Heidi Schwonke steht in der ersten Reihe. Sie singt, sie sieht glücklich aus. Sie trägt ein Hertha-Halstuch zu einem Hertha-Schal, und immer wieder, von diesem Ort berührt, blickt sie zu ihm, ohne dass er es gleich bemerkt. Und immer wieder, von diesem Moment ergriffen, blickt er zu ihr, ohne dass sie es gleich bemerkt. Als ihre Augen sich schließlich begegnen, treffen sich auch ihre Hände. „Wenn du mich haben willst“, hat Heidi Schwonke zu ihm gesagt, „dann nur hier.“ Gerd Chemnitzer will. Will sie. Will das hier.
In einer Minute beginnt ihre Ehe. In einer halben Stunde beginnt das Spiel.

Blattgold in der Stadion-Kapelle

Die Kapelle im vierten Untergeschoss des Berliner Olympiastadions liegt auf halber Strecke zwischen Kabine und Rasen. Die Spieler könnten nach einer Rolltreppenfahrt und kurz vor der Mixed Zone rechts durch eine Tür treten und würden dann am Eingang lesen: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ Matthäus-Evangelium.
Wer das in einem Stadion liest, darf an Fußball denken. In etwa so: Ach, die arme Fußballseele, bereits beschädigt, bald zum Ausverkauf freigegeben.
An der Kapellendecke hängen gedimmte Leuchten wie Sterne am Himmel. Die Wände sind mit Blattgold verkleidet, Bibelverse in mehreren Sprachen verlaufen im Oval – der Raum hat die Stadionform. Hinten steht eine Orgel, vorne ein Altar aus blank poliertem Beton, daneben das Taufbecken, drei Kerzen brennen, etwa fünfzig Menschen haben Platz genommen.

Und davor also das Brautpaar: Heidi Schwonke, 46, Verwaltungsangestellte, Fan von Hertha BSC, und Gerd Chemnitzer, 48, Berufskraftfahrer, Fan des VfB Stuttgart. Der Pfarrer sagt, dass sie bei allen Unterschieden immer auf das vertrauen sollen, was sie verbindet.

Die Kathedralen des Sports

Es gibt nur wenige Stadionkapellen auf der Welt. In Berlin finden seit elf Jahren ökumenische Gottesdienste statt, und die Verkündung hat stets einen sportlichen Kontext. Alle zwei Wochen werden hier Gebete für die Gesundheit der Spieler gesprochen, für das taktische Geschick der Trainer, die Sicherheit aller Zuschauer. Dass jemand wie am vergangenen Sonnabend unmittelbar vor einem Bundesligaspiel heiratet, dem letzten der Saison, ist eine Ausnahme. Heidi Schwonke hat diesen Termin mit einem Jahr Vorlauf gewählt.
Man weiß noch nicht viel über die neue Fußballarena, die Hertha in acht Jahren beziehen will. Entweder im Brandenburgpark bei Ludwigsfelde oder im Olympiapark. Und seit ein paar Tagen weiß man nicht einmal, ob die neue Spielstätte nicht die alte sein wird.

Es soll ja plötzlich eine dritte Alternative geben. Es soll einer neuen Studie zufolge doch möglich sein, das Olympiastadion so zu gestalten, wie der Verein es sich vorstellt: steil, nah, laut. Mit einem erneut abgesenkten Spielfeld. Ohne die Distanz schaffende und Fußballstimmung killende Laufbahn. Aber wer will das eigentlich – außer der Hertha BSC GmbH & Co. KGaA, die ein  kommerzielles Interesse verfolgt, und einem Berliner Senat, der  wieder mal fürchtet, den Hauptmieter des Olympiastadions zu verlieren?

Ehrentribüne zwei Stockwerke über der Kapelle

Der Verein hat zu lange zu schlecht gewirtschaftet, um sich früher den Traum vom Eigenheim zu erfüllen. Und die Politik hat es in den vergangenen Jahrzehnten versäumt, den gesamten Olympiapark in einen urbanen Raum zu verwandeln, der beides kann: erinnern und unterhalten. Der Vorschlag aus den 90er-Jahren, mit Hilfe eines Investors einen Vergnügungspark mit angeschlossenem Einkaufszentrum auf dem Gelände zu errichten, ist zum Glück niemals realisiert worden.  
Doch egal, was und wo gebaut oder umgebaut werde sollte, fest steht immerhin, dass Herthas Stadion auch in Zukunft Platz haben wird für eine Kapelle. Werner Gegenbauer hat das zugesichert.
Der Klubpräsident kommt ja manchmal selbst hier runter, bevor er wieder hochgeht zu seinem Platz auf der Ehrentribüne, die genau zwei Stockwerke über der Kapelle liegt. Diese Bedeutungsachse war so gewollt, als das Olympiastadion modernisiert wurde für die Fußballweltmeisterschaft 2006 im Sommermärchenland – und für einen Fußballklub, der auf mehr Logen bestand, die blaue Laufbahn haben wollte. Wo früher eine mörderische Staatsdoktrin gepredigt wurde, sollte ein Ort der Stille, der Andacht, des Lebens geschaffen werden. Die Kapelle ist ein fester Bestandteil jeder Stadiontour.

Bestimmte Rasenstücke sind angeblich heilig

An Spieltagen kommen die Menschen von Volunteers begleitet hier runter, um innezuhalten, bevor sie ihre Gefühle kollektiv nach außen kehren: Schulklassen, Priesterseminare, Spielereltern, Klubpräsidenten, verletzte Profis, christliche Fanclubs – die Gemeinde. Ein modernes Stadion trennt in Blöcke, unterscheidet zwischen Fans und Besuchern, zwischen wichtig und weniger wichtig. Eine Kapelle vereint, macht alle gleich.
Ein Hochzeitsgast in der dritten Reihe, laut Trikot heißt er Marcel, Rückennummer 62, legt das Gesangsbuch zur Seite und sagt: „Dit ist ja wie in der Ostkurve hier.“ Dann bekreuzigt er sich. „So, und jetze Heimsieg, bitte.“ Heidi Schwonke und Gerd Chemnitzer dürfen sich küssen.

Stadien werden als Kathedralen des Sports bezeichnet. Bestimmte Rasenstücke sind angeblich heilig. Das Wort Fan stammt aus dem Lateinischen, und fanaticus bedeutet: von einer Gottheit in Entzückung, in Ekstase versetzt. Und: Soll nicht Gott mal selbst ein Handtor erzielt haben?
Der populärste Sport der Welt ist trotzdem keine anerkannte Weltreligion. Es fehlt ihm mindestens der transzendentale Bezug. Das Glaubensbekenntnis des Profifußballs besteht nur aus zwei Teilen: Leistung optimieren, Gewinn maximieren.