Berlin - Am Tag nach dem Abschiedsknall stand Hansi Flick wieder ganz normal auf dem Trainingsplatz. Eingepackt in eine dicke Bayern-Jacke überwachte er das Übungsprogramm der Reservisten. 600 Kilometer entfernt vom Münchner Vereinsgelände hatte Flick am Abend zuvor in der Wolfsburger Fußball-Arena forsch und überfallartig die Notbremse gezogen, nachdem er sein Abschiedsgeschenk an den FC Bayern praktisch eingetütet hatte. Die Münchner Bosse wurden von ihrem Trainer kalt erwischt, das Gros der Mannschaft überrascht.

Der Rekordmeister steht plötzlich unter Druck

Der deutsche Rekordmeister steht plötzlich blank da, er braucht ganz schnell einen Nachfolger und reagierte am Sonntag nicht gerade erfreut über das Vorpreschen des Noch-Trainers. „Der FC Bayern missbilligt die nun erfolgte einseitige Kommunikation durch Hansi Flick und wird die Gespräche wie vereinbart nach dem Spiel in Mainz fortsetzen“, hieß es in er Vereinserklärung. Aber: Flicks Wunsch zu gehen kann der Verein ihm kaum verwehren.

Flicks Trainer-Zukunft dürfte wieder beim DFB liegen. „Der Verein weiß Bescheid, die Mannschaft weiß jetzt auch Bescheid, das war mir wichtig“, sagte Flick in Wolfsburg. Der designierte Bundestrainer wirkte nach Wochen, „die für mich nicht ganz easy waren“, wie von einer Last befreit. Eine längere Schauspielerei rund um seine Zukunft mochte sich der Sechs-Titel-Coach nach der Vorentscheidung im Meisterschaftsduell mit Verfolger RB Leipzig nicht länger zumuten. Er nutzte vielmehr den Erfolgsmoment, um einen für sich sauberen Schlussstrich unter eine aufregende, erfolgreiche, aber auch kraftraubende und nun erstaunlich kurze Bayern-Ära zu ziehen.

Eigentlich sollte erst nach der Englischen Woche kommuniziert werden, was Flick dem Verein nach dem Champions-League-Aus am Dienstag in Paris mitgeteilt hatte. Aber Flick wollte nun doch dem „Flurfunk“ an der Säbener Straße zuvorkommen. Die Spieler sind seine größten Verbündeten - und sie sollen es bis zum Ende bleiben, Und deshalb unterrichtete er also das Team um den Matchwinner und zweifachen Torschützen Jamal Musiala sowie den zum 2:1 erfolgreichen Eric Maxim Choupo-Moting unmittelbar nach dem Abpfiff in der Kabine. „Es ist für uns als Mannschaft sehr traurig und hat auch die meisten Spieler von uns überrascht“, sagte Kapitän Manuel Neuer und betonte: „Wir haben zusammen die erfolgreichste Bayern-Zeit überhaupt ins Leben gerufen.“ Neuer bezeichnete Flick sogar als „besten Trainer der Welt“.

Die Bayern verlieren einen Coach, der bis vor kurzem noch ideal zu passen schien. Nun geht der Blick zum Konkurrenten nach Leipzig, wo in Julian Nagelsmann (33) der logisch erscheinende Nachfolger arbeitet. Nagelsmann lässt sich von der Agentur „Sports360 GmbH“ beraten, die übrigens auch den von Leipzig nach München wechselnden Abwehrspieler Dayot Upamecano zu ihren Klienten zählt, ebenso wie Bayern-Profi Niklas Süle. Andere Nachfolgekandidaten dürften erst ins Spiel kommen, wenn der künftige Vorstandschef Kahn und Salihamidzic den ehrgeizigen Nagelsmann nicht nach München locken können. Eine Millionen-Ablöse dürfte Nagelsmann (Vertrag bis 2023) auch kosten.

Der DFB könnte der Gewinner sein

Ein Gewinner des Wochenendes ist der krisengeschüttelte DFB. Nationalelf-Direktor Bierhoff könnte nun den Löw-Nachfolger bekommen, den er aus gemeinsamen DFB-Jahren bestens kennt und schätzt. Er wäre „verrückt“, den Assistenten von Bundestrainer Löw beim WM-Titelgewinn 2014 als Kandidaten auszuschließen, sagte Bierhoff schon vor Monaten. Der DFB hatte ausgeschlossen, an Trainer mit bestehenden Verträgen heranzutreten. Aber bei Flick sind die Voraussetzungen ab dem Sommer anders.

„Natürlich ist der DFB eine Option, die sich jeder Trainer überlegen muss“, sagte der nun. Zeitdruck besteht nicht, die ersten Flick-Länderspiele gäbe es erst im kommenden September. Flick könnte viele Bayern-Profis wie Neuer, Kimmich, Goretzka, Gnabry, Sané, Süle, Musiala - oder auch Müller - also schon bald wieder trainieren.