Heimspiel gegen den SC Paderborn: Der 1. FC Union Berlin emfängt ein Überfallkommando

Achtung, das ist ein Überfall! So kündigten in den alten Schwarz-weiß-Westernfilmen Bankräuber ihre Attacken an. Damit auch wirklich jeder wusste: Jetzt geht’s rund, jetzt wird’s gefährlich. Missverständnisse waren so ausgeschlossen.

Es ist wohl nicht zu erwarten, dass der SC Paderborn dem 1. FC Union beim Gastspiel in Köpenick an diesem Sonnabend (13 Uhr, Stadion an der Alten Försterei) eine vergleichbare Warnung ausruft, um auch ja richtig eingeschätzt zu werden, wenn die Mannschaft von Trainer Steffen Baumgart zu einem ihrer Konterangriffe ansetzt. Und gerade deshalb müssen die Unioner umso aufmerksamer sein, denn ein Spiel wie das gegen Paderborn gab es in dieser Saison wahrlich noch nicht: Die Ostwestfalen sind ein echtes Phänomen.

Beispielloser Absturz

Derzeit mit ihrer Bankräuber-Strategie, aber auch in ihrer Entwicklung insgesamt. Nach Jahren als graue Maus der Zweiten Bundesliga gelang 2014 der überraschende Aufstieg ins Oberhaus. Dann folgte jedoch ein beispielloser Absturz mit drei Abstiegen in drei Jahren, von der Bundesliga in die Viertklassigkeit. Nur die Insolvenz von 1860 München nach der Saison 2016/17 ließ die Paderborner, deren Trainer schon damals Steffen Baumgart war, im letzten Moment in der Dritten Liga verbleiben.

Genau hier nahm der neue Aufschwung seinen Anfang. Nach dem sportlichen Abstieg hatten bereits 14 Spieler den Verein verlassen. Steffen Baumgart ersetzte sie durch ambitionierte, aber durchs Raster der Großklubs gefallene Jungprofis. Unter anderem fand Dennis Srbeny eine Anstellung beim SC Paderborn. Er war Stürmer beim BFC Dynamo gewesen. Der Mainzer Spielmacher Philipp Klement schloss sich Baumgarts Mannschaft an, ebenso wie der vereinslose und zuvor vornehmlich in Kroatien aktive Nigerianer Jamilu Collins.

Berliner Entdeckung

Wenige Monate später kehrte der eigentliche Absteiger in die Zweite Bundesliga zurück. Dennis Srbeny war da schon nicht mal mehr dabei – er war während der Winterpause für 1,5 Millionen Euro zu Norwich City gewechselt. Für Drittligaverhältnisse ein kleines Vermögen.

Doch nicht nur der ehemalige Berliner entwickelte sich unter Baumgart prächtig. Jamilu Collins kommt mittlerweile auf 2 309 Minuten Einsatzzeit. Der sechsmalige nigerianische Nationalspieler rangiert damit hinter Unions Marvin Friedrich mit seinen 2 340 Minuten auf Platz zwei der Dauerläufer unter den Zweitliga-Feldspielern. Philipp Klement mauserte sich gar zum Topscorer, traf zuletzt zwölfmal selbst das Tor, legte sechs weitere Treffer auf und steht angeblich auf dem Wunschzettel des FC Schalke 04 und des Hamburger SV.

Unheimliche Konterstärke

Das sind eine Menge Erfolgsgeschichten des Überfallkommandos aus Westfalen. Zurückgeführt werden sie auf den motivierenden Einfluss von Trainer Baumgart – und auf dessen taktisches Verständnis. Denn derart spektakulär wie der SC Paderborn zelebriert keine Mannschaft in der Zweiten Liga das Umschaltspiel bei gegnerischem Ballverlust. Das musste beispielsweise der 1. FC Köln schmerzhaft erfahren, der in seinen zwei Saisonspielen 3:5 und 2:3 verlor. Er war mutig nach vorne gestürmt und hatte in der Gesamtbilanz schließlich acht Gegentore kassiert. Das waren im Durchschnitt knapp dreimal so viele wie üblicherweise pro Partie.

Und so ist auch der Respekt beim 1. FC Union vor dem scheinbar unberechenbaren Gegner groß, zumal der ebenfalls noch um den Aufstieg kämpft. „Sie haben kontinuierlich gearbeitet, immer wieder gute Spieler geholt, die ihre Chance sofort genutzt haben“, sagt Verteidiger Ken Reichel. Allerdings: Besteht nicht auch die Gefahr, dass die Konterstärke des Gegners die eigenen Offensivbemühungen hemmt?

Spezielle Verbindungen

„Nein gehemmter sind wir nicht, dürfen wir auch nicht sein“, betont Unions Mittelfeldspieler Grischa Prömel, „aber vorsichtig müssen wir natürlich sein, uns schon bei Ballverlust so positionieren, dass wir die Konter unterbinden.“ Sein Teamkollege Ken Reichel denkt sogar noch offensiver: „Klar, auf der Hut sollten wir sein, aber keinesfalls vor lauter Respekt unser eigenes Spiel vernachlässigen.“

Bleiben noch die speziellen Verbindungen von Steffen Baumgart nach Berlin. Der ist noch immer Köpenicker Vereinsmitglied, seine Frau Katja leitet die Fanshops der Eisernen, die Familie ist eng mit dem 1. FC Union verbunden. Ein Nachteil für die Mannschaft von Urs Fischer, dass der gegnerische Trainer so nah am Verein ist? „Bei unserem Training habe ich Steffen Baumgarts Frau jedenfalls noch nicht spionieren sehen“, sagt Grischa Prömel und lacht. Also doch ein ganz normales Ligaspiel. Und kein Überfall.