Bislang wehrt Torwart Andreas Wolff zu wenige gegnerische Angriffe bei der Handball-EM ab.
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WienEin Kopfschütteln, ein wütender Schlag auf den Hallenboden, Frustschreie – die Bilder, die sich in den vergangenen Tagen im norwegischen Trondheim boten, ist man von Andreas Wolff in dieser Fülle nicht gewohnt. Es sind prägende Bilder von der Europameisterschaft 2020. In den bisherigen drei Spielen kam der sonst so überzeugende Torhüter auf gerade einmal fünfzehn Paraden. Noch erschreckender ist die Quote, betrachtet man nur die letzten beiden Partien, in denen der gebürtige Rheinländer lediglich einen von zweiundzwanzig Bällen abwehren konnte. Die Bilanz Johannes Bitters, Deutschland Nummer zwei, liegt sogar noch unter jener Wolffs.

Es stellt sich die Frage, warum es den beiden Schlussmännern momentan nicht möglich ist, ihre Leistung abzurufen und wie es gelingen soll, dieses Tief aus der Vorrunde zu überwinden. „Jeder hat seine eigenen Techniken, um damit umzugehen. Das ist sehr individuell und da kann man schwer Ratschläge geben“, sagt der Welthandballer von 2004 und Weltmeister von 2007, Henning Fritz. „Der Trainer kann insofern helfen, dass er seinen Spielern das Vertrauen ausspricht und jedem seine Rolle gibt.“

Welthandballer Fritz nimmt Torhüter in Schutz

Dass Wolff und Bitter normalerweise über ein Weltspitzen-Niveau verfügen, steht für die Torhüter-Legende aus Magdeburg außer Frage. Doch wie beim Rest der Mannschaft war davon auf dem Spielfeld noch nicht viel zu sehen. Insgesamt betrachtet fehle es der DHB-Auswahl momentan an Stabilität im Angriff und in der Abwehr. „Da kann der Torhüter alleine auch nicht viel machen“, nimmt Fritz die deutschen Torhüter in Schutz.

Ein Argument, das nicht von der Hand zu weisen ist. Denn das eigentliche Herzstück kann in keiner Weise an die Vorstellung bei der Heim-Weltmeisterschaft im letzten Januar anknüpfen. Der Mittelblock um Henrik Pekeler und Patrick Wiencek, beide in Kiel unter Vertrag, vermittelt teilweise ein emotionsloses Bild, gleichermaßen lassen die Alternativen die gewohnte Aggressivität vermissen. „Da ist noch Luft nach oben und die Mannschaft weiß, dass sie nicht an ihrem Limit spielt“, beurteilt Fritz die Situation, „aber ich würde sagen, dass ist vor allem eine emotionale und mentale Aufgabe. Das Handballspielen haben die Jungs ja nicht verlernt.“

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Torwart von Format

Henning Fritz, 45, wurde mit dem SC Magdeburg 2001 Deutscher Meister.  Danach spielte er für Kiel, wurde Meister (2002, 2005-2007), EHF-Pokal-Sieger (2002, 2004). Von 2007 bis 2012 spielte er für die Rhein-Neckar Löwen.
Arno Ehret verhalf als Bundestrainer dem Torwart zu dessen Debüt in der Nationalmannschaft in der Partie gegen Ungarn in Magdeburg. Fritz kam bis zum Karriereende auf 235 Einsätze. Als erster Torwart wurde er 2004 Welthandballer.

Derartige Rückschläge sind dem 44-Jährigen durchaus vertraut. Bei der Weltmeisterschaft 2007 unterlagen die Deutschen in der Vorrunde Polen und konnten sich nur knapp gegen Brasilien durchsetzen. „Da muss man sich auf sich besinnen und sich einfach wieder auf den nächsten Gegner vorbereiten. Wir hatten damals irgendwann die Einstellung: ,Das ist jetzt egal.' Dadurch konnten wir frei aufspielen und zu einhundert Prozent unsere Emotionen abrufen.“ Mit Erfolg. Die deutsche Mannschaft gewann alle ihre Hauptrundenspiele, kämpfte sich bis in das Finale durch und holte schließlich den Titel. Allein deshalb hat Fritz die DHB-Auswahl noch lange nicht abgeschrieben und hält das Halbfinale für machbar. Dafür müssten die Schützlinge von Bundestrainer Christian Prokop allerdings ihre eigenen Stärken leben, sich gegenseitig unterstützen und ihre Tugenden im Abwehr- und Torhüter-Spiel revitalisieren.

Die Vorrunde sollte abgehakt sein

Die Vorrunde in Trondheim ist vorbei und sollte auch im Kopf abgehakt sein. Nun geht es darum, in Wien ein neues Kapitel bei dieser EM anzufangen und dafür die nötige Leichtigkeit aufzubringen. „Das Potenzial ist da. Man muss sich jetzt positive Erlebnisse schaffen und dann auf die Erfolgswelle aufspringen“, sagt Fritz. Und wer weiß, vielleicht wächst die Mannschaft ja mit ihren Aufgaben. Denn vermeintlich einfache Gegner wie die EM-Debütanten aus Holland oder Lettland wird es in der Hauptrunde nicht mehr geben. Mit Spielen gegen Gastgeber Österreich, Tschechien, Kroatien und am Donnerstag Weißrussland stehen dem deutschen Team körperlich anspruchsvolle Gegner bevor.

Auf die deutschen Fans, die ihre Mannschaft entweder schon seit Norwegen begleiten, oder jetzt erst in Wien einsteigen, kann sich die DHB-Auswahl verlassen. „Das könnte in Wien wichtig werden. Das deutsche Publikum lässt sich schnell begeistern. Besonders wenn man es schafft mit Leidenschaft zu spielen und die richtige Lockerheit an den Tag zu legen, kann man die Fans holen“, weiß Fritz aus eigener Erfahrung.   Wenn das gelingt, werden auch wieder die Torhüter jubeln statt Frust zu schieben. Was auch wichtig wäre, denn ihre Bedeutung wird im Verlauf des Turniers weiter wachsen.