Hauptstadtfußball: Offensive aus dem Berliner Süden

Berlin - Die Fußballer von Viktoria 89 sind derzeit in aller Munde – zumindest in Berlin. Davon träumte vor allem Vereinspräsident Christoph Schulte-Kaubrügger, der die Vision besitzt, den Traditionsklub wieder im Profifußball zu etablieren. Eine Fusion mit dem ebenfalls geschichtsträchtigen Lichterfelder FC soll diese Entwicklung nun beschleunigen. Ein Blick zurück lohnt, um die aktuellen Ereignisse besser einordnen zu können.

Es ist beinahe 53 Jahre her, als Viktoria 89 zuletzt für überregionales Aufsehen sorgte. Den deutschen Meister von 1894, 1908 und 1911 belasteten erhebliche finanzielle Probleme, und der Vorstand kam auf die verrückte Idee, mit Hilfe des noch immer guten Namens des Vereins frisches Geld zu akquirieren. So konnte im August 1960 das ruhmreiche Real Madrid, das gerade erneut den Europapokal der Landesmeister gewonnen hatte, zu einem Freundschaftsspiel ins Berliner Olympiastadion gelockt werden.

Tiefer Absturz

Da sich Viktoria aber sportlich nicht stark genug fühlte, wurden zusätzlich fünf Spieler von Hertha BSC für dieses Duell verpflichtet. Real kam mit allen Stars wie José Santamaria, Ferenc Puskas und Alfredo di Stefano und kassierte 100.000 DM Gage. Aber am Ende – so heißt es in alten Chroniken – erwirtschaftete Viktoria nach der knappen 0:1-Niederlage vor 55.833 Zuschauern noch einen Gewinn von 40.000 DM. Den sportlichen und finanziellen Niedergang konnte diese kuriose Aktion aber nicht aufhalten.

Mit Gründung der Bundesliga 1963, wo Berlin zu Beginn von Hertha BSC vertreten wurde, fiel der Verein aus Tempelhof immer mehr in die Bedeutungslosigkeit. Viel später fand man sich gar in der Kreisliga A (1984) oder der Landesliga (1992) wieder. Erst vor sieben, acht Jahren ging es langsam bergauf und über die Verbandsliga bis hoch in die fünftklassige Oberliga. Dort, in der NOFV-Oberliga Nord, führt Viktoria derzeit die Tabelle an und strebt vehement in die Regionalliga. Auf Platz acht in der gleichen Spielklasse steht der Lichterfelder FC. Auf Dauer aber wollen beide Vereine schneller nach oben kommen.

Also gaben sie unlängst bekannt, dass sie nach intensiven Vorgesprächen eine Fusion anstreben und schon in der kommenden Saison 2013/2014 als neuer Großverein aus dem Süden Berlins antreten wollen. „Ein sehr ehrgeiziges und spannendes Projekt“, nennt die aufwendige Aktion Bernd Schultz, der Präsident des Berliner Fußballverbandes (BFV).

„Zwei Clubs. Eine Zukunft“, überschreiben die beiden Partner ihre kühnen Pläne. Ulrich Brüggemann, Präsident des LFC, sagt: „Wir glauben an das Potenzial des neuen Vereins. Schließlich ergänzen sich beide Clubs perfekt.“ Der LFC habe die größte Jugendabteilung im deutschen Fußball mit 48 Nachwuchsteams, eine starke Infrastruktur und das moderne Stadion Lichterfelde mit seinen 4 300 Plätzen zu bieten. Viktoria dagegen ist der zweitälteste Fußballklub Deutschlands nach dem BFC Germania 88 (heute Kreisliga B), besitzt einen zugkräftigen Namen, der Sponsoren anlockt und eine spielstarke Oberligamannschaft. Viktoria würde rund 500 Mitglieder einbringen, Lichterfelde 1200. Auf Dauer, so hoffen die beiden Präsidenten, soll ihr neuer Verein die dritte Kraft im Berliner Fußball werden – hinter Hertha BSC und dem 1. FC Union Berlin.

Das Ziel ist die Dritte Liga

Das hatten in der Vergangenheit schon einige Vereine vor, etwa Blau-Weiß 90, Tasmania 1900, Tennis Borussia, Türkiyemspor oder der Berliner AK. Viele sind kläglich gescheitert. Der BAK aber spielt in der Regionalliga und ist im Moment im Berliner Ranking auf Platz drei – lockt aber nur wenige Zuschauer an.

„Da möchten sich zwei wirtschaftlich gesunde Vereine zusammentun“, sagt Berlins Fußball-Präsident Schultz, „das sind nicht zwei Fußkranke, die plötzlich ein Rennpferd sein wollen.“

Viktorias Präsident Schulte-Kaubrügger, von Beruf Anwalt und Insolvenzverwalter, ist seit 2008 im Amt. Er sagt: „Wir werben offensiv unter unserer Mitgliedschaft. Die Stimmung ist sehr, sehr positiv.“ Entscheidend wird ohnehin das Votum der Mitglieder beider Vereine sein. Jeweils eine Dreiviertel-Mehrheit ist für einen Zusammenschluss notwendig. Geht es nach Viktorias Chef soll die erste Männermannschaft einmal in der Dritten Liga, also im Profifußball, ankommen.

Sein kongenialer Partner vom LFC, Ulrich Brüggemann, von Beruf Richter und seit 2010 im Amt, sieht die spannende Geschichte ähnlich: „Ich bin überzeugt, dass unsere Mitglieder den neuen Verein möchten. Natürlich gibt es aber auch Ängste und Vorbehalte.“ Fragen nach dem Verlust des Logos, der Vereinsfarben oder auch vakanten Trainerstellen tauchen auf. Brüggemann will die „Symbiose zwischen Leistungssport und Breitensport“ unbedingt erhalten.

Über den Namen des künftigen Großklubs ist man sich bereits einig: „FC Viktoria 1889 Berlin Lichterfelde-Tempelhof“. Dieses sperrige Wortungetüm wird sich im Alltag wohl auf die Kurzform „FC Viktoria 89 Berlin“ reduzieren. Die erste Mannschaft soll im Stadion Lichterfelde am Ostpreußendamm spielen, aber auch das nicht regionalligataugliche Friedrich-Ebert-Stadion an der Bosestraße in Tempelhof soll als Standort erhalten bleiben, vor allem für den starken Nachwuchs. Von negativen Beispielen aus der Vergangenheit wollen sich die beiden Vereine nicht abschrecken lassen, denn geplante Fusionen sind nicht neu im Berliner Fußball.

1958/59 verhandelten sogar die Bosse der Erzrivalen Hertha BSC und Tennis Borussia über einen Zusammenschluss. Damals fiel das Votum eindeutig aus: Mit 263:3 Stimmen lehnten die Hertha-Mitglieder die Elefanten-Hochzeit ab. Zu unterschiedlich waren Geschichte und soziale Struktur der Vereine. Noch einmal, 1986, als Hertha und TeBe gar ins Amateurlager abgerutscht waren, wurde über einen neuen 1. FC Berlin philosophiert – von Blau-Weiß 90, dem SC Charlottenburg, Hertha und Tennis Borussia. Später hieß es, es sei „heftig und ohne Ergebnis diskutiert worden“. Das sieht derzeit bei Viktoria und Lichterfelde ganz anders aus. Schulte-Kaubrügger verkündet: „Beide Partner liegen voll auf einer Wellenlänge!“