Hayley Wickenheiser setzt sich nicht nur gegen diese finnischen Verteidigerinnen durch.
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BerlinGemessen an ihren Kindheitsträumen ist Hayley Wickenheiser komplett gescheitert. Den Stanley Cup gewinnen wollte sie mit den Edmonton Oilers, ihrem Lieblingsteam aus der National Hockey League (NHL), und Medizin studieren in Harvard. Gemessen an dem, was realistisch ist, muss sich die Kanadierin jedoch nicht beklagen. Im vergangenen Jahr wurde sie in die Hall Of Fame des Eishockey aufgenommen, sie gewann vier olympische Goldmedaillen, einmal Silber, und Medizin studiert Wickenheiser nun, mit 41 Jahren, in Calgary.

Es hat ein bisschen gedauert, sie hatte viel zu tun, zum Beispiel 23 Jahre lang für das kanadische Eishockeyteam der Frauen zu spielen. Und da sie schon immer eine Spezialistin für Multitasking war, arbeitet sie neben dem Studium noch als Assistenzdirektorin für Spielerentwicklung beim NHL-Klub Toronto Maple Leafs und ist seit 2014 Mitglied der Athletenkommission im Internationalen Olympischen Komitee (IOC). In dieser Funktion sprach sie sich zuletzt früh und entschieden für eine Absage der Olympischen Spiele in diesem Jahr in Tokio aus und trug wesentlich dazu bei, dass Kanada sein Fernbleiben ankündigte und damit den Entscheidungsfindungsprozess im IOC beschleunigte.

Wickenheiser konnte nichts vom Eishockey abbringen

Drei oder vier Jahre war Hayley Wickenheiser alt, als sie ihre Begeisterung für das Eishockey entdeckte und im Winter mit ihren Geschwistern auf einer vom Vater angelegten Fläche hinter dem Haus spielte. Das war in Shaunavon, einem kleinen Ort in einer Farmgegend in Saskatchewan. Die Eltern, beide Sportlehrer, versuchten, dem athletisch begabten Kind das Eishockey auszureden, weil sie in den Achtzigerjahren dort keine Perspektive für ein Mädchen sahen. Die Eiskunstlaufschlittschuhe flogen jedoch in die Ecke, und auch Volleyball, Basketball oder Softball, worin sie so gut war, dass sie bei den Sommerspielen 2000 in Sydney als beste Batterin des kanadischen Teams glänzte, konnten sie nicht vom Eishockey abbringen.

Und siehe da, die Zeiten änderten sich. 1990 gab es die erste Weltmeisterschaft für Frauen, und als Wickenheiser vier Jahre später als 15-Jährige ihr Debüt im Nationalteam gab, war die Perspektive plötzlich da. 1998 in Nagano wurde Eishockey auch für Frauen olympisch, und die Nationalspielerinnen verdienten sogar Geld. Knapp 2 000 Dollar monatlich gab es vom Verband.

Als Kind hatte Wickenheiser wie viele ihrer Teamkolleginnen meist mit Jungen gespielt, und bis die körperlichen Unterschiede zu groß wurden, konnte sie hervorragend mithalten. So hervorragend, dass sie mit 13 Jahren bei den kanadischen U18-Meisterschaften zum Most Valuable Player des Finales gewählt wurde, nachdem sie Alberta zum Sieg geführt hatte. Den männlichen Konkurrenten gefiel das weniger, eine der häufigsten Anfeuerungen, die sie von gegnerischen Coaches hörte, sei gewesen: Ihr wollt doch nicht gegen ein Mädchen verlieren!

Intensive Rivalität mit den USA

Kurz vorher war die Familie nach Calgary gezogen, wo es ein Mädchenteam gab. Der gewaltlose Ansatz im Frauen-Eishockey mit seinem Bodycheck-Verbot kam ihrer Spielweise entgegen, auch wenn sie physisch stark war und keinem Kampf aus dem Weg ging. Ihren technisch eleganten Stil hatte sie am Idol Wayne Gretzky geschult, ebenso ihren harten Slapshot, von dem die kanadische Teamkollegin Danielle Goyette bewundernd sagte: „Nie zuvor hat es im Frauen-Eishockey einen solchen Schuss gegeben.“ Wenn Wickenheiser in Nagano aufs Eis lief, wirkten die anderen Spielerinnen kleiner. Nicht wegen ihrer Körpergröße, mit 1,75 Meter war sie keineswegs die längste Spielerin im Team, sondern wegen ihrer Athletik, Präsenz und Dominanz.

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Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen. 

Während beim olympischen Debüt einige Teams noch den üblichen Vorbehalten und Vorurteilen Nahrung gaben, spielten die USA und Kanada auf hohem Niveau. „Es gibt große Finesse und fundamentale Dinge des Spiels zu sehen, drum lieben es viele Puristen“, sagte US-Kapitänin Cammi Granato. Hayley Wickenheiser, schon da die Wortführerin im kanadischen Team, drückte die Unterschiede etwas handfester aus: „Wir spielen besser Eishockey, aber die Männer trennen dich vom Puck, indem sie dich einfach umhauen.“

Es gab eine intensive Rivalität zwischen den beiden besten Teams, auch wenn Kanadas Coach Shannon Miller meinte: „Hass wäre ein zu starkes Wort.“ Bei den Weltmeisterschaften zuvor, die Kanada gewann, hatte der erfindungsreiche US-Coach Ben Smith seine deprimierten Spielerinnen nach dem Finale vor die Kabinentür der Gegnerinnen gescheucht, wo sie sich deren Jubelgesänge anhören mussten. Offenbar wirkte die Medizin, die USA gewannen das Endspiel in Nagano mit 3:1 Toren, eine bittere Erfahrung für Hayley Wickenheiser.

Eine Legende in Kanada

Sie wusste sich zu revanchieren, vor allem vier Jahre später beim olympischen Turnier in Salt Lake City. Da führte die Trainerin Daniele Sauvageau, im Hauptberuf Drogenfahnderin in Montreal, das Team zum ersten Olympiasieg. Auf Weisung von Coach Smith hatten die USA die Fahne Kanadas als Bodenbelag in ihrer Kabine. Nach der Schlusssirene des Finales fuhr Wickenheiser an der gegnerischen Bank vorbei und fragte, ob die Kanadierinnen die Flagge vielleicht signieren sollten. Es blieb der befriedigendste Erfolg ihrer Karriere, trotz des Triumphes 2010 in Vancouver, der mit einem Skandal endete. Nach der Siegerehrung waren Wickenheiser und ihre Kolleginnen mit reichlich alkoholischen Getränken aufs Eis zurückkehrt, um zu feiern. Dafür handelten sie sich eine heftige Rüge vom IOC ein, das während dieser Spiele ohnehin seine Probleme mit der Trinkfreudigkeit der olympiaberauschten Kanadier hatte.

50 Scorerpunkte hat Wickenheiser bei Olympia geholt, obwohl sie beim Sieg 2006 in Turin mit einem angebrochenen Ellenbogen spielte und beim letzten Triumph in Sotschi 2014 mit gebrochene Fuß. Nur beim Softballturnier in Sydney 2000 verpasste sie eine Medaille, da wurde Kanada mit nur einem Sieg abgeschlagen Letzter.

Schon früh war Hayley Wickenheiser eine Legende in Kanada. Ob denn die Eissprinterin Catriona LeMay Doan in der Heimat populärer sei als sie, fragte nach deren Gold in Nagano über 500 Meter ein ahnungsloser europäischer Journalist die schon damals beste Eishockeyspielerin der Welt. „Das glaube ich nicht“, antwortete diese lächelnd. Maßlos untertrieben, sagte ein kanadischer Kollege, Wickenheiser sei   viel berühmter. Internationale Schlagzeilen machte sie, als sie 2002 als erste Eishockeyfeldspielerin einen Profivertrag bei einem Männerteam bekam. Wickenheiser trug beim finnischen Drittligisten HC Salamat unter anderem mit einem Tor und sechs Assists in den Play-offs zum Aufstieg in Liga zwei bei. Dort verabschiedete sie sich angesichts der robusteren Gangart nach zehn Partien, absolvierte 2008 aber noch 21 Matches beim schwedischen Drittliga-Team Linden HC. „Auf diese Erfahrung bin ich stolz“, sagt sie, „ich wollte sehen, wie weit ich kommen und wie hoch ich spielen kann.“

Schwerer Stand in der Heimat

Den Schlussstrich unter ihre persönliche Rivalität mit den USA zog Wickenheiser 2016 bei der Heim-WM in Kamloops, British Columbia mit einer 0:1-Niederlage nach Verlängerung, aber einer positiven Bilanz. Von 13 WM-Endspielen gegen die USA gewann sie sieben, in 276 offiziellen Länderspielen gelangen ihr 168 Tore und 211 Assists. Ein Jahr später beendete sie auch ihre Klubkarriere bei Calgary Inferno in der Canadian Women’s Hockey League, um sich endlich ihrem Medizinstudium zu widmen.

Ein paar Tage im Monat gehören aber auch den Toronto Maple Leafs, bei denen sie sich vor allem um die Nachwuchsleute in den Farmteams kümmert. „Ich denke nicht, dass die jungen Spieler viel über mich wissen“, sagt sie, doch da könnte sie sich täuschen. Bei den NHL-Cracks jedenfalls genieße sie großen Respekt, meint Generalmanager Kyle Dubas. Mit einem Job bei den Maple Leafs und nach wie vor den Edmonton Oilers als Lieblingsteam hat Hayley Wickenheiser eher einen schweren Stand in ihrer Heimatstadt. Denn dort geht eigentlich nichts über die Calgary Flames.