen Rückschlag gegen Rumänien gab. Statt einer Fortsetzung des Höhenfluges folgte eine 24:29-Niederlage. Daraus folgt, dass Deutschland am Mittwoch (18 Uhr, Eurosport) gegen Tschechien ein Gruppenendspiel bevorsteht.

„Vielleicht war es anders, weil wir gegen Norwegen völlig ohne Druck aufspielen konnten“, sagte Emily Bölk. Die 20-Jährige war eine von vielen Spielerinnen, die nicht an die starke Form anknüpfen konnten, die zum Sieg gegen den Titelverteidiger geführt hatte. Bölk ahnte, dass die Ausgangslage vor dem Duell mit den routinierten Rumäninnen eine andere war, der Überraschungseffekt war aufgebraucht. Die Ost-Europäerinnen waren gut auf die Deutschen vorbereitet, gingen schnell mit 5:1 in Führung und verursachten damit Stress beim Gegner. Die Aktionen von Bölk und ihren Kolleginnen wirkten danach vor allem Im Angriff hektisch, die Ruhe und die Selbstverständlichkeit der ersten Partie waren verflogen.

Brüchige Strukturen

Psychologen dürfte es nicht überraschen, dass einer im Umbruch befindliche Gruppe die Festigkeit fehlt, wenn sie unter Druck gerät. Die Strukturen im deutschen Team sind brüchig, weil nach der Heim-WM vor einem Jahr vor allem die erfahrenen Spielerinnen ihren Abschied aus der Nationalmannschaft erklärt hatten. Es bedarf nicht nur der individuellen Förderung durch Bundestrainer Henk Groener, sondern einer hierarchischen Entwicklung, damit die deutschen Handballfrauen in Drucksituationen stabiler sind. „Wir müssen in vielen Bereichen arbeiten, auch an der mentalen Stärke“, hatte der Niederländer vor dem Turnierstart gesagt.

Immerhin, gegen Rumänien gab es in diesem Bereich positive Ansätze. Spielführerin Julia Behnke ging mit Leistung voran, erzielte acht Tore, konnte das gesamte Team aber nicht allein auf ihren Schultern tragen. „Wir sind hektisch in die Angriffe gegangen und haben die Chancen liegen lassen“, sagte die Kreisläuferin, die nicht nur im Angriff eine wichtige Rolle spielt, sondern auch im Abwehrzentrum eine Führungsaufgabe übernehmen soll. Behnke, 25, steht für den neuen Weg, den Groener gehen möchte. Bei der Weltmeisterschaft vor einem Jahr war die gebürtige Mannheimerin auch schon dabei, gehörte da aber nicht zum Kreis der Führungsspielerinnen.

Gruppenspiel als Endspiel

Das ist in den Tagen in Frankreich anders. Groener fordert Behnke auch abseits der Hallen, weil er in ihr eine Führungsfigur sieht. „Julia hat schon Erfahrung gesammelt, ist ein paar Jahre in der Nationalmannschaft dabei und als Spielerin wichtig für uns“, sagt der Niederländer. Die Voraussetzungen sind gegeben, um Behnke mehr Verantwortung zu übertragen. Gegen Tschechien wird sich zeigen, ob die 25-Jährige bereit ist, sie in einer entscheidenden Partie zu übernehmen.

Die Tschechinnen haben eine gute Mannschaft, gelten aber trotzdem als schwächster deutscher Gegner in der Vorrunde und haben bislang beide Partien verloren. „Jetzt haben wir unser Endspiel“, sagt Behnke, die fest daran glaubt, dass die neu formierte DHB-Auswahl dem Stresstest im letzten Gruppenspiel gewachsen sein wird.

Ein Sieg oder ein Remis sorgen dafür, dass die Deutschen in der Hauptrunde in Nancy weitere Möglichkeiten bekommen, ihre Entwicklung voranzutreiben. Selbst bei einer knappen Niederlage besteht noch Hoffnung, dann müsste im Anschluss allerdings Rumänien gegen Norwegen gewinnen – und darauf sollten sich die Deutschen nicht verlassen. Der Titelfavorit dürfte sich kaum ein zweites Mal überraschen lassen.