Bob Hanning, 50, nimmt mit dem Rücken zur großen Fensterfront Platz, zwei Espresso Macchiato stehen vor ihm auf dem Konferenztisch, in dessen Mitte ein Modell der Max-Schmeling-Halle aufgebaut ist. Den Blick auf den Gendarmenmarkt mit dem Deutschen Dom überlässt der Geschäftsführer der Füchse Berlin seinen Gästen. Hanning wirkt erholt, gerade erst ist er aus einem einwöchigen Urlaub auf den Malediven, seinem Lieblingsreiseziel, zurückgekehrt. „Jeder Tag fühlt sich wie eine Woche Urlaub an“, sagt er. „Ich bin nur zweimal täglich ans Telefon gegangen. Das Programm war ganz streng: ausschlafen, ins Wasser gehen, gut Mittagessen, jeden Tag Massage, gutes Abendessen und danach einen schönen Gin Tonic.“ Und nicht zu viele Gedanken an Handball.

Die Geschäftsstelle des Klubs ist nicht nur die Schaltzentrale des mächtigsten deutschen Handballfunktionärs. Sie ist zugleich der Ort, an dem sich der wahrgewordene Lebenstraum lokalisieren lässt. „Es gibt wenige Menschen, die in so einer komfortablen Situation leben dürfen“, sagt Hanning. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und darf hier arbeiten.“ Ein Anzug als Dienstkleidung würde dazu nicht passen. Er trägt einen blauen Pullover und eine schwarze Hose. Man hat das Gefühl, dass er sich auf seinem Stuhl so wohlfühlt wie in einem Sessel.

Das gute Gefühl

In diesen Tagen verstärkt sich das gute Gefühl noch mal. Am Donnerstag eröffnet die Handball-Nationalmannschaft in der Arena am Ostbahnhof um 18.15 Uhr gegen ein vereinigtes Team aus Korea die WM, die Deutschland zusammen mit Dänemark ausrichtet. Seit 2013 tüftelt Hanning an diesem Projekt, nun wird das Ergebnis sichtbar.

Vizepräsident des Deutschen Handball-Bundes (DHB) – so lautet Hannings offizieller Titel als Verbandsfunktionär. Doch sein Wirken geht weit über das eines gewöhnlichen Stellvertreters hinaus. Er ist der Dirigent des deutschen Handballsports. Entsprechend ist das Turnier auch sein Werk: Die WM 2019 ist die Bob-WM.

Wahnsinnige Chance

„Ich verspüre Dankbarkeit, dass wir diese Möglichkeit haben“, sagt Hanning. Zusammen mit der Heim-EM 2024 als Klammer bietet sich für den Handball eine „wahnsinnige Chance, den Weg zum Fußball zu halbieren“. Wie sich diese Entfernung genau bemessen lässt, bleibt unklar. Weil entsprechende Parameter fehlen. Um einen Angriff auf den Fußball geht es dem gebürtigen Essener ohnehin nicht. Hanning will vielmehr seine Branche aufrütteln. Eine Branche, die ihre Potenziale bislang nicht so ausschöpft, wie es dem Visionär vorschwebt.

2007 erlebte Deutschland ein sogenanntes Wintermärchen, als die Handballer Heim-Weltmeister wurden. Kurzzeitig war die Nation gefesselt von ihren Helden, über 16 Millionen Menschen sahen das Finale gegen Polen. Doch die Begeisterung hielt nicht an, der Boom verebbte.

In den großen Städten

Unter Bob Hanning soll sich das nicht wiederholen. „Wenn die WM sportlich ein Erfolg wird, erleben wir einen Quantensprung.“ Passend zur WM hat die Sportrechteagentur Lagardère einen Fernsehvertrag ausgehandelt, der dem Handball für sechs Jahre Präsenz bei ARD und ZDF gewährt. Es ist natürlich kein Zufall, dass sich das Klingelschild des Unternehmens direkt neben der Geschäftsstelle der Füchse findet. „Ich bin mir gar nicht sicher, ob es vor zwölf Jahren schon Handys mit Fotoapparaten gab“, sagt Hanning. Anders als die Fußballer sollen sich Handballer nicht abschotten. Ihre Gesichter soll nach der WM jeder kennen.

Dass diese WM nicht in Kiel, Flensburg oder Mannheim stattfindet, wo Deutschlands erfolgreichste Klubs beheimatet sind, ist für den Impresario klar. „Wir wollen in den vier größten Städten spielen“, sagt Hanning. Weit über 90 Prozent der Karten sind verkauft, der Plan geht also auf. Das gilt auch für München, wo Handball nicht gerade Tradition hat. Viel wichtiger als die Tradition ist in der Kalkulation die Wirtschaftskraft.

Vorrunde in Berlin

In Berlin warten neue Sponsoren, so die Hoffnung. Und dass Berlin alle fünf deutschen Vorrundenspiele erhält, ehe das Turnier dann anschließend in Köln und Hamburg weitergeht, ist laut Hanning logisch. „Ein solches Turnier gehört in die Bundeshauptstadt, das würde ich auch als Manager des THW Kiel sagen.“ Aber natürlich passt es gut ins Bild, dass seine Stadt „die Weltbühne“ ist.

Bob Hanning, der mit Vornamen eigentlich Hans Robert heißt, wegen seiner Leidenschaft für Bob Dylan, aber nur Bob genannt wird, misst 1,68 Meter. Von klein auf ist er es gewöhnt, groß zu denken. Von der Fensterbank im zehnten Stock des Hauses, in dem er aufwuchs, konnte er die Grugahalle sehen − dort spielte mit TuSEM Essen ein deutsches Handballschwergewicht früherer Jahre.

Gespür für Netzwerke

Hanning war realistisch genug, um zu wissen, dass er die falschen körperlichen Voraussetzungen mitbringt, um sportlich Karriere zu machen. Sein Gespür für Netzwerke und sein taktisches Geschick waren allerdings so ausgeprägt, dass er 1994 mit 26 Jahren die A-Jugend trainieren durfte und die Deutsche Meisterschaft gewann.

Hanning ist nie jemand gewesen, der sich mit dem Erreichten zufriedengegeben hätte. Er strebte stets das nächste Level an. Im Sport. Und auch dort, wo es um Macht und Einfluss geht. Auf Essen folgten Trainerstationen in Solingen, Wuppertal und Schutterwald, er assistierte Heiner Brand bei der Nationalmannschaft.

Die Chance des Lebens

2002 heuerte er dann beim HSV Hamburg an, den er im Konzert der führenden deutschen Handballklubs etablierte. In Hamburg entwickelte er sich zunehmend zum Medienprofi. Immer besser gelang es ihm, sich zu inszenieren. Als es dem Verein finanziell schlechtging und Sponsorengelder akquiriert werden sollten, stellte sich als Wiedergänger des französischen Feldherrn Napoleon Bonaparte dar − ganz typisch mit der rechten Hand in der Weste. Was die Boulevardmedien bis heute nicht vergessen haben.

Die Chance seines Lebens eröffnete sich für Hanning dann in Berlin. 2005 übernahm er als Manager die Füchse, die damals in der Zweiten Bundesliga dümpelten. Seitdem treibt er seine Vision von einem FC Barcelona im deutschen Handball voran. Der seinen Sitz natürlich nicht in Reinickendorf, der geografischen Heimat, sondern in bester Citylage haben muss. Berlin soll für internationale Stars attraktiv sein. Die Basis jedoch sind die im Verein gereiften Führungskräfte.

Praktikum bei der Stadtreinigung

Trotz seiner vielseitigen Verpflichtungen trainiert Hanning noch immer die A-Jugend der Füchse. Fabian Wiede und Paul Drux, heute gestandene Nationalspieler, entdeckte er früh. Nicht ganz zufällig sind die Wände im Konferenzraum der Geschäftsstelle mit jungen Profis geschmückt. Auf einem Plakat versucht Drux im Fallen, den Ball ins Tor zu bringen. An einer anderen Wand ist Struck zu sehen − mit einem Einlaufkind an der Hand. Für Bob Hanning sind die Spieler alle zugleich Ziehsöhne. Er vermittelt ihnen auch soziale Werte. Damit sie lernen, wie das Leben neben der Sporthalle aussieht, schickt er sie zu Schnuppertagen bei der Stadtreinigung. Beim Essen die Mütze zu tragen ist verboten. Gesprächspartnern muss die Hand gereicht werden.

Mit den wachsenden Erfolgen der Berliner – 2011 qualifizierten sich die Füchse erstmalig für die Champions League, sie sind mittlerweile EHF-Cup- und DHB-Pokalsieger sowie Klub-Weltmeister – wuchs auch das Gefühl, an den Strukturen des deutschen Handballs etwas verändern zu müssen. 750 000 Mitglieder zählt der Verband. „Amateure hoffen, aber Profis arbeiten“, sagt Bob Hanning. 2013 wurde er zum DHB-Vizepräsidenten gewählt. Es gibt im Weltsport kaum eine andere Persönlichkeit, die sowohl auf Vereins- als auch auf Verbandsebene gleichermaßen so viel Durchsetzungskraft hat.

Lange Freundschaft

Bob Hanning ist ein Getriebener, einer der sein Privatleben ganz eng mit seinem beruflichen Leben verwoben hat. Seine Lebenspartnerin Katrin Krabbe, eine ehemalige Leichtathletin, bringe dafür glücklicherweise viel Verständnis auf, hat er einmal gesagt.

Jemand, der weiß, wie sich Hanning Auszeiten vom Handball gönnt, ist Ingo Schiller, Finanzvorstand bei Hertha BSC. Beide Männer verbindet eine langjährige Freundschaft. „Wir kommen ja beide aus Essen. Der Kontakt ist über einen Spieler zustande gekommen“, erinnert sich Schiller. Die beiden Sportfunktionäre gehen gerne gemeinsam essen, verbringen auch schon mal einen Urlaub zusammen.

Tag X

Nach kurzem Überlegen fallen Schiller drei Charakterzüge ein, die er besonders an Hanning schätzt. „Sein hohes Maß an Verlässlichkeit, er kämpft immer für den Erfolg einer Sache, und er verlangt von anderen niemals mehr als von sich selbst.“ Weil die Zeit begrenzt ist, telefonieren sie häufig, „zu manchen Zeiten fast täglich“, wie Schiller sagt. In diesen Tagen dreht sich dabei vieles um die WM. „Bob wirkt an jedem Tag so, als hätte er ein Heimspiel.“ Eine gewisse Aufregung verspürt also auch der Mann, der den Anschein wahrt, dass er stets alles unter voller Kontrolle hat.

Seitdem er als Vizepräsident übernommen hat, konnte er sein Bild als Handballmacher stets verfestigen. Noch im Jahr seiner Wahl entwickelte er − und natürlich kein anderer − zusammen mit dem Weltverbandspräsidenten Hassan Moustafa die Idee dieser aufgeteilten Weltmeisterschaft. „Wir haben eine WM und eine Fokussierung gebraucht. Alles zielte auf Tag X, der am Donnerstag beginnt. Das musste passieren, um die Sportart dort zu positionieren, wo ich sie sehe“, sagt Hanning.

Am Tiefpunkt

Der Weg dorthin war nicht gradlinig. Sportlich war die deutsche Nationalmannschaft am Tiefpunkt. Für die Europameisterschaft 2014 war sie nicht qualifiziert, eine Wildcard ebnete den Weg zur WM 2015. 

Mitstreiter fühlten sich von Hannings Machtstreben brüskiert, Angestellte von seinem Tempo überfordert. Weltmeistertrainer Heiner Brand, dessen Assistent Hanning unter anderem bei Olympia 2000 war, glaubte, eine „sehr narzisstische Persönlichkeitsstörung“ zu erkennen. Bernhard Bauer trat 2015 als DHB-Präsident zurück, weil er das Gefühl hatte, mit Hanning nicht mehr arbeiten zu können. 

Überraschend Europameister 

Hanning hat das alles ausgehalten. Und er konnte Erfolge feiern. 2016 wurde die Nationalmannschaft unter der Marke „Bad Boys“ ziemlich überraschend Europameister und gewann nur wenige Monate später Bronze bei Olympia. Den Mann hinter diesen Erfolgen, Trainer Dagur Sigurdsson, hatte natürlich Hanning bestimmt. Der Isländer war zuvor Trainer seiner Füchse gewesen.

Als Sigurdsson sich verabschiedete, bewegte Hanning alles im Handball Mögliche, um Christian Prokop vom Bundesligaklub SC DHfK Leipzig loszueisen. Prokops erster großer Auftritt bei der EM vor einem Jahr jedoch ging schief, Deutschland belegte Platz neun. Es gab Kritik an Prokops Stil und damit auch an Hannings Personalauswahl. Wie so oft setzte sich Hanning durch, der DHB hielt am Bundestrainer fest. „Wir haben das aufgearbeitet und sind gestärkt aus dieser Sache herausgegangen“, sagt Hanning.
Wirtschaftlich wird die WM ein Erfolg, das steht schon fest. Sportlich „müssen wir jetzt liefern“. Für Deutschlands Handball im Allgemeinen geht es darum, einen neuen Hype auszulösen. Für Hanning im Speziellen sind die kommenden Tage ein entscheidendes Kapitel in seinem Lebenswerk.