Berlin - Nach 67 Minuten küsste Sebastian Polter seine eignen Oberarme. Eigentlich hätte er auch Felix Bastians küssen müssen, weil der diesen triumphalen Moment überhaupt möglich gemacht hat. Erstes Spiel des 1,6-Millionen-Euro-Rückkaufs aus England, erstes Tor für den 1. FC Union. Als wäre er nie weg gewesen, als wäre alles so wie vor eineinhalb Jahren, als er die Saison mit 14 Toren beendet hatte. „Es war wunderschön, man hat es ein bisschen vermisst“, sagte der 25-Jährige hinterher. Der Treffer war der Wendepunkt in einer Partie, in der sich eine Halbzeit lang gezeigt hatte, dass die Rückholaktion des Torjägers auch so seine Tücken hat. Doch am Ende war das 2:1 (0:1) gegen den VfL Bochum der Beweis, dass sich bei den Eisernen doch einiges entwickelt hat während Polters Abwesenheit. Und zwar zum Besseren.

Fokussierung auf Polter birgt auch Gefahr

Zwei Geschehnisse versetzten die Zuschauer im Stadion An der Alten Försterei am Freitagabend wiederholt und unüberhörbar in Erregung: erstens, wenn Sebastian Polter in den Strafraum rannte und zweitens, wenn der Ball zu Sebastian Polter flog. Immer dann brüllten die meisten der 19.317 euphorisch auf. Und kam beides zusammen, wenn sich also Polter und Ball gemeinsam in Richtung Tor bewegten, dann dürften das wohl auch Spaziergänger in der Köpenicker Altstadt mitbekommen haben, so laut wurde es auf den Tribünen. Doch ebbte die Begeisterung in den Erregungsszenen der ersten Hälfte schnell ab. Daraus wird Union-Trainer Jens Keller seine Lehren ziehen müssen. Dass die Fokussierung auf Polter eine Gefahr in sich birgt, wird ihm nicht entgangen sein.

Die Krux ist, dass natürlich auch die Bochumer wussten, dass das Gros der Angriffe über Polter laufen würde. Zwar hat Polter bei den Queens Park Rangers sichtlich noch an Ballsicherheit und Spielintelligenz gewonnen, aber all seine Drehungen und Passversuche brachten nichts ein, weil drei oder vier Gegenspieler den Angreifer umstellten. Die Berliner waren im ersten Spielabschnitt das aktivere Team, aber die Chancen hatte Bochum.

Pedersen mit Blut im Gesicht

Vor der Abwehr vertrat Michael Parensen den gelbgesperrten Stephan Fürstner, es war aufgrund eines Mittelfußbruchs sein erstes Spiel seit Mitte Oktober. Doch da Kristian Pedersen vor der Halbzeitpause im Gesicht blutete und an der Seitenlinie behandelt wurde, nachdem ihn Patrick Fabian unabsichtlich mit den Stollen getroffen hatte, musste Parensen als Linksverteidiger aushelfen − und fälschte den Kopfball von Tim Hoogland ins eigene Tor ab (40.). Unglücklich. Die Schuld lag mehr beim einfach überspielten Felix Kroos im Zentrum und dem die Flanke zulassenden Christopher Trimmel auf dem Flügel. 0:1. Als Letzter ging Polter an der Seite von Assistenzcoach Henrik Pedersen in die Kabine. Es gab Rede- und Handlungsbedarf.

Und so kam Philipp Hosiner für Parensen in die Partie. Damit mussten die Bochumer einen Mann mehr im Blick behalten. Das half, zumal es sich eine Minute nach dem Wechsel als glückliche Fügung herausstellte, dass der nach dem Weihnachtssingen neu verlegte Rasen aufgrund der Kälte nicht richtig angewachsen ist. Polter wusste das, schließlich hatte Keller zwei Übungseinheiten auf dem stumpfen Geläuf abgehalten. Gegenspieler Bastians aber rutschte aus. „Mein Tor hat vielleicht auch etwas Druck in der Mannschaft aufgebaut, dass heute noch mehr geht“, sagte Polter, der Bochums Keeper Manuel Riemann abgeklärt umkurvte.

Skrzybski hat sich weiterentwickelt

Im Anschluss wurde deutlich, dass sich während Polters Abwesenheit nicht nur die Namen der Trainer und ihr taktisches Geschick verändert haben. Auch die Mitspieler haben kräftig dazugelernt, allen voran Steven Skrzybski, der sich in den eineinhalb Jahren zu einem echten Stürmer weiterentwickelt hat. Der diesmal blitzschnell und mit Übersicht agierendende Kroos legte vor, Skrzybski vollstreckte, wie es Polter nicht hätte besser machen können (80.). Sein siebter Saisontreffer war ein gutes Mittel gegen die Gefahr, dass sich die Begeisterung für Polter zur Manie auswächst. Das nämlich ist dem Verein schon bei Torsten Mattuschka nicht gut bekommen. Die Nachwehen hat Polter damals erlebt, der Klubheld war damals abgewandert, weil Polter, Maximilian Thiel und Martin Kobylanski kamen. Und vielleicht versuchte es der Heimkehrer daher mit demonstrativer Bescheidenheit: „Ich hatte etwas Glück mit dem Ball an Riemann vorbei.“