In einer inoffiziellen Rangliste der größten Optimisten der Bundesliga belegt Salomon Kalou den zweiten Platz. Nur am ewig breit und schelmisch grinsenden Claudio Pizarro kommt er nicht vorbei. Der Stürmer sprach bei jedem seiner Wechsel zu Werder Bremen vom Europapokal, also 1999, 2008, 2015, 2018, und fast jedes Mal präzisierte er seinen Wunsch: Champions League – immerhin zweimal klappte es. Doch als Pizarro im vergangenen Sommer mehr wollte, als seine Mannschaft tatsächlich leisten kann, nahm das keiner mehr so ernst. Ein großer Optimist muss sich eben auch den Vorwurf gefallen lassen, ein kleiner Realist zu sein. 

Kalou wollte mit Hertha BSC auch mal in die Königsklasse, die er wie Pizarro und nur acht weitere, zurzeit aktive Bundesligaspieler bereits gewonnen hat. Und Kalou war auch der Einzige, der sich zuletzt traute, immer noch von der Europa League zu sprechen, obwohl Herthas Rückstand auf Platz sechs von drei (Ende Hinrunde) auf sieben Punkte angewachsen war. Das reichte, um den zweiten Platz in der Optimistenrangliste zu verteidigen. Doch der ist nun in Gefahr, weil Kalou unerwartet zum Realisten geworden ist. Europapokal? Kein Wort mehr dazu. Über das 0:5 bei RB Leipzig sagte er: „Wir wurden zerstört.“

Gelegenheit zur Korrektur

Am diesem Sonnabend geht es um den Wiederaufbau. Ab halb vier spielt Hertha gegen Fortuna Düsseldorf, und so wie Kalou die Lage einschätzt, ist sie eine besonders kritische. „Das ist ein enorm wichtiges Spiel für uns“, sagte er. „Düsseldorf steht direkt hinter uns, könnte sogar vorbeiziehen. Das müssen wir verhindern.“ Noch mal zur Erinnerung: Im Olympiastadion findet das Spitzenspiel der untereren Tabellenhälfte statt, Zehnter gegen Elfter, plötzlicher Zweifel gegen unerwartete Euphorie. Gesucht wird der Meister der Mittelmäßigkeit. Zu mehr wird es für Hertha in dieser Saison nicht mehr reichen.

Sieben Spiele sind es noch, sieben Gelegenheiten, etwas zu korrigieren, das nicht nur in Leipzig falsch gelaufen ist. Drei Niederlagen in Serie sind das eine. Das andere sind die atmosphärischen Störungen auf Leitungsebene, die immer sichtbarer werden. Dass Michael Preetz und Pal Dardai keine besten Freunde sind, das ist bekannt. Das Verhältnis zwischen Manager und Trainer ist ein rein berufliches. Und der Chef wurde Anfang Februar deutlich gegenüber seinem wichtigsten Angestellten: „Pal Dardai entwickelt sich“, sagte Preetz dem Kicker und ergänzte: „Und muss das auch.“ Am Erscheinungstag des Interviews reagierte der Trainer mit dem spöttischen Hinweis: „Die Aufstellung kommt immer von oben. Ich muss warten, bis der Manager kommt und mir sagt, wer spielt und wer nicht.“

Ein Charaktertest

Nach der Niederlage in Leipzig wurde noch deutlicher, dass die Trainerfrage mehr als ein Sommerlochthema werden könnte. „Und dass immer gesagt wird, dass etwas entstehen kann, wenn die Mannschaft zusammenbleibt, stört mich“, sagte Preetz. „Im Moment ist die Mannschaft komplett. Da darf gern jetzt mehr kommen.“ Dazu muss man wissen: Der Mann, der ständig wiederholt, dass etwas entstehen kann, wenn die Mannschaft zusammenbleibt, heißt Dardai. Dessen Antwort: „Es geht um das Jetzt, Jetzt, Jetzt. Jetzt wollen wir etwas erreichen und wollen nicht auf das nächste Jahr warten.“ Nee, Halt, stimmt ja gar nicht. Das sagte nicht Dardai, sondern Florian Kohfeldt, Trainer von Werder Bremen und Pizarro, der schon wieder grinst und von der Champions League träumt. Dardai sagte immerhin: „Jetzt müssen wir loslegen.“

Kalou müsste eigentlich auch mal wieder. Seine sechs Pflichtspieltore erzielte er gegen Dortmund (vier), Bayern und Gladbach (jeweils eins), seine drei Assists gelangen ihm gegen Gladbach, Bayern und Werder. Gegen Teams aus den mittleren bis unteren Tabellenregionen wirkt er irgendwie gehemmt, als wäre ihm die Größe der Aufgabe zu klein. Das scheint nun anders zu sein. „Nach so einer Niederlage wie in Leipzig zeigt sich der Charakter des Teams im nächsten Spiel“, sagte Salomon Kalou und versprach: „Wir werden das Spiel für die Fans gewinnen.“ Da war er also doch wieder, der große Optimist in ihm.