Doha - Wie unterschiedlich die Reaktionen doch sein können. Nachdem die deutsche Handball-Nationalmannschaft am Freitagabend in Doha 29:26 (17:13) gegen Polen ihr Auftaktmatch der diesjährigen WM gewonnen hatte, rannte Verbandspräsident Bernhard Bauer wie aufgezogen durch die Katakomben der Multifunktionsarena Lusail, breit grinsend, mit so einigen Lobpreisungen in petto. Sein Fazit war dann: „Wir haben uns rehabilitiert für das Playoff-Aus im Sommer.“ Im Juni noch hatte die deutsche Auswahl gegen Polen sportlich die WM-Qualifikation verpasst. Erst eine Wildcard des Weltverbandes ließ sie nach Katar reisen. Dieser Umstand machte den Erfolg umso süßer.

Für Dagur Sigurdsson galt das nicht so wirklich. Oder er zeigte es, typisch unterkühlter Isländer, einfach nicht. Der Bundestrainer erklärte seinen ersten Sieg als Trainer bei einer Weltmeisterschaft fachmännisch präzise: „Unser Erfolg war die logische Konsequenz aus der Vorbereitung. Die war sehr gut und wir haben uns einfach dafür belohnt. Ich bin im Großen und Ganzen zufrieden.“ Verständlicherweise, denn die deutschen Handballer stehen mit dem ersten Sieg aus der ersten Partie sehr gut da. Mehr aber nicht, es folgen ja noch fünf weitere Gruppenspiele. Auch wenn der achtmalige und damit beste deutsche Werfer Steffen Weinhold (THW Kiel) anmerkte: „Die Ausgangsposition für das Achtelfinale ist immerhin besser als vor dem Spiel.“

Es war ein Spiel, das Mut dem Trainerteam und der Mannschaft Mut gemacht hat für die kommenden Aufgaben. Denn es war kein glatter Sieg, sondern einer der Aufs und Abs, der Moral. Zwar beherrschte die deutsche Mannschaft die Polen in der ersten Hälfte, vor allem in den letzten zehn Minuten, als sie vom 10:10 auf 17:13 davonzog. Doch im zweiten Abschnitt folgte der Einbruch. Auch so eine logische Konsequenz, die Sigurdsson zwar nicht erwähnte, aber deren er sich bewusst sein dürfte.

Polen nur mit Einzelaktionen

Die junge Mannschaft ist schlicht noch nicht so weit, als dass sie annähernd 60 Minuten konzentriert auf hohem Niveau spielen könnte wie es etwa die Dänen können oder die Franzosen punktuell vormachen. Dass die Spieler sich davon nicht beirren ließen, auch nicht vom Ausgleich zum 20:20 nach 42 Minuten, sondern „alle den Fokus behielten, auch, als es eng wurde“, wie Kapitän Uwe Gensheimer sagte, deutete eine gewisse Reife an.

Immer mehr kristallisierte sich im Laufe der Partie heraus, dass es eher ein untypischer Spielverlauf war für ein Aufeinandertreffen zwischen Deutschland und Polen. Und zwar deshalb, weil die DHB-Auswahl anders als erwartet über den Positionsangriff zum späteren Sieg kamen. Weil sie schon sehr früh erstaunlich gut als Mannschaft funktionierte und gerade mal drei technische Fehler fabrizierte.

Die Polen hingegen versuchten es ab Mitte der zweiten Hälfte wie in der ersten Hälfte nur noch mit verkrampften Einzelaktionen, sie scheiterten an ihrer eigenen Unzähmbarkeit. Und am guten Carsten Lichtlein, dem Gummersbacher, der Silvio Heinevetter nach 21 Minuten im Tor abgelöst hatte. Dagur Sigurdsson mag auch an Lichtlein gedacht haben, als er sagte: „Das Spiel hatte sehr viele kleine Helden. Es ist ein gutes Signal, dass wir auch dann voll durchziehen, wenn es mal nicht so gut läuft.“

Dem deutschen Team geriet im Auftaktspiel zum Vorteil, was es in den Tagen zuvor so oft beschworen hatte. „Keiner gibt uns eine Chance, vielleicht ist es ganz gut, ohne Druck aufspielen zu können“, hatten die Spieler die Reihe durch betont. Druck schienen sie jedenfalls nicht zu spüren, auch dann nicht, als sie mal zwei, drei Torgelegenheiten in Serie vergeben hatten. Die Frage ist allerdings, wie lange diese Unbeschwertheit anhält. Denn Siege mögen zwar das Selbstvertrauen erhöhen, doch parallel dazu steigt auch die Erwartungshaltung. Das deutsche Team hat jetzt immerhin einen Mitfavoriten auf die Medaillenränge bezwungen.

Dagur Sigurdssons Team dürfte nun mehr denn zuvor den zweiten Rang in der Gruppe hinter Dänemark im Auge haben, das zwar gestern nur 24:24 gegen Argentinien spielte, aber immer noch Favorit der Vorrundengruppe D ist. Am Sonntag (17 Uhr MEZ, Sky) steht für die DHB-Auswahl allerdings erst einmal die Partie gegen Russland auf dem Plan. Eigentlich ein Pflichtsieg, denn von der einstigen Gloria ist bei den Russen nicht mehr viel übrig. Doch Sigurdsson hat da so ein flaues Gefühl in der Magengegend. Schon seit der Gruppenauslosung im Juni, wie er verriet. „Russland, das bereitet mir irgendwie Bauchschmerzen.“