Man kann das natürlich so wie die Kollegen der Bild-Zeitung sehen, die nach dem Remis der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen die englische Fußball-Nationalmannschaft zu folgendem Schluss gekommen sind: „Hansi Flick (57) wird zum 1:1-Hansi! Der Bundestrainer bleibt zwar ungeschlagen (acht Siege, drei Unentschieden), schafft es allerdings auch im dritten Anlauf nicht, einen großen Gegner zu schlagen.“ Man kann den Auftritt der deutschen DFB-Auswahl in der Münchner Arena aber natürlich weitaus positiver deuten, vielleicht so: Hansi Flick mag zwar nach dem 1:1 gegen Holland und dem 1:1 gegen Italien auch im dritten Anlauf keinen großen Gegner geschlagen haben, und doch fühlt sich das unter ihm alles anders an als unter seinem Vorgänger Joachim Löw.

Fakt ist: Da sind mehr Energie im Spiel und mehr Freude am Spiel auszumachen. Und da ist auch die Hoffnung, dass die Weltmeisterschaft in Katar für die Nationalelf eine sehr erfolgreiche wird. Und eins noch: Ja, es macht nach Jahren, in denen die Auftritte der DFB-Elf zahllose enttäuschende Fernsehstunden zur Folge hatten, endlich wieder Spaß, den besten deutschen Fußballern beim Fußballspielen zuzusehen.

Die Nations League als Experimentierfeld

Der Unterschied zum EM-Achtelfinale vor gerade mal elf Monaten, als Deutschland unter der Regie von Alt-Bundestrainer Löw in der Auseinandersetzung mit England mitunter plan- und hilflos wirkte und sich schließlich mit einem 0:2 aus dem Turnier verabschiedete, war jedenfalls eklatant. Da war kein Zaudern mehr, sondern ein selbstbewusstes Handeln, dem die Absicht zugrunde lag, die Profis aus der Premier League von der ersten Minute an in Verlegenheiten zu bringen. Und das auf die Gefahr hin, dass sich daraus für die Gäste auch Möglichkeiten für einen Gegenangriff ergeben. Das nahm Flick in Kauf, wohlwissend, dass er mit Manuel Neuer einen letzten Mann in seinen Reihen hat, der noch immer sowohl ein sehr guter Torhüter als auch ein sehr guter Libero ist.

„Wir haben heute ein bisschen gezockt“, gestand der 56 Jahre alte Fußballlehrer dann auch unumwunden ein. Die Spiele in der Nations League sind für ihn ja ohnehin nur dazu da, um mal was auszuprobieren. Um unter Wettbewerbsbedingungen eine Entwicklung voranzutreiben, die natürlich den Gewinn eines wichtigen Titels zum Ziel hat. Und das ist sicherlich nicht der Titel in diesem von der Uefa aufgesetzten Cashcow-Produkt namens Nations League.

Es fehlt ein typischer Torjäger

Insofern zeigte sich der Neu-Bundestrainer nach dem späten Ausgleichstreffer durch einen von Harry Kane sicher verwandelten Elfmeter durchaus zufrieden, sagte: „Wir haben gegen England gespielt. England ist eine große Fußball-Nation. Die Premier League ist die beste Liga der Welt. Daher ist es schon so, dass ich stolz bin über die Art und Weise, wie die Mannschaft Fußball gespielt hat. Wir haben den Gegner unter Druck gesetzt und gezwungen, die Bälle lang zu schlagen. Mir hat es gefallen, wie wir Fußball spielen.“ Wobei diese Einschätzung wohl auch von den 66.000 Zuschauern im Stadion und den neun Millionen Menschen, die bei der Live-Übertragung im ZDF mit dabei waren, geteilt wurde.

Im Detail, das hat die Partie in der Münchner Arena gezeigt, hapert es freilich noch. In Flicks Kader gibt es zum einen keinen, der nur annähernd die Torjägerqualitäten eines Robert Lewandowski, eines Karim Benzema oder die eines Kylian Mbappé mit einbringt. Kai Havertz, der gegen die Three Lions den zentralen Stürmer gab, kann zwar auch Spiele entscheiden, tut dies aber nicht in der Regelmäßigkeit wie die soeben Genannten. Die Qualitäten des 22-Jährigen kommen eher auf der Position eines ungebundenen Rumtreibers zum Tragen.

Zum anderen braucht Flick schleunigst einen Innenverteidiger, der an der Seite des gesetzten Antonio Rüdiger auf Weltklasseniveau agieren kann. Der also beim Positionsspiel und in der Zweikampfführung über 90 Minuten hinweg keinen schwerwiegenden Fehler macht, darüber hinaus das Spiel mit durchaus gewagten Dribblings und Pässen zu eröffnen weiß.

Ein Kandidat dafür ist sicherlich Nico Schlotterbeck, der künftige Dortmunder, der gegen die Engländer zu den auffälligsten Akteuren zählte. Mit guten Aktionen (vor allem im Spiel nach vorne), aber auch mit nicht ganz so guten Aktionen. So verursachte er in der 88. Minute einen Strafstoß an Harry Kane, den ebendieser auch sicher zum Ausgleich verwandeln konnte.

Schlotterbeck liest die Situation falsch

Wobei es bei allem Unverständnis, das Flick und seine Spieler im Nachgang äußerten, letztlich keinen Zweifel daran gab, dass die Entscheidung von Schiedsrichter Carlos del Cerro Grande, der auch noch mal die Zeitlupenbilder zurate gezogen hatte, korrekt war. Schlotterbeck hatte die Situation einfach nicht richtig gelesen, wollte flugs alles korrigieren, stolperte dabei schließlich in Kanes rechte Ferse.

Flick wertete dies in Schlotterbecks Sinn als Fauxpas, aus dem der 22-Jährige bestimmt lernen werde, konzentrierte sich bei der Bewertung von Schlotterbecks Leistung alsbald auf das Positive, sagte: „Er hat gezeigt, dass er eine richtige Verstärkung ist. Die Art und Weise, wie er Fußball spielt, sehr selbstbewusst. Auch wenn ein Fehler passiert, macht er einfach weiter. Das sind die Dinge, die wir brauchen.“ Für die WM, wo aus dem 1:1-Hansi zumindest der 1:0-Hansi werden soll.