Vermitttelt bei der Europameisterschaft den Spaß am Handball: Timo Kastening.
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WienDie meisten Sportler haben bekanntlich ihre Eigenarten und Rituale. Timo Kastening ist da keine Ausnahme. Der 24-Jährige greift etwa auf einen Spickzettel zurück. Auf dem Tape um sein linkes Handgelenk hatte sich der Rechtsaußen vor dem Spiel gegen die Weißrussen beispielsweise notiert, dass deren Mittelmann beim Tiefgehen den Pass gerne mit links rausspielt. „Damit ich den klauen kann“, wie er selbst erläuterte. Diesen Vorsatz konnte Kastening erfolgreich umsetzen. Beim 31:23-Erfolg der deutschen Handball-Nationalmannschaft in Wien überzeugte er durch sein antizipatives Deckungsspiel, lief drei der insgesamt neun Tempogegenstöße, wurde zurecht zum Man of the Match gekürt.

„Timo schleicht sich da unten von Einsfünfzig irgendwo raus und klaut den Ball. Der macht’s überragend“, honorierte Kapitän Uwe Gensheimer die Leistung, ohne sich einen kleinen Seitenhieb auf die Größe seines Teamkameraden verkneifen zu können. Mit 1,80 Meter der Kleinste im deutschen Aufgebot, spielt Kastening bei dieser Europameisterschaft allerdings ganz groß auf. Sportlich brachte es der Niedersachse in den bisherigen Spielen auf 15 Tore, gegen Weißrussland traf er alle seiner sechs Würfe ins Tor. „Es tut immer gut, wenn du von Außen Einhundert Prozent wirfst. Da bin ich sehr glücklich drüber. Das war insgesamt heute eine runde Sache“, sagte Kastening und schob hinterher: „Aber jetzt kommt wieder ein anderes Spiel.“

Kastening konnte sich kontinuierlich steigern

Diese Bescheidenheit und Bodenständigkeit, gepaart mit einer gewissen Lockerheit, machen Kastening so sympathisch. So gut wie immer ein Lächeln im Gesicht fliegt der Rechtsaußen förmlich durch das Turnier. „Timo ist halt völlig befreit“, findet der Berliner DHB-Vizepräsident Bob Hanning, „der macht sich viel weniger einen Kopf, als es manch ein erfahrener Spieler tut.“

Ganz so einfach ist es für den EM-Debütanten jedoch nicht. „Natürlich macht man sich ’ne Platte“, gibt Kastening nach seinem elften Länderspiel zu, „wenn ich verwerfe, wollen alle mehr Pepp, wenn ich treffe, sieht es einfach aus. Deshalb versuche ich einfach, meine Linie zu fahren, und das gelingt mir gerade ganz gut.“

Mehr als gut, möchte man sagen. Anders als die meisten seiner Kollegen konnte der Hannoveraner von Beginn an seine Leistung abrufen und sich sogar steigern. Daher ist es nicht verwunderlich, dass er das Vertrauen von Bundestrainer Christian Prokop genießt und in den vergangenen beiden Partien in der Startsieben wiederzufinden war. Eine Wendung, die so vielleicht nicht viele erwartet hatten. Denn nicht nur, dass Kastening Tobias Reichmann auf die Bank verwiesen hat, nach dem zuvor stets gesetzten Patrick Groetzki fragt momentan niemand. Dem Mannheimer nahm Kastening nicht nur den Kaderplatz ab, sondern ebenso sein Amt als Kabinen-DJ.

Harte Prüfung gegen Kroatien

Neben und auf dem Feld sorgt die neue Nummer 73 für Stimmung und vermittelt gleichermaßen dem Publikum wieder Spaß am Handball. Das bekamen auch die 5 267 Zuschauer in der Wiener Stadthalle zu spüren, unter denen sich – anders als noch in Trondheim – zahlreiche deutsche Fans befanden.

Beim Spiel gegen die Kroaten an diesem Sonnabend könnte dieser „Heimvorteil“ allerdings etwas geringer ausfallen. Schon beim Hauptrunden-Auftakt gegen Österreich wurde die Balkan-Nation ihrem Ruf gerecht und überstimmte die Gastgeber um Längen. Dass es gegen Deutschland mindestens genauso heiß hergehen wird, hofft der Welthandballer von 2013 und Kapitän der kroatischen Mannschaft Domagoj Duvnjak: „Unsere Fans sind verrückt und das genießen wir. Gegen Deutschland wird die Halle wieder richtig voll.“

„Es wird an uns liegen, wie laut die kroatischen Fans sind“, sagt hingegen Kastening, wenngleich er weiß, dass die zweite Hauptrunden-Begegnung eine echte Härteprobe werden wird. Denn Kroatien hat bisher alle vier Spiele gewonnen und legte dabei eine beneidenswerte Leichtigkeit an den Tag. Was für die Deutschen besonders problematisch werden könnte, ist die offensive kroatische Abwehr mit Duvnjak auf der Spitze. Gegen dieses System tat sich der deutsche Angriff im Spanien-Spiel schwer, ließ die Tiefe vermissen. Umso wichtiger wird es sein, in der eigenen Defensive zu punkten und die einfachen Tore im Gegenstoß zu machen. Das wird sich wahrscheinlich auch Kastening auf sein Tape schreiben.