Heike Drechsler und Heike Henkel: Ost- und West-Finals als Schülerinnen

„Jugend trainiert für Olympia“, der größte Schulsportwettbewerb der Welt, wird 50. Am Montag wird das Jubiläum im Berliner Olympiastadion gefeiert. Die Entstehung war hoch politisch, orientierte sich an der DDR-Spartakiade. Die Olympiasiegerinnen Heike Drechsler (Ost) und Heike Henkel (West) erinnern sich an ihre Finalauftritte als Schülerinnen in Berlin.

Wissen Sie noch, in welchem Jahr Sie es ins Finale von „Jugend trainiert für Olympia“ beziehungsweise der Jugendspartakiade geschafft haben?
Heike Drechsler: Das war 1979, die große Spartakiade. Ich war damals auf der Kinder- und Jugensportschule Gera. Zuvor war ich für meinen Verein Wismut Gera schon bei der Kreisspartakiade. Ich weiß noch, dass wir für Berlin mit einem hellblauen Trainingsanzug ausgestattet worden sind, auf dem Gera draufstand. Darauf war ich total stolz. Da waren Leichtathleten, Radsportler, Schwimmer – alle aus Gera mit diesem hellblauen Anzug. Für uns war diese Gesamtspartakiade ein Highlight, wie kleine Olympische Spiele. Ich war unheimlich aufgeregt, mit meinen Freundinnen zusammen dort zu sein, und natürlich waren wir alle stolz. Ich war damals 14 Jahre alt.

Heike Henkel: Das muss 1978 gewesen sein. Ich war auf dem Hans-Geiger-Gymnasium in Kiel, siebte Klasse. Ich wollte ja eigentlich Turnerin werden, Akrobatin. Durch „Jugend trainiert für Olympia“ bin ich zur Leichtathletik gekommen, denn der Turnlehrer war auch für die Leichtathleten zuständig und hat mich dahin geführt. Bei meiner Größe war ja zu erwarten, dass es mit dem Turnen nichts werden würde. Bei der ersten Probestunde stand da eine Hochsprunganlage. Ich kannte das nicht, wusste nicht, dass Hochspurng eine Leichtathletik-Disziplin ist. Es hat mir gefallen, weil es ein bisschen akrobatisch war. Es sah bei mir vielleicht nicht elegant aus, aber ich konnte mir vorstellen, dass es elegant aussehen kann. Und ich wollte wissen: Wie hoch geht die Latte?

Wie haben Sie damals in Berlin abgeschnitten?
Heike Drechsler: Ich bin ja dreifache Spartakiade-Siegerin geworden: im Mehrkampf, Hoch- und Weitsprung. 5,95 Meter waren persönliche Bestleistung, meine Freundin war damals sehr traurig, denn sie war normalerweise besser als ich. Im Hochsprung habe ich 1,80 Meter geschafft. Das war für die Zeit schon stark. Die Punktzahl vom Fünfkampf weiß ich nicht genau, 4 001 oder so. Es war eine ziemliche Konkurrenz mit Sybille Thiele aus Berlin. Ich habe Wettkämpfe geliebt. Es war eine tolle Erfahrung, denn der Spaß war im Vordergrund.

Heike Henkel: Beim allersten Mal im Training bin ich 1,38 Meter hoch gesprungen, mit Turnschuhen auf Hallenboden. In Berlin im Regen waren es 1,57 Meter. Ich habe keine Ahnung, ob ich damals gewonnen habe. Ich war stolz auf die Bestleistung im Regen. Das war unerwartet und toll.

Welche Erinnerungen haben Sie an damals? Vermutlich war schon allein die Reise nach Berlin etwas Besonderes für Sie.
Heike Drechsler: Berlin war natürlich eine Großstadt. Wir sind mit dem Bus hingefahren, haben in einer Schule übernachtet, in einem Klassenraum auf Liegen. Natürlich waren Mädchen und Jungs getrennt. Wir haben jeden Tag Verpflegungsbeutel bekommen. Ich weiß, dass wir selbstständig zu den Wettkampfstätten gereist sind, dass wir mit der U-Bahn gefahren sind. Meine Freundinnen und ich fanden das total spannend. Heinz Florian Oertel hat nach meinen Siegen ein Radiointerview mit mir gemacht. Das haben wir abends dann in den Betten gehört, wir hatten ein kleines Taschenradio mit. Da habe ich mich zum ersten Mal im Interview gehört. Wir haben uns halb totgelacht.

Heike Henkel: Ja, klar. Bis dahin war ich nur in Kiel unterwegs, Schleswig-Holstein maximal. Damals ist man eher geflogen als mit dem Bus gefahren. Das war ein weiterer Reiz für mich. Ein dritter war, dass ich mit älteren Schulkameradinnen in der Mannschaft wegfahren durfte. Wir sind von Kiel aus mit dem Bus nach Hamburg gefahren und von dort mit dem Flugzeug nach West-Berlin. Es war mein erster Flug. In Berlin war ich zum ersten Mal bei McDonalds, das gab’s ja in Deutschland damals nicht so häufig. Wir haben in der Jugendherberge übernachtet. Wir waren in der Disco. So eine Großstadt hatte ich vorher noch nicht gesehen.

In welchem Stadion haben Ihre Wettkämpfe stattgefunden?
Heike Drechsler: Das war im Ludwig-Jahn-Sportpark. Das Stadion lag ja genau an der Grenze. Ich habe vom Stadion aus die Posten gesehen, die da standen, die Türme, auf denen die Kontrolleure mit ihren Ferngläsern Wache hielten. Es war ein besonderes Stadion, ein sehr schönes. Man war nicht weit weg von den Zuschauern, sondern hautnah. Die Weitsprunggrube ist dicht am Publikum.

Heike Henkel: Im Olympiastadion. Das war ein Riesenstadion, total leer, aber beeindruckend. Das habe ich wohl im Unterbewusstsein wahrgenommen und wollte mehr, wollte das öfter erleben. Vielleicht auch mal mit Publikum. Damals gab es noch kein Dach, die Bahn war nicht blau. Das Stadion war im ursprünglichen Zustand. Ich weiß nicht, ob man nach 1936 überhaupt irgendwas verändert hatte. Es sah jedenfalls so aus wie 1936.

Wie war der Empfang in der Schule danach?
Heike Drechsler: In der Schule haben sie keinen großen Firlefanz gemacht. Ich hatte ja am Anfang des Schuljahres meinen Leistungsauftrag. Da war natürlich Ziel, bei der Spartakiade gut zu sein. Wir hatten Weiten als Ziele. Mit dem Publikum und den ganzen Bedingungen bin ich über mich hinausgeflogen. Das tat mir gut. Ich war stolz wie Bolle. Mein Selbstbewusstsein war in diesem Alter noch nicht so ausgeprägt. Danach war ich im Team nicht mehr so unsichtbar, man hat mich ein bisschen mehr wahrgenommen.

Heike Henkel: Das interessierte kein Schwein. Dafür wurde aber auch nicht gesorgt. Es ist ja heute noch so. Ich finde es immer schade, dass die anderen Schüler zu solchen Veranstaltungen nicht eingeladen werden als Zuschauer. Das ist ja in den USA ganz anders organisiert. Mein Englischlehrer sagte: „Ja, wenn du mal im Englischen so toll wärst wie im Hochsprung“ – solche Sprüche.

Wussten Sie, dass es im anderen Teil Deutschlands einen ähnlichen Wettbewerb gab?
Heike Drechsler: Da war die Mauer natürlich ziemlich hoch. Wir wussten wenig aus dem Westen, sie wenig aus dem Osten. Es waren zwei unterschiedliche Systeme, und der Sport hatte sicher in den alten Bundesländern eine andere Bedeutung.

Heike Henkel: Nee, da hat man sich überhaupt nicht mit beschäftigt. Das habe ich erst später mitbekommen, dass es die Spartakiade gab. Ich wusste aber nicht genau, was das ist.

Haben Sie heute noch irgendwie Berührung mit „Jugend trainiert für Olympia & Paralympics“?
Heike Drechsler: Wie die Entwicklung verlaufen ist, darüber bin ich fast ein bisschen traurig. Ich war vor ein paar Jahren in Jena eingeladen, um Kampfrichter und Schüler zu unterstützen. Mir ist aufgefallen, dass manche null Ahnung hatten, nicht wussten, dass zum Weitsprung ein Anlauf gehört. So war das Niveau. Es gab auch Lehrer, die ihre Schüler super vorbereitet hatten. Vielleicht muss man „Jugend trainiert“ in Zukunft verändern, mehr Marketing machen. Und manche Schulleiter müssen den Wettbewerb mehr wertschätzen.

Heike Henkel: Unsere Tochter ist im 100-Meter-Hürdenkader. Sie macht auch Mehrkampf. Sie ist mit ihrer Schule aus Leverkusen jetzt zum ersten Mal beim Finale dabei. Bei uns war damals der Turnlehrer auch für „Jugend trainiert“ zuständig. Nach der Ganztagsschule hat er die Schüler in seinem kleinen Alfa Romeo eingesammelt und zum Vereinstraining gefahren. Es war wirklich ein sehr, sehr großes Engagement. Wenn man heute so ein Engagement nicht hat, wenn die Schule das nicht unterstützt, findet sportlicher Wettkampf leider nicht statt.