Pro:

Peter Shilton ist 71 Jahre alt und besitzt Altersweisheit. Daher mag es viele Fans überraschen, wie der Fußball-Senior nach dem Tod Maradonas sagte, dass der Argentinier nicht mit „Sportsgeist ausgestattet“ gewesen sei. „Niemals hat er gesagt, dass er betrogen hat und dass er sich entschuldigen möchte. Stattdessen benutzte er seinen Ausdruck „Hand Gottes“. Das war nicht richtig. Ein klares Vergehen. Betrug“, erklärte die Torwartlegende von der Insel. Damit hat der Ex-Nationalkeeper in der Sache Recht.

„Shilton hat die moralische Regel „Über Tote soll man nicht schlecht sprechen! nicht befolgt“, brüskieren sich jetzt einige. Es geht um den Respekt für einen Verstorbenen, schließlich kann er sich nicht mehr wehren. Sünden kann er sowieso nicht mehr gutmachen. Ich würde sagen: Shilton hat nicht die Zeitspanne für Pietät eingehalten. Er hätte mit der berechtigten Kritik ein paar Tage warten müssen.

Aber Maradona hat es 34 Jahre lang verpasst, sich für die „Hand Gottes“ zu entschuldigen. Es gab schon andere Dramen im Weltfußball. Doch sie wurden aus dem Weg geräumt. Frank Rijkaard bespuckte bei der WM 1990 Rudi Völler und entschuldigte sich sechs Jahre später dafür in einem Offenen Brief. Beide versöhnten sich. Diese Versöhnung hat der englische Keeper immer herbeigesehnt und vermisst.  Diesen Schmerz trägt Shilton als Leidtragender neben der aufrichtigen Trauer für Maradona, den er bewunderte und das auch deutlich erklärte: „Er war zweifellos der größte Spieler, dem ich je gegenüberstand. Ich hoffe, das Handtor wird Maradonas Vermächtnis nicht beschmutzen.“ Das meint Shilton ehrlich und ist nicht als vergiftete, scheinheilige Sorge zu verstehen.

Kontra:

Glückwunsch an den Kollegen von der „Daily Mail“, der ausgerechnet Peter Shilton als Nachrufschreiber für den verstorbenen Diego Maradona ausgewählt hat. Denn die englische Torhüterlegende, die auch im WM-Spiel 1986 zwischen den Pfosten stand, als Maradona den Ball mit der legendären „Hand Gottes“ ins Tor bugsierte, offenbarte in seinen Erinnerungen an den Argentinier einen so tief sitzenden Frust über dieses freilich irreguläre Tor von vor 34 Jahren, dass sie sich nicht zu schade war, noch mal Kritik am vielleicht besten Fußballspieler der Geschichte zu äußern. Kritik in einem Nachruf!

Statt also die Leistungen des Argentiniers zu ehren und dessen Familienmitgliedern und unzähligen Anhängern Trost zu spenden, fantasierte Shilton von sich selbst als vermeintlichem Friedensengel („Ich hätte ihm die Hand geschüttelt, wenn er sich hätte entschuldigen wollen“) und seiner Enttäuschung darüber, dass sich Maradona – was für ein Affront! – eben nie bei ihm entschuldigt habe. Als ob es beim Tod des Mittelfeldspielers, der weltweit Abertausende Menschen zu Tränen rührte, in irgendeiner Form um die verletzte Ehre Peter Shiltons ginge. Ein freilich streitbarer Mensch ist gestorben, der in seinem Leben so viele Fehler gemacht hat, dass seine „Hand Gottes“ der vielleicht noch harmloseste war. Aber auch einer, das zeigen die Bilder aus Buenos Aires und Neapel nach Maradonas Tod, der unzähligen Menschen Freude, Hoffnung und Glück gegeben hat.

Die Kritik Shiltons ist, vor allem zu diesem unsäglichen Zeitpunkt, pietät- und ganz besonders respektlos. Wenn dem englischen Torhüter der Sportsgeist offenkundig so wichtig wäre, hätte er geschwiegen – und Maradona vergeben.