Berlin - Es gelte, einen neuen Reiz zu setzen. Das hatte Urs Fischer, der Trainer des 1. FC Union, Mitte der Woche im Hinblick auf die ausstehenden Spiele in der Saison 2020/21 gesagt und endlich mal von Europa gesprochen, also von einer möglichen Qualifikation für die Uefa Conference League oder eben vielleicht sogar für die Europa League. Endlich, weil das Unser-Ziel-ist-der-Klassenerhalt-Blabla seit geraumer Zeit doch eher unglaubwürdig wirkte. Und wie es aussieht, anders lässt sich der Auftritt beim 2:1 (2:0) gegen den VfB Stuttgart jedenfalls nicht deuten, wollen die Eisernen unbedingt nach Europa. 

Zwingend war nämlich dieser Auftritt, voller Leidenschaft, und mal abgesehen von ein paar Nachlässigkeiten in der zweiten Hälfte genau so, wie es dem Schweizer Fußballlehrer gefällt. Nach dem zehnten Saisonsieg, der die Punkte 41, 42 und 43 brachte, geht es schon am Mittwoch gegen einen direkten Konkurrenten um Europa, nämlich im Westfalenstadion gegen Borussia Dortmund. „Ich glaube, man muss sich tatsächlich neue Ziele setzen. Und die Motivation ist absolut da. Wir wissen allerdings auch, dass wir noch schwierige Spiele vor uns haben. Jetzt geht es halt ans Eingemachte“, sagte Union-Kapitän Christopher Trimmel unmittelbar nach der Partie.

Gegen die Stuttgarter, die als Aufsteiger bis dato eine zumindest aus sportlicher Sicht erstaunlich sorgenfreie Runde gespielt haben, setzte Fischer in der Abwehr wieder auf eine Dreierkette, was auch für die anderen Mannschaftsteile eine Veränderung in der Grundordnung zur Folge hatte. In einem Fünfer-Mittelfeld besetzten Christopher Lenz und Trimmel die Außen, in der Zentrale brachten sich Robert Andrich, Grischa Prömel und Christian Gentner ein. Und vorne durfte Petar Musa wieder an der Seite von Max Kruse ran. Im Gegensatz zur Vorwoche mussten Keita Endo und Marius Bülter deshalb zunächst mit einem Platz auf der Ersatzbank vorliebnehmen. 

Maskenmann Trimmel ist nicht zu stoppen

Dass Trimmel mit von der Partie sein konnte, war allerdings keine Selbstverständlichkeit. Die Nase hatte sich der Österreicher beim 1:1 in München gebrochen, war daraufhin flugs operiert worden und kreuzte am Sonnabendnachmittag in der Alten Försterei schließlich mit einer doch ziemlich großen Schutzmaske auf. Ein Handicap? Von wegen, wie sich gleich zu Beginn in ein paar Zweikämpfen, vor allen Dingen aber in der 18., in der 20. und in der 43. Minute zeigte. 

Zunächst klärte Trimmel im eigenen Strafraum mit der Hacke gekonnt zur Ecke, um 120 Sekunden später nach einem mächtigen Spurt auf der anderen Seite des Spielfelds als Flankengeber in Erscheinung zu treten. Gentner hatte ihn auf die Reise geschickt, Trimmel das Potenzial hinter diesem langen Pass sofort erkannt. Gefühlvoll chippte der Spielführer aus vollem Lauf den Ball Richtung zweitem Pfosten, wo Prömel herbeirauschte und per Kopf aus acht Metern Stuttgarts Keeper Gregor Kobel zum 1:0 für die Eisernen tunnelte.

Kruse verpasst die Vorentscheidung

In der 43. Minute wurde Trimmel durch Kruse wiederum ins Laufen gebracht. Auch dieses Mal machte der 34-Jährige den Weg Richtung Torauslinie, brachte den Ball nun allerdings flach vor das Tor. So scharf, dass kein Stuttgarter dazwischenfunken konnte und Musa schließlich nur wenig Mühe hatte, den Ball zum 2:0 über die Linie zu drücken. Trimmels Leistung lässt sich knapp wie folgt zusammenfassen: herausragend.

Dass nicht nur der 1. FC Union, sondern auch der Gegner in den Relegationsspielen vor knapp zwei Jahren, einen enormen Fortschritt gemacht hat, ließ sich im Besonderen zu Beginn der zweiten Hälfte beobachten. Ja, der VfB kann eine auch gut eingespielte Defensive in Verlegenheit bringen. Nach drei Wechseln zur Pause wirkten die Schwaben weitaus zielstrebiger, kamen sogleich auch zum Anschlusstreffer, als Sasa Kalajdzic mit einer feinen Ablage Philipp Förster in Position brachte und Letztgenannter Unions Keeper Andreas Luthe überwand (49.).

In der Folge entwickelte sich eine offene Partie. Wobei die Eisernen nach einer kurzen Phase der Neuorientierung dem 3:1 letztlich doch näher waren als die Gäste dem Ausgleich. Trimmel beispielsweise zwang Kobel in der 63. Minute dazu, sich ganz lang machen zu müssen. Und Kruse flog in eine Flanke von Lenz, brachte dabei allerdings das Kunststück fertig, den Ball per Kopf über die Querlatte zu jagen (73.). 

Mit einem Treffer hätte Kruse seinem Team und seinem Trainer eine hektische Schlussphase erspart, in der der VfB schon noch einmal drängte, letztlich aber keine eindeutige Torchance mehr zu verzeichnen hatte.