Im Bus herrschte Stille. Keine Musik, keine Gespräche, kein Fernsehton war zu hören – die Spielerinnen der deutschen Handball-Nationalmannschaft schwiegen in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag. Sie waren in Gedanken vertieft und suchten nach Erklärungen für das 20:26 im Gruppenspiel gegen Island, das sich kurze Zeit zuvor bei der Frauen-WM in Brasilien ereignet hatte. Der Einzige, der die Stille für einen Moment durchbrach, war Heine Jensen. Der Bundestrainer unternahm am Telefon den Versuch, zu erklären, warum seine Auswahl gegen den Außenseiter von der Vulkaninsel verloren hatte. „Wir haben völlig ohne Selbstbewusstsein gespielt“, klagte er. Jensens Stimme klang belegt, er hustete häufig. „Eine Erkältung“, sagte er. Auch das noch.

Der Däne rang sich mühevoll ein paar einsilbige Antworten ab, in denen viel Frust mitschwang. Vor allem, weil seine Frauen die vorzeitige Qualifikation für das Achtelfinale verpassten und sich gleichzeitig der günstigen Ausgangsposition entledigten, mit einem Sieg im letzten Gruppenspiel heute (17.45 Uhr, Sport1) gegen Angola als Erster in die K.-o.-Runde zu gehen.

Stattdessen müssen Jensens Frauen nun sogar um die Runde der letzten 16 bangen. Gegen Angola brauchen sie einen Sieg, „sonst sitzen wir im Flieger auf dem Weg nach Hause“, warnt der Bundestrainer. Doch selbst wenn seine Auswahl das Achtelfinale erreichen sollte, droht ihr dort die Übermannschaft aus Russland und damit das Aus. Auch die Chance auf einen Platz unter den ersten sieben Teams, der die angestrebte Teilnahme am olympischen Qualifikationsturnier im kommenden Mai bedeuten würde, ist nach der Niederlage gegen Island gesunken.

Wildwest in Brasilien

Das Problem der deutschen Auswahl ist, dass ihre Leistung zu oft zwischen Topteam und Schülergruppe pendelt. Einem grandiosen Auftritt gegen Norwegen folgten dürftige Leistungen gegen Montenegro und China. Nun, gegen Island, führten die DHB- Frauen nach 18 Minuten 11:4; man glaubte, bei dieser Weltmeisterschaft erstmals einen souveränen Auftritt zu sehen, der nicht zwangsläufig nach Baldrian-Zufuhr schreit. Falsch gedacht.

Wie so oft kam ein Bruch ins Spiel. Vielleicht auch, weil Jensen zu früh zu viel wechselte und sein Team damit aus dem Rhythmus brachte. Die Spielerinnen verfielen in alte Muster, sie feuerten nach Wildwest-Art auf das gegnerische Tor und spielten Pässe, die zwei Meter neben der Teamkollegin im Seitenaus landeten. Kein Wunder, dass in den letzten 42 Minuten gegen die Isländerinnen nur noch neun Tore gelangen. „Lieber gestern als heute“ würde Jensen die Unzulänglichkeiten in der Offensive abstellen, doch er wirbt um Verständnis: „Wir sind in einem Prozess und müssen aus jeder Situation lernen.“

Darauf zu hoffen, scheint aber vergebens zu sein. Schon aus den Fehlern der ersten Spiele hatten die deutschen Frauen keine Lehren gezogen. Jensen kündigte deshalb für den gestrigen freien Tag an, dass „wir uns zusammensetzen werden, um zu analysieren und einen gemeinsamen Weg zu finden. Wir müssen intensiv reden“, sagte er. Besser als schweigen ist das allemal.